Hettersdörfer Adelshof

Der Hettersdörfer Adelshof und seine Besitzer
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von Georg Füßler

 

Die Burgmannen von Umstadt

Groß-Umstadt, die alte „Autmundisstatt“ war im Mittelalter Herrensitz einer ganzen Reihe von Burgmannen. Mit dem Aufkommen des adligen Ritterstandes etwa im 12. Jahrhundert, zu einer Zeit also, als sich auch in Umstadt die Stadtwerdung vollzog, ließen sich immer mehr Adelsfamilien in der ummauerten und wohl befestigten Stadt nieder. Der deutsche Adel entwickelte sich zunächst aus freien Grundbesitzern, die von den Fürsten zu wichtigen Geschäften verwendet und zum Lohn dafür mit größerem Lehnsgut ausgestattet wurden. Aber auch Unfreie fanden als sogen. Ministeriale öfters Aufnahme in den Adelsstand. Sie bildeten bei dem Adel als Freiherrn (Barone), Ritterbürtige oder auch Gemeinfreie, den sog. „niederen Adel“ während die weltlichen und geistlichen Fürsten sowie die Grafen zu dem sog. „hohen Adel“ zählten.
Die „Geschlechter“ (Stadtjunker) gaben im Laufe der Zeit ihren „Höfen“ ein stattlicheres Aussehen, Aus den früheren einfachen Holz- oder Lehmbauten entstanden je nach Wohlhabenheit ansehnliche Steinhäuser, die zu imponierenden, repräsentativen schlossartigen Gebäuden ausgebaut wurden

Die Adelshöfe der Burgmannen waren sogen. „Freihäuser“, d.h. sie waren von allen Steuern und Abgaben befreit. Ihre Besitzer selbst hatten gegen gewisse Berechtigungen, z.B. die Ausübung der Jagdhoheit, als Ritter den Schutz der Stadt in Friedens- und Kriegszeiten übernommen. Sie waren außerdem zur Heeresfolge ihrer Landesherren verpflichtet. In Umstadt war es tatsächlich so, dass sich die Adelsleute direkt dazu drängten, hier ein Burglehen zu erhalten, weil es sich durch die reichen Einkünfte ganz angenehm leben ließ.

Die früheren Adelsgeschlechter in Umstadt

auch Heddersdorf
Wappen der Herren von Hettersdorf

So waren im Mittelalter u.a. folgende Adelsgeschlechter in Umstadt ansässig: die Wambolte von Umstadt, die Ganse von Otzberg, die Clebitze von Nalsbach, die Schelme von Bergen, die Forstmeister von Gelnhausen, die Ritter von Rodenstein, die Groschlage von Dieburg, die Curti de Gravedonna, die Ulner von Dieburg, die Freiherrn von Sickingen, die Kriege von Alt­heim, die Vollrade von Seligenstadt, die Frei­herrn von Karben, die Freiherrn von Haxthau­sen, die Freiherrn von Boineburg, die Freiherrn von Hettersdorf. An ortsansässigem Adel kommen urkundlich außer der heute noch blühenden Adelsfamilie der Wambolte von Um­stadt noch die Lupolte von Umstadt, die Palas von Umstadt, die Suigger von Umstadt und die Schelle von Umstadt vor. Noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurde vom Lan­desherrn, dem damaligen Landgrafen von Hessen, die Umstädter Burglehen verliehen. Unter den letzten Vasallen erscheinen die Freiherrn Wambolt von Umstadt, die Freiherrn Gailing von Altheim und die Freiherrn Curti. Obwohl es in Umstadt eine stattliche Zahl von Adelshäusern gegeben hatte, zählte man vor etwa 130 Jahren, also im Jahre 1840 nur noch acht Gebäude, die man als Schlösser oder als Adelshöfe bezeichnete. Als Schlösser: das Kur­pfälzer Schloss und das Hessen-Darmstädter Schloss, als Adelshöfe: das Wambolt‘sche Schloss, das Curti-Schloss, das Gans‘sche Schloss, das Rodensteiner Schloss, den Het­tersdorfer Adelshof und das Haxthausen‘sche Burgmannenhaus (kleiner Rodensteiner Hof).

