Richter und Scharfrichter

Schultheiß, Schöffen und Scharfrichter
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 Das Land- und Centgericht im Allgemeinen

Die Richter der alten Gerichte, die man auch „Urteiler“ nannte, spielen im geschichtlichen Rückblick nur eine untergeordnete Rolle. Wer kennt schon ihre Namen? Das ist anders mit denen, die die Urteile in die Tat umsetzten, den Scharfrichtern oder Nachrichtern, wie sie auch hießen. Sie bildeten ganze Familienclans, die von der bürgerlich-städtischen Welt ausgeschlossen blieben, weil ihr Beruf in alter Zeit als anrüchig und unehrlich galt. Gleichwohl gilt der Scharfrichter als die populärste Figur der Rechtsgeschichte. Dies hängt offenbar mit folgenden Umständen zusammen:

  • Die Aura des Unheimlichen und Magischen, die den Scharfrichter umgibt
  • Die Faszination des Todes
  • Das Interesse an Verbrechen, Rache, Blut und Horror.

Den Beruf des Scharfrichters gibt es in unseren Landen seit dem späten Mittelalter, also seit dem 12./13. Jahrhundert. In der Zeit davor galt das sog. Bußstrafrecht. Verbrechen, auch der schwersten Art, konnten durch Bußen abgegolten werden. Der Verletzte oder die Angehörigen eines Ermordeten durften im Wege der Fehde Rache an dem Täter oder dessen Familie nehmen. Einen staatlich bestellten Vollstrecker brauchte man nicht. Wir dürfen allerdings nicht annehmen, es habe sich um eine rechtlose Zeit gehandelt. Die Fehde, deren sich vor allem die Ritter bedienten, war auch eine Form des Rechts, gebunden an bestimmte Voraussetzungen, die einzuhalten waren.  Aber damit wollen wir uns nicht weiter beschäftigen.

Von der Eigenjustiz zur staatlichen Gerichtsbarkeit

mittelalterlicher Fehdebrief

Mit dem Ausbau der Landesherrschaften gab es eine neue Entwicklung. Die Eigenjustiz, die nur zu oft mit Eigennutz verbunden war, entsprach – modern gesprochen – nicht mehr dem Zeitgeist. Die fürstlichen Herren wollten die Strafgewalt in ihre Hand bekommen. Sie erstrebten das, was man heute das staatliche Gewaltmonopol nennt. Land- und Gottesfriedensordnungen sollten die Fehde  und das Raubrittertum bekämpfen und die Sicherheit in Stadt und Land erhöhen. Ein durchgreifender Erfolg stellte sich zunächst nicht ein. Eine Redensart umschreibt dies so: „Ich traue dem Frieden nicht.“   

In Umstadt gab es einen ähnlichen Fehdebrief wie den Abgebildeten von 1400 mit Drohungen es Ritters Schelm von Bergen.  Er ist mir (vorläufig) allerdings verloren gegangen. 

Das Hoch- und Spätmittelalter war aber auch die Zeit der Städtegründungen, die zu Zentren der Erneuerung und des Ausbaus des Rechtswesens führten. Dazu gehörte auch – wenn auch nur als kleiner Mosaikstein im Gesamtgefüge des Reiches – die Stadt Umstadt.

Der Staat, der die Bestrafung von Verbrechern  in die eigene Hand nehmen und durchsetzen will, braucht dazu vor allem zwei Organe: einmal eine Gerichtsinstanz, zum anderen Vollstreckungsbeamte. In Umstadt waren dies im späten Mittelalter das Land- und Centgericht auf der einen und die Scharfrichter auf der anderen Seite.  Natürlich waren die entsprechenden Strukturen nicht auf einen Schlag da, sondern entwickelten sich nach und nach.

 Die Cent Umstadt und das Gericht

Wir wollen uns aber hier nicht zu viel in allgemeinen Erörterungen ergehen, die jeder in einem Buch zur Rechtsgeschichte besser und wohlgesetzter nachlesen kann.

Sehen wir uns doch eher an, wie der Rechtsalltag im 17. Jahrhundert für  Richter und Gerichtete in Umstadt (heute: Groß-Umstadt) aussah. Die Stadt war damals Mittelpunkt einer sog. Cent, einem vergleichsweise umfangreichen Gerichts- und Polizeibezirks im vorderen Odenwald.

Cent Umstadt und Umgebung

Die Verfassung unseres Gerichts waren seit 1455 in einem Weistum geregelt, ebenso der Umfang des „lantgerichts“. Dazu heißt es im Weistum: 

Zumlantgericht gein Omstat alß an Ihrn oberhoff“ gehören folgende Orte: Nieder-Kainsbach, Brensbach, Ober- und Niederklingen, Lengfeld, Habitzheim, Spachbrücken, Harpertshausen, Langstadt, Schlierbach, Schaafheim, Kleestadt, Klein-Umstadt, Richen, Dorndiel, Häuser Hof, Waldamorbach, Wächtersbach, Heubach, Ober-Nauses, Hassenroth und Unroden (eine Wüstung bei Lengfeld).

Das Gericht, besetzt mit 14 Schöffen und geleitet vom städtischen Schultheißen  hatte verschiedene Aufgaben. Die Festsetzung von Bußen für die Begehung kleinerer Delikten, aber auch für schwere Verbrechen. Dann nannte man das Gericht auch  Hals- und Blutgericht.  Das Kennzeichen der Hochgerichtsbarkeit war der Galgen. 

Das Gericht tagt.

Der 26.05.1662 war für nicht nur für die Umstädter, sondern auch für die Einwohner der zur Cent gehörenden Dörfer  ein besonderer Tag: Die Umstädter Amtmänner  hatte sich nach langen Streitigkeiten darauf geeinigt, nach 17 Jahren  wieder einmal  einen „Centgerichtstag“ abzuhalten. Dies hatte deshalb so lange gedauert, weil die Stadt Umstadt ein Kondominat  war – es war von zwei Herrschaften beherrscht: Kurpfalz und Hessen-Darmstadt. Beide hatten unterschiedliche Auffassungen vom sachlichen und rechtlichen Umfang der Cent und der damit verbundenen Rechte und Pflichten. Gelehrte Abhandlungen  mit spitzfindigen  Argumenten waren darüber verfasst worden, ohne dass man zu einer Einigung kam. Die Einzelheiten mögen hier beiseite bleiben, um unsere kleine Betrachtung nicht unnötig aufzublähen.