Dr. Herchenröder führt in „Die Kunstdenk­mäler in Hessen, Landkreis Dieburg“ noch die Häuserreihe Emmerich bis Frieß (Hintergasse Nr. 7 bis 11) als mutmaßliche Burgmannenhäuser auf. Sicher waren aber noch andere Adelshäuser vorhanden, wie die Abbildung von Merian aus dem Jahre 1645 eindeutig aus­weist. Hier sind besonders in der Nähe des Darmstädter Schlosses Gebäulichkeiten abge­bildet, die ohne Zweifel Adelshöfe gewesen sind. Ja, ich wage zu behaupten, daß die mei­sten Gebäude unseres althistorischen Markt­platzes von Burgmannen bewohnt gewesen sind, wenn sich das Aussehen dieser Häuser gegenüber früher auch heute entschieden verändert hat. Meine Behauptung wird unter­mauert von der Tatsache, dass zum Beispiel das Engelswirtshaus 1645 von Junker Riedesels Hofleuten bewohnt gewesen war, ferner, dass 1592 Junker Gans seinen Wohnsitz darin hatte. Im Ganß‘schen Haus auf dem Marktplatz wur­de noch vor hundert Jahren der gewölbte Keller als „Fürstlicher Keller“ bezeichnet.

Die Gegenwart

Heute ist von den Umstädter Schlössern und Adelshöfen nur noch ein Restbestand von sechs vorhanden. Eingeklemmt in das Gewirr von Giebeln, gebogenem Fachwerk, schiefen Dä­chern und hochaufragenden Schornsteinen stehen die Häuser äußerlich anspruchslos. Sie bergen im Innern manch wertvolles Stück althergebrachter Handwerkskunst. Die steilen Treppen, mit gewundenen Pfosten und derb geschnitztem Geländer und die Türen aus schwerem Eichenholz, führen in Stuben mit traulichen Eckchen und niedrige Sälchen, de­ren Decken mit feiner Stuckarbeit geziert sind. Wer durch die Pfälzer Schloßgasse geht, ge­nießt gleich den Anblick von drei Burghäu­sern: auf der einen Seite reckt sich majestä­tisch das Kurpfälzer Schloss mit Türmchen und knarrender Wetterfahne. In ihm wohnte der Pfälzer Oberamtmann bzw. Keller, später der Landrichter und Oberamtsrichter. Nebenan sehen wir das Gebäude der reformierten Kollektur, das vor Jahren zum evangelischen Ge­meindezentrum ausgebaut wurde, und gegenü­ber in stiller Abgeschlossenheit das stattliche ehrwürdige Wamboltische Schloss. Das Hes­sen-Darmstädter, frühere Hanauer Schloss, hat sich ganz und gar in einen Sack hinter der Stadtkirche verkrochen. Den Seitenflügel mit der Stadtmauer verbunden, bietet es bei wei­tem nicht mehr den repräsentativen Eindruck, den das Merianbild von 1645 von ihm zeigt. Hinter der „Krone“ befindet sich ebenfalls direkt an die südliche Stadtmauer angebaut, der Gans’sche Adelshof, der bis 1694 dem Rittergeschlecht der Ganse von Otzberg als Burgmannensitz diente. Schließlich finden wir in der Rodensteinergasse noch zwei Adelshöfe: den langgestreckten Bau des „Rodensteiner Schlosses„, das beim Aussterben der Linie im Jahre 1722 an die Barone von Curti über­ging, sowie gegenüber in bäuerlicher Einfach­heit der Hettersdorfer Adelshof.

Der alte Wamboltische Besitz in Umstadt

Von diesem Adelshof, der dem Namen nach in Umstadt ziemlich unbekannt ist, soll in dieser Abhandlung die Rede