Wenn ein Sitzung des Gerichts angesagt war, schickten die herrschaftlichen Beamten den Stadtknecht in jedes Dorf der Cent. Dort verkündete  er den Einwohnern, die durch Glockengeläute zusammen gerufen worden waren, den Tag des Gerichts. Alle erwachsenen „gangbaren“  Männer (die Frauen blieben außen vor) hatten zu erscheinen, und zwar in militärischer Form mit „ihren Centgewehren“ und „Trommeln und Pfeifen mit klingendem Spiel“ – theoretisch gesehen.

Die  Folgen des 30-jährigen Kriegs machten  aber am 6. Mai einen Strich durch die Rechnung. Nur die Groß-Zimmerner und die Klein-Umstädter erschienen mit „Trommeln und Pfeifen“, die anderen dagegen waren „ohne Spiel, weilen sie nach der Mannschaft gering.“  Auch die Stadt Umstadt brachte es nicht fertig, die 12 Schöffen zusammen zu bringen, wie es dem Herkommen entsprach. Es waren noch sieben an der Zahl da, davon noch einer krank. Damit der Gerichtstag nicht ins Wasser fiel, einigte man sich,  dass diesmal „doch ohne praejudiz“ nur sechs Schöffen aus Umstadt und je einer  von den Orten zu Gericht sitzen sollten. Sie waren ehrbare und angesehene Handwerksleute, die auch im „Oberrat“ der Stadt saßen. Sie sind im Protokoll verzeichnet: 

  • Paulus   Geippel,
  • Hanß   Frieß,
  • Hanß   Hundt,
  • Philips   Weyckenandt:  war krank,
  • Heinrich   Kunckel,
  • Hanß   Rörich,
  • Hanß   Emmerich – alle von Umstadt,
  • Henrich   Sturmfelß   für   Klein-Umstadt   und Richen
  • Hanß   Karn  für   Semd,
  • Hans   Wetterhahn   für   Habitzheim,
  • Bernhardt   Poth   für   Groß-Zimmern,
  • Hanß   Conradt   Neuroth   für   Spachbrücken   und Zeilhard,
  • Valentin   Greiffenstein   für   Raibach,
  • Caspar   Mühlhäußer   für   Wüstenamorbach,
  • Wilhelm   Schaffeneck   für   Bensbach,
  • Philip   Eyttenmüller   für   Nieder-Kainsbach.

Der Gerichtstag fand in der Säulenhalle des Umstädter Rathauses statt, auf dessen Dachtraufe die Justitia mit drohend erhobenem Schwert noch heute steht, begleitet von der Prudentia, die mit Spiegel und Schlange die Klugheit der Gerichtsmänner  beschwört. Die Schöffen, bekleidet „mit ihren dunkelen Mänteln“, saßen auf dem erhöhten Altan an der westlichen Seite der Halle an einer langen Tafel, die mit Teppichen belegt war. Den Vorsitz übernahm der Schultheiß Hanß Georg Ganß, der den Gerichtsstab in Händen hielt. Es war nach alter Rechtstradition ein Haselstab. Die Hasel hatte im Rechtsleben schon zu germanischer Zeit eine magische Bedeutung; sie sollte vor Zauber schützen. Das alte Königsgericht – ebenfalls auf erhöhter Stelle  („stafflo regis“)  tagend – war  zu seinem Schutz von Haselstöcken umgeben.  Der Stab in der Hand des Schultheißen zeigte den Bürgern, wer die Macht im Gericht hatte: die beiden Herrschaften Kurpfalz und Hessen-Darmstadt. Der Schultheiß war als ihr „gemeinschaftlicher“ Vertreter der mit Abstand wichtigste Beamte in der Stadt nach den Amtmännern und leitete als Richter („iudex“) die Verhandlung. Die vierzehn Schöffen  waren die „Urteiler“.

Die machtvolle Inszenierung in der Säulenhalle beeindruckte die an Ort und Stelle erschienenen Bürger sicherlich. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die letzte Entscheidungsbefugnis  in der Verhandlung  nicht bei den Schöffen lag, sondern bei den Amtmännern der genannten Herrschaften. Die saßen als „Centkommissarien“ auf einem erhöhten Platz an einem besonderen Tisch.

Es war auch kein Zufall, dass der Altan, auf dem die Gerichtsherren erhöht gegenüber dem gemeinen Volk saßen, im westlichen Teil der Säulenhalle stand, wo er sich noch heute befindet. . Auch dies beruhte auf uraltem Herkommen und war sicherlich auch so im Vorgängerbau des um 1600 erbauten Rathauses.  Die Richter, der über Recht und Unrecht zu entscheiden hatte, mussten nach Osten zu schauen in die Himmelsrichtung des Heils. So war das auch in Umstadt.   Wer sich hier zu verantworten hatte, kam deshalb nicht seitlich durch den südlich gelegenen Eingang des Rathauses, sondern durch die östliche Tür gegenüber der Stadtkirche, um dem Gericht von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen.

Das Landgericht als Rügegericht

Am 26.5.1662 hatte hatte die „Urtheiler“ über einfache Bußsachen zu befinden, „freveln“, wie sie genannt wurden. Dazu gehörten Forst- und Feldvergehen, Kleindiebstähle, unrechtes Maß  oder Gewicht, „blutrüstige“ Schlägereien, üble Nachrede, Beleidigungen und ähnliche Delikte. Hierüber hatten sog. „Heimburger“, die es in jedem Dorf gab, „frevelregister“ zu erstellen, die dann am Gerichtstag  abzuhandeln waren. Es lag also eine umfangreiche Arbeit vor den Schöffen. Die Gerichtsverhandlung sollte 3 Tage dauern

Doch bevor die eigentliche Verhandlung beginnen konnte, waren noch weitschweifige Formalien zu erledigen, die hier nur angedeutet werden sollen, um die Sache nicht zu sehr auszuweiten. Zunächst hatte der Schultheiß die erhöht thronenden Beamten zu befragen, ob die Verhandlung beginnen könne. Nach ausgedehnten Fragen, Gegenfragen und Antworten  gestatteten die Herren dies endlich. Die wichtigste Feststellung stand aber noch aus: die Frage an den ältesten Schöffen, ob das Gericht zur rechten Tageszeit einberufen und in wessen Namen es zu hegen sei.  Hierzu sprach der Schultheiß die altüberlieferte Hegungsformel, nachdem er sich erhoben, das Haupt entblößt und den Gerichtsstab empor gehoben hatte. Zugleich wandte er sich an das Publikum und verkündete bestimmte Verfahrensregeln, die – etwas abgewandelt – noch heute im Gericht gelten:

„Ich verbiete  alle unziemliche  Wort und Überwort,  so diesem  löblichen Centhgericht   möchten schaden bringen.

Undt gebiete auch,  daß niemandt sein wort thue, er thue es denn mit erlaubnis.

Undt  gebiete auch dem Richter, seinen Stuhl nicht zu räumen, er thue es denn mit Erlaubnis.“

Aber noch war man mit den einleitenden Formalien nicht ganz am Ende. Nach Verlesung des alten Umstädter Centweistums von 1455, das die Rechte und Zuständigkeiten des Gerichts festschrieb (die Einzelheiten wollen wir hier übergehen), hatten alle Bürger, die noch nicht vereidigt waren, den Centeid „mit aufgehobenen Fingern leiblich und würcklich zu Gott“ zu leisten.

Endlich geht es zur Sache

Jetzt endlich – es waren schon zwei bis drei Stunden vergangen – näherte man sich dem Zeitpunkt, der im modernen Verfahren der Verlesung der Anklageschrift entspricht: Der Schultheiß fragte zunächst die beiden Beamten, dann die Centschöffen und schließlich die Heimburger aller Dörfer, „waß ihnen als rugbar wißendt sey.“ Da man nicht alle „frevel“ im Kopf behalten konnte, wurden Register mit Aufzeichnungen zu diesem Thema überreicht, die der Schultheiß „öffentlich und in publico“ vorlas. Zugleich verbot er den beschuldigten Personen und den benannten Zeugen, die Stadt zu verlassen, „biß die frevel erkandt, buß gethaidigt (= gerichtlich festgesetzt) und die straff bezahlt“ sei.

Zwischenzeitlich war die Mittagsstunde erreicht und das Schöffengericht nahm seine wohlverdiente Pause. Alle gingen auseinander. Zuvor gab der Schultheiß dem „Centvolck“ auf, nachmittags mit dem Centgewehr wieder auf dem Marktplatz zu erscheinen, wenn die Trommel gerührt werde.

Bevor sich die Centuntertanen am Nachmittag wieder an Ort und Stelle versammelten, mussten sie eine Musterung über sich ergehen lassen. Man kann sich denken, wie „beliebt“ das ganze Centgehabe bei den Bürgern war.  Der Wachtmeister besichtigte „von Mann zu Mann“ die Gewehre, wobei er „dieselbigen, wo vonnöthen corrigieret.“ Dabei wird er  kaum mit dem schwächlichen Aufmarsch zufrieden gewesen sein. Nachdem dies endlich erledigt war, durfte jeder, der es wollte, nach Hause gehen. Ausgenommen waren nur die Heimburger, die Beschuldigten und die in den Registern benannten Zeugen.

Jetzt endlich konnte das Gericht mit seiner eigentlichen Aufgabe – der Rechtsprechung – beginnen. Drei Tage – vom 26.5. bis 28.5.1662 – verhandelte der Schultheiß mit seinen „Urteilern“ knapp 90 Fälle, vor allem aus Groß-Zimmern, aber auch aus Umstadt, Brensbach und anderen Orten, die zur Cent gehörten.

Wir wollen es uns ersparen, näher auf die verhandelten „frevel“  einzugehen, obwohl sie interessante Einblicke in das örtliche Geschehen geben. In der Cent ging es bei weiterm nicht so friedlich zu, wie dies manchmal romantisierend dargestellt wird.

Zwei Fälle sollen für die vielen anderen stehen:

  • Als im Laufe des Jahres 1661 der „Sonnenwürth von Eberstadt“ nach Umstadt kam, um in der pfälzischen Kellerei Korn abzuliefern, begab er sich – schon „trunckenerweiß“ vorbelastet – in die Gastwirtschaft des Jost P. und befahl herrisch, ihm ein Glas Wein zu bringen, und zwar – darauf legte er Wert – in einem  „kristallenem Glas“. Als der Wirt ihm sagte, so etwas habe man hier nicht, soll der Eberstädter den Wirt einen „lumpen hundt“ und einen „schelmen“ geheißen haben. Dann sei er fort gegangen, ohne den Wein zu bezahlen.
    Die Schöffen entschieden lapidar: „Sollß verbüßen.“
    Über die Höhe der Buße hatten nicht sie, sondern die Amtmänner zu entscheiden. Sie setzten sie mit 8 Pfd. Heller an.
  • In Groß-Zimmern war hauptsächlich ein gewisser Jost Geiß in zahlreiche Streitigkeiten mit der Obrigkeit verwickelt. Er hatte behauptet, „der Landtgraff (gemeint war Landgraf Ludwig VI. von Hessen-Darmstadt) habe nit so viel Macht, daß er eine tote Katze in Zimmern übern Weg schleiffen dürfe“, womit er in polemischer Form die verwickelten herrschaftlichen Verhältnisse in einer bestimmten Gasse in Groß-Zimmern ansprach. Damit hatte er sich viel Ärger eingehandelt. Die Urteiler überwiesen die Entscheidung in dieser Sache an die herrschaftlichen Beamten, „weil der frevel gar zu hoch und fast zu schwer sei.“ Denn es ging um so etwas wie eine Majestätsbeleidung. Der Fall eskalierte übrigens in den folgenden Jahren und führte bis zur Entführung und Gefangennahme des Zimmerner hessisch-wamboltischen Schultheißen Wolff Held, den man als Geißel in das Löwensteinische Habitzheimer Schloss steckte. Doch dies ist eine andere Geschichte.

Und so ging es fort. Fall um Fall. Nach drei Tagen waren alle Frevel abgeurteilt und die Bußen festgesetzt. Die Gelder kamen allerdings nicht der Stadt zugute, sondern Kurpfalz und Hessen-Darmstadt zu je ½. Denn das Gericht war kein Stadtgericht (das gab es in Umstadt auch), sondern ein Landgericht, getragen von den beiden Herrschaften.  Die beiden Beamten erhielten für jeden entschiedenen Fall zusätzlich ein „glaßgeldt“ von  zwei denaren (Pfennigen). Ob von den Bußen für die Herrschaften viel übrig blieb, darf man bezweifeln. Denn es war Sitte, dass sich die beiden Amtmänner, der Schultheiß und  die Schöffen nach getaner Arbeit in einem der Umstädter Gasthäuser am Markt zu einem gemütlichen Umtrunk trafen, bezahlt mit den Glas- und Bußgeldern. Damit war die Sache bis zur Ausrufung des nächsten Landgerichtstags abgeschlossen.

Das Thema, wie es die Überschrift ausweist, ist damit noch nicht erschöpfend behandelt.  Über die „Hohe Gerichtsbarkeit“  über „Haut und Haar“ oder – noch schärfer – über „Hals und Haupt“ wird in einer besonderen Abhandlung berichtet werden. Dann geht es nicht nur um die Richter, sondern auch um die Nachrichter (Scharfrichter).

 Das Blutgericht

Wir haben Teil 1 der kleinen Reihe zum Gerichtswesen in unserer Stadt das Land- und Centgericht Umstadt kennengelernt, als es im sog. Bußgeldverfahren  in der Säulenhalle des Umstädter Rathauses Recht sprach. Dabei ging es um kleinere Delikte, Schlägereien, Beleidigungen, Zechbetrug und Ähnliches. Das gleiche Gericht war aber auch in den spektakulären Fällen zuständig, wenn es also um schwere Kriminalität ging. Es ging dann um „Haut und Haar“ oder gar um „Hals und Haupt“; das Landgericht nannte sich dann auch „Blutgericht“. Was die Formalitäten anging, so können wir uns kurz fassen. Sie ähnelten sehr dem Bußgeldverfahren, ob es nun um die Einberufung des Gerichts, die Verpflichtung der Untertanen, an Ort und Stelle zu erscheinen oder die Einleitung der Verhandlung mit den immer wiederkehrenden Formeln handelt. Sie sind schon beschrieben und brauchen hier nicht wiederholt zu werden.

Schöffenstuhl in Volkach mit dem Vorsitzenden und den Schöffen

Die Besetzung der beiden Gerichtsarten unterschied sich geringfügig. Gleich war die althergebrachte Anzahl von 14 Schöffen unter dem Vorsitz des Schultheißen. In den Blutsachen waren jedoch die Centdörfer  der Stadt stärker vertreten: sie stellten fünf Schöffen nach einem bestimmten Schlüssel, die Stadt die restlichen neun. Zur Verhandlung kamen noch zwei weitere Teilnehmer dazu, die dem Ganzen etwas mehr Farbe und Dramatik verliehen: der „fiscal“, den wir heute als Staatsanwalt bezeichnen, und der „defensor“, der den Angeklagten verteidigte. Es waren Rechtsgelehrte, die von Darmstadt, Heidelberg und später Mannheim erschienen. Sie taten sich mit feurigen Plädoyers hervor, so wie dies auch in heutigen Strafverfahren üblich ist. Es sah aus, als werde ergebnisoffen und – modern gesprochen – rechtsstaatlich verhandelt. Aber es war alles nur Schein. 

Denn das Ergebnis der Verhandlung – in aller Regel die Verurteilung des Angeklagten – stand von vorneherein fest. 

Das Inquisitionsverfahren 

Im Inquisitionsverfahren, das seinerzeit galt, ermittelten besonders bestellte Beamte im Vorfeld der Verhandlung, ob dem Angeklagten eine Schuld nachgewiesen werden konnte oder nicht. Die Grundlage war die „Constitutio Criminalis Carolina“ Kaiser Karls V. von 1527. Dabei konnte notfalls auch die Folter eingesetzt werden, die dem Scharfrichter oblag. 

Das war aber in Umstadt, soweit wir wissen, nur selten der Fall.  Wie der Angeklagte zu verurteilen sei, hatten letztlich  die Landesherrschaften – Kurpfalz und Hessen-Darmstadt – zu befinden. Die ziemlich komplexen Regelungen hierzu sollen übergangen werden, um die Sache nicht unnötig auszuweiten.  Kam man – meist auf Grund eines Geständnisses – zum Ergebnis, dass die Straftat nachgewiesen sei, setzten die Kanzleien in Mannheim oder Darmstadt die Strafe fest und befahlen, die öffentliche Verhandlung zum „endlichen Rechtstag”  in der Säulenhalle des Umstädter Rathauses anzuberaumen. Dort verkündete  dann im eingangs geschilderten Rechtsgang der Schultheiß das Urteil. War es ein Todesurteil, brach er den Gerichtsstab und warf ihn dem Angeklagten vor die Füße. Der war damit dem Tode geweiht. Es gab keine Möglichkeit, das Urteil anzufechten. Die Sache war damit für das Gericht erledigt. 

Die Scharfrichter

Der Scharf- oder Nachrichter, wie er auch genannt wurde, konnte nun seines Amtes walten. Er hatte allerdings kein städtisches Amt inne mit festem Entgelt, sondern war sozusagen freiberuflich tätig. Sein Verdienst war schmal; beispielsweise bekam er  für eine Hinrichtung, ob nun mit Schwert oder Strang, gerade einmal 5 Gulden. Wegen des mageren Verdiensts wundert es nicht, dass die Stelle nicht kontinuierlich besetzt war; lange Zeiten gab es in Umstadt gar keinen Henker. Wurde einer gebraucht, so holte man sich einen aus anderen Orten. Lediglich die Familie Klotz, auf die wir noch zurückkommen werden, brachte es zu einer gewissen Kontinuität.  

Die Zeit vor dem 30-jährigen Krieg

Vor dem 30-jährigen Krieg finden wir in Dokumentationen und alten Akten nur einzelne Erwähnungen verschiedener Personen, ohne dass ein kontinuierlicher Zusammenhang erkennbar ist. Beispielhaft seien für 1477 ein „zuchtiger von Omstadt“ erwähnt, der mit seinem Gesellen auf den Breuberg gebeten wurde, um einen Mann zu foltern. Oder 1509, als der „Schinder von Umstadt Vetzert“ den Beschuldigten Christmann in Babenhausen foltern sollte, den man der Sodomie verdächtigte. Ob man die beiden Scharfrichter nennen kann, mag zweifelhaft sein. Eher waren sie Folterknechte mit einer gewissen Erfahrung, die man zur Hilfe rief. 

Seit Beginn des 16. Jahrhunderts wird des „Wasenmeisters Haus“ oder auch die „Meisterei“  genannt, in der die Scharfrichter und ihre Gesellen wohnten. Weil die Einkünfte schwach waren, verwerteten und beseitigten sie  als Wasenmeister auch tote Tiere. Die Meisterei, für deren Erhaltung die Stadt zuständig war, stand im Bereich der später errichteten jüdischen Synagoge. Im städtischen Brandkataster wird sie als ein „zweistöckig Hauß mit Scheuer, Pferde- und Schweinestall“ beschrieben.

Kleiner Stammbaum

Eine  halbwegs kontinuierliche Linie der Umstädter Scharfrichter lässt sich erst ab 1664 nachzeichnen, nachdem ein gewisser Paul Schwert seine Stelle angetreten hatte, der aus Oberhessen stammte. Er vollstreckte übrigens nicht nur Urteile, sondern war weit über Umstadt hinaus er für seine medizinisch-chirurgischen Behandlungen bekannt. Sie waren allerdings nicht immer mit Erfolg gekrönt. So kam 1685 eine  Frau aus Groß-Ostheim „wegen eines gefährlichen Armschadens anhero in die Chur“ nach Umstadt, um sich von Schwert behandeln zu lassen. Die nicht näher beschriebene Therapie führt allerdings zum Tod der katholischen Frau.  Bei ihrer Beerdigung kam es zu massiven, durchaus unchristlichen Streitigkeiten zwischen den Umstädter Lutheranern und Calvinisten. Um die Sache hier nich unnötig aufzublähen, wird hierüber in einem gesonderten Beitrag berichtet. Er zeigt beispielhaft die medizinische Seite des Scharfrichtertums und den Ablauf des Strafverfahrens. 

Paul Schwert können wir als den Stammvater der Umstädter Scharfrichter ansehen. Er war mit Anna Maria Busch verheiratet, die ebenfalls dem gleichen Milieu entstammte. Die Scharfrichter, die zwar geachtet waren, aber nach allgemeiner Ansicht  einem „unehrlichen Gewerbe“ nachgingen, blieben in ihren Beziehungen unter sich. Sie gehörten nicht zu den Bürgern der Stadt.

Aus der Ehe des Paul Schwert ging der  Sohn Johannes (*1667) hervor, der das Amt seines Vaters übernahm. Die Einnahmen in Umstadt waren aber dürftig, so dass Johannes ungefähr 1708/09 nach Gießen ging. Dort heiratete er Anna Margaretha Bast, die Tochter des Gießener Scharfrichters Johann Bast. Dies war ein bedeutender Mann, dessen Grabstätte sich noch heute auf dem Alten Friedhof befindet.  Bast gelang der Aufstieg zum einem anerkannten Wundarzt, der einen kaiserlichen „Ehrlichkeitsbrief“ erhielt. Damit war der Makel seines früheren Berufs getilgt.

Das älteste Kind des Johannes Schwert hieß Anna Margarethe (*1693). Sie heiratete den Umstädter Scharfrichter Anton Klotz (*1677), der  aus einer alten Frankfurter Scharfrichter-Dynastie stammte. Von ihm heißt es, gestützt auf  Forschungen von Pfarrer Held (Groß-Zimmern), er habe seine Erbleihe erst sechs Tag vor seinem Tod am 5.9.1727 erhalten. Dies ist kaum zutreffend, weil Klotz schon in der Bürgermeister-Rechnung von 1718/19 erwähnt ist, als er einen Dieb exekutierte. 

Fragment der Stammtafel Klotz 

Sein Sohn   Johann David (*1714) war zweimal verheiratet, zuletzt mit Marie Ursula Nordt, der Tochter des Ober-Ramstädter Scharfrichters Paul Nordt. Aus der Ehe gingen zahlreiche Kinder hervor.Johann David war der letzte Scharfrichter in Umstadt. Er enthauptete am 25.4.1753 auf dem Marktplatz in Umstadt die Kindsmörderin Barbara Moserin, geb. Wörtge  aus Groß-Zimmern. Danach gab es keine Hinrichtungen mehr unserer Stadt. Klotz, der 1768 verstarb, und seine Nachfolger waren nur noch Wasenmeister. Der Centverband verlor mehr und mehr an Bedeutung, bis er 1821 aufgelöst wurde. Die ehemalige Meisterei vor den Mauern der Stadt verfiel, die neue Wasenmeisterei entstand nach 1816 auf dem Gelände  des heutigen Gruberhofs.

Die beigefügte Stammtafel des Johann David Klotz ist  unvollständig und ergänzungsbedürftig ist. Der Verfasser hat die Genealogie nur am Rande verfolgt, vor allem auf der Grundlage der Forschungen von Pfarrer Held. Vielleicht kann sie bei Gelegenheit  vervollständigt werden.

In einer weiteren Folge der Reihe wird das „Handwerkszeug“ der Scharfrichters (Pranger, Galgen usw.)  geschildert werden, soweit es sich aus Umstädter Akten erschließt.

Nachdem wir die Scharf- oder Nachrichter dem Namen nach kennengelernt haben, wollen wir uns abschließend mit ihrem „Handwerkszeug“ befassen, wenn man es einmal so nennen will. Dies sind im weitesten Sinn alle die Dinge, die dazu dienten, das Urteil, das die Schöffen gesprochen hatten, in die Tat umzusetzen. Viel kann man darüber erzählen.  Um nicht zu weitläufig zu werden, geht es hier nur um eine Zusammenstellung dessen, was sich aus der Überlieferung erschließen lässt.

Das Schwert

Das spektakulärste Instrument des Scharfrichters ist   sein Schwert. Es kam bei Mördern zum Einsatz, die „vom Leben zum Tod“ verurteilt worden waren. Die Scharfrichter gaben das kostbare Schwert  von Generation zu Generation weiter. Das Schwert der Familie Klotz  soll sich  noch nach 1945 in Umstadt befunden haben soll, ist aber verschwunden.     Es war in Solingen in einer berühmten Waffenschmiede in Solingen hergestellt worden. Im Gruberhof ist eine Nachbildung zu sehen.

Der Scharfrichter führt das Schwert zweihändig. Es unterschied sich von Kampfschwertern durch eine sehr breite, flache Klinge ohne Spitze. Sein Schwerpunkt lag vorne zur Steigerung der Schlagkraft. Die Hinrichtungen fanden auf dem städtischen  Marktplatz statt. Die Vollstreckung traf meist Frauen, die ihr im „Ehebruch“ empfangenes Kind getötet hatten, um der gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen. Sie hatten mit entblößtem („decolltiertem“) Hals auf dem Richtstuhl Platz zu nehmen. Hinter ihr stand der Scharfrichter, der das Schwert mit beiden Händen kraftvoll schwang und die Verurteilte mit einem Schlag enthauptete. Dann brachte – zusammen mit vielen Schaulustigen – ihre Leiche zum Dieburger Tor hinaus auf den Galgenplatz vor der Stadt (heute: Erdbeerhof Münch). Dort fand sie dann ihre letzte Ruhestätte.  

Der Galgen

 Der Galgen war das Zeichen der Hochgerichtsbarkeit, des Richtens über Leben und Tod. Die Haltung des Gerichts stand den Landesherren Hessen und Kurpfalz  zu, nicht den untergeordneten Adelsfamilien, die auf den Dörfern lediglich die untergeordnete Vogtei-Gerichtsbarkeit innehatten.  Bis 1534 stand der Umstädter Galgen im Resch, von weitem für jeden zu sichtbar. Dann errichteten ihn die Umstädter dort, wo sich heute der Erdbeerhof Münch befindet. Vor allem Rückfalldiebe wurden dort gehängt. So urteilten z.B. die Schöffen im Jahr 1545, dass Hanns Lampel von Hergershausen „dem Nachrichter an die Hand und an den lichten Galgen mit dem Strang vom Leben zum Tod gericht und gehenckt werden soll.“ Der Scharfrichter führte nach dem Urteilsspruch den Verurteilten in Begleitung eines Geistlichen und mehrerer Amtspersonen „über den Markt durch die Stadt und Vorstadt und weiter den Dieppurger Weg hinaus gegen das Gericht bis an den Steg, wo der Pfad zu Sembd geht
 
 
zweischläfriger Galgen

Dort vollstreckte er dann im Beisein vieler Zuschauer die Strafe. In der Regel blieb der arme Sünder eine oder gar mehrere Wochen dort hängen bis der Scharfrichter oder einer seiner Gesellen die Leiche abnahmen und an Ort und Stelle begruben. Das öffentliche Schauspiel  hatte weniger damit zu tun, potentielle Straftäter abzuschrecken, sondern hing mit dem magisch-sakralen Charakter der Strafe zusammen. Sie sollte nach uralter Rechtsauffassung ein entsühnendes Opfer an die Gottheit sein. In ihr sollte sich die Straftat „spiegeln“ („Auge um Auge, Zahn um Zahn“). Dem Mörder schlug man den Kopf, dem Eidbrecher zwei Finger ab, dem Gotteslästerer riss man die Zunge heraus. Was aber spiegelte den Diebstahl? Der Dieb scheute die Öffentlichkeit, wenn er bei Nacht in fremde Wohnungen schlich. Er tat alles, um unerkannt zu bleiben. Zur Strafe sollte er der Allgemeinheit als unehrenhaft präsentiert werden. Deshalb hängte man ihn in alter Zeit an einen laublosen, für jedermann gut sichtbaren Baum auf. Dies war ein Opfer für den „Totenbegleiter und Sturmgott“ Wotan, der selbst, wie die Edda berichtet, „neun Nächte lang hindurch an windbewegtem Baume“ hing. Aus dem laublosen Baum wurde später der Galgen.  

Der Umstädter Galgen war zweischläfrig wie der abgebildete Rosbacher Galgen.  Er stand  auf zwei Säulen aus Eichenstämmen. Der obere Tragbalken bestand aus 25 cm starkem Eichenholz, das mit Weißblech beschlagen war zum Schutz vor Fäulnis. Der Balken war mit festen Eisenschließen an den Säulen befestigt. Der Galgen bestand noch 1821, als die Cent aufgelöst und das Gerichtswesen neu organisiert wurde. Zu dieser Zeit war das Holz verfault und hätte erneuert werden müssen. Dazu kam es aber nicht, weil es in Umstadt keine Hinrichtungen mit dem Strang mehr gab.       

Die Folter

Hier können wir uns kurz fassen, weil wir nur das schildern wollen, was sich aus den Umstädter Akten erschließen lässt. Welche abscheulichen  Folterwerkzeuge es gab, kann den einschlägigen Abhandlungen entnommen werden. Wer es gerne anschaulich mag, der sollte sich in das Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber begeben. Welche der Werkzeuge der Scharfrichter in Umstadt einsetzte, ist nicht bekannt. Fest steht allerdings, dass auch in unserer Stadt gefoltert wurde. Denn dies gehörte zum damals geltenden Inquisitionsverfahren fast zwangsläufig dazu, wenn der Beschuldigte kein Geständnis ablegte.

Dabei darf aber eines nicht übersehen werden: so widerwärtig die Folter war, so darf sie doch nicht mit den willkürlichen Nazi-Foltermethoden der Neuzeit gleichgesetzt werden. Das Verfahren war streng geregelt und musste einen genau vorgeschriebenen Gang nehmen. Wenn der Beschuldigte nach Befragung nicht geständig war, mussten ihm zunächst die Foltergeräte gezeigt und die Folterung angedroht werden. So war 1575 Hans Deuffel, der des Reihendiebstahls verdächtig war, „nach Verlesung der Tortur“ geständig. Demgegenüber wurde 1550 Margret von Ober-Klingen, der man Kindsmord vorwarf, „durch den Nachrichter peinlich befragt“, was eine verharmlosende Umschreibung der Folterung war.

Aber auch in der Folter selbst waren bestimmte Bedingungen zu beachten: so durften keine Sehnen zerrissen oder Knochen gebrochen werden. Der Gefolterte musste, wenn nicht gesund, so doch wenigstens arbeitsfähig bleiben.  

Gern wird, wenn es um die Umstädter Strafrechtspflege geht, auf die eindrucksvolle kurpfälzische Gebührenordnung für die Scharfrichter von 1734 verwiesen, die so erschreckende Details enthielt wie „Einen auf das Rad legen“ oder „Einen Kopf auf den Pfahl stecken.“ Aber die Verordnung war für die Umstädter ohne Bedeutung, weil die Darmstädter sie nicht anerkannten. In unserer Stadt gab es wegen der weitläufigen Zwistigkeiten der beiden Landesherren kaum geschriebenes Recht. Schlug einer ein Gesetz vor, lehnte der andere  es ab. Man urteilte fast immer „wie von alters her“ oder „nach Observanz“ (Gewohnheitsrecht). Gesetzliche Grundlage war allerdings meist  die „Carolina“ Kaiser Karls V. von 1524.

Stock und Halseisen

Als im 30-jährigen Krieg das „mutwillige Abmachen des unzeitigen Obstes“ überhandnahm, beschloss der Rat der Stadt 1636, „dass zur Bestrafung der Ungehorsamen und Verbrecher ein Stock mit eisernen Banden auf dem Markt  einzugraben sei, daran selbige auf Befindung mit Händen und Füßen gebunden werden sollen.“ Diese Bestrafung, die oft mit Auspeitschen und Vertreibung des Landes verbunden war, kam für geringere   Delikte in Betracht. 1740 wurden z.B. „gedachte Weiber aus Habitzheim an das Halseisen gestellt“. Scharfrichter Anton Klotz erhielt  dafür

Das Bild stammt aus der Website des Fesselmuseums

7 Gulden. 1752 stellte er einen Georg Rinhardus aus Groß-Zimmern an den Stock, der von den kurpfälzischen Truppen desertiert war. Sein Name wurde am Stock auf einem Blechschild vermerkt, das Johann Jakob Kern angebracht hatte. Als der Pranger 1757 renoviert und ausgebessert wurde, nannte man ihn „leib-straf-brechen“. 1770  kettete der Scharfrichter die Ehefrau eines Christoph Heußer mit ihrer ältesten Tochter wegen Landstreicherei an den Pranger. Danach strich er die Frau „scharf“ aus. Die Tochter kam mit „lindem“ Ausstreichen davon. Der Mann wurde zu  sechs Jahren  Schanzarbeit in Mannheim verurteilt, seine jüngste Tochter kam für 3 Jahre ins Mannheimer Zuchthaus. Die Schandpranger kamen in den verschiedensten Formen vor. Wie sie in Umstadt genau aussahen, wissen wir nicht. Die Bilder stehen beispielhaft für nahe liegende, mögliche Formen. Das Halseisen ist im Fesselmuseum zu sehen. 

Die Landesverweisung, die in aller Regel der Prangerstrafe folgte, nahmen die Stadtherren formelhaft in einem hergebrachten Verfahren vor. Der Scharfrichter und eine Abordnung der Stadt führten sie „über den Markt, durch die Stadt und Vorstadt und weiter den Dieppurger Weg hinaus gegen das Gericht  (damit ist der Galgen gemeint) zu biß an den Steg, da der Pfad uff Semd zugehet“. Dort wurden sie „beider höchst und hochgedachten gnädigen Herrschaften Landschaften und Gebieten immer und ewiglich verwiesen und verschwohren“. Sie konnten dann sehen, wo sie blieben. 

Der Lasterstein

Der Lasterstein in seiner häufigsten Form diente im rechtsgeschichtlichen Alltag dazu, vor allem zänkische Frauen öffentlich zu demütigen. Meist hängte man ihnen verkettete Steine über die Schulter mit anzüglichen Abbildungen und stellte sie an einen öffentlichen Platz oder führte sie im Ort herum. Diese Form des Prangers ist jedoch in Umstadt nicht belegt. Die Umstädter ließen sich vielmehr etwas anderes einfallen. Das Oberamt hatte es 1715   „vor nöthig befunden, einen lasterstein zu mehrere Handhabung der Justiz und disciplin uff allhiesigem marckplatz uffrichten zu lassen.“   Der Steinhauer Friedrich Müller und der Maurer Johann Georg Lutzweiler erhielten den Auftrag, den Lasterstein an das Rathaus zu stellen. Müller verfertigte in „dauerhaffter, sauberer, guther Arbeit .. die nottigen quattersteine.“ Diese wurden mit großen Platten belegt. Zu beiden Seiten der Steine, die Lutzweiler mit den Platten vermauerte, führten 9 Treppenstufen hinauf zur Plattform des  Lastersteins. Der Schmied Nicolaus Heintzelmann hatte zur weiteren Ausstattung des Steins vier Kloben (davon zwei in Stein gegossen), Handschellen und eine Kettegeliefert. Der Scharfrichter oder auch der Stadtknecht führten die verurteilten Täter die Treppe hinauf, fesselten sie dort mit Handschellen und ketteten sie an der Mauer des Rathauses an.  

1717 mussten dies der Dieb und Vagabund Johannes Jahn und seine Komplizin Margarethe Wagnerin über sich ergehen lassen. Jahn war durch einen Schrotschuss in Nieder-Kainsbach verletzt aufgefunden und nach „chirurgischer“ Behandlung „bei sehr üblem Wetter mit einer Mistleiter“ nach Umstadt transportiert worden. Beide sperrte man im Blauen Hut ein. Die Frau wurde „zweimal auf den Lasterstein geschlossen.“ Dem Mann blieb dies wegen seiner Verletzungen erspart. Der Barbier Conradt Schulz behandelte ihn 11 Wochen lang, bis beide schließlich in Begleitung des Bürgermeisters May und verschiedener Ratspersonen des Landes verwiesen wurden „so wie bei dem Bluthgericht gehalten wird.“

In Freiburg wurde im 17. Jahrhundert angeblich nach Schweizer Vorbild ein ähnlicher Stein errichtet, der allerdings kleiner war. Eine nähere Beschreibung ist nicht bekannt, außer dass hier die Platten als Bedachung dienten. Was sich die Umstädter Stadtherren ausdachten, ist fast einzigartig zu nennen. Der ausführlich beschriebene Lasterstein ist in dieser Form in der maßgeblichen Literatur nicht zu finden. Die Angaben hierzu sind dem Urkundenband der Bürgermeisterrechnung von 1716/17 entnommen, der sich im Stadtarchiv befindet.

Dies sollten einmal die Stadtherren lesen. 

Der Verfasser hat schon bei früherer Gelegenheit mehrfach von dem beklagenswerten Zustand der Umstädter Archivunterlagen berichtet – ohne nennenswerte Resonanz. Es ist zu befürchten dass dieses unersetzlichen Kulturgut, das in der Raibacher Schule nur schlecht und recht eingelagert ist, nach und nach zerfällt, wenn nicht gehandelt wird. Man hörte sogar vor einiger Zet, dass einem  Teil der Umstädter Ratsherren eingefallen war, am besten das gesamte Stadtarchiv nach Darmstadt abzugeben. Für eine Stadt, die man die „heimliche Kulturhauptstadt“ des Kreises nennt, ein geradezu unglaublicher Vorgang.  Vielleicht überlegen sich die Verantwortlichen einmal, dass Kultur nicht nur aus Sang und Klang, Festen und Aufmärschen besteht, sondern auch in der Erhaltung der unschätzbar wertvollen Archivalien, die über die Geschichte unserer Stadt Auskunft geben.  Dabei geht es gar nicht darum, hierfür zusätzliches Geld aufzuwenden, das angeblich nicht vorhanden ist. Vielmehr ist es zur Not  geboten, die Mittel des Kulturetats mutig nachhaltig umzuschichten. Das gibt zwar viel Geschrei, weil es einige Veranstaltungen weniger geben wird, lohnt sich aber langfristig gesehen. Doch nun genug damit. Es wäre naiv zu glauben, dass dies zu einem Ergebnis führt. Denn es bringt ja nichts. Es ist so, als wenn man einem Ochsen ins Horn petzt. Das sage ich aus langer Erfahrung. 

Der Triller

Doch zurück ins 18. Jahrhundert. Die Fantasie der nimmermüden Stadtherren kannte keine Grenzen, wenn es um die Bekämpfung der Kriminalität ging. Es fehlte noch der „Triller„, manchmal auch die „Trülle“ genannt. Dabei handelte es sich um ein aus Latten käfigartig konstruiertes Häuschen, das mittels einer Welle gedreht werden konnte. 1716 beauftragten die Stadtherren den Zimmermann Leonhard Keller, „den Triller wieder auf dem Markt aufzurichten.“  Johannes Offenstein, der Schlosser, hatte ihn „mit bandten undt schlincken“ zu beschlagen, damit das Ganze einen Halt hatte. Dort sperrte dann der Stadtknecht Personen ein, die  kleinere  Delikte begangen hatten. Landstreicherei, Bettelei, öffentliches Ärgernis, was immer man darunter auch verstand, Verleumdungen und ähnlicher Kleinkram kamen dabei in Betracht. Der Knecht oder auch die Zuschauer auf dem Markt machten sich einen Spaß daraus, den Triller  wie ein Karussell zu drehen, bis man der Sache müde war und die Gedemütigten wieder herausließ.   

In diesen Fällen wurde nicht das großartig und würdevoll tagende Land- und Centgericht einberufen, auch nicht das Stadtgericht. Entweder trafen die herrschaftlichen Beamten oder in deren Auftrag der Schultheiß die entsprechenden Anordnungen.  Wie das Verfahren im Einzelnen ablief, ist allerdings nirgends dokumentiert. Dies hängt damit zusammen, dass die herrschaftlichen  Amtsbücher in der Brandnacht in Darmstadt verloren gegangen sind. Leider ein unersetzlicher Verlust, so dass viele Fragen der Stadtgeschichte offen bleiben müssen. 

Damit geht die kleine Reise durch die Geschichte der Richter und ihrer Vollstrecker in unserer Stadt zu Ende. In einem abschließenden Teil soll noch ein konkreter Rechtsfall geschildert werden, der die Zusammenarbeit der beiden Berufsgruppen in der Praxis zeigt. Doch davon später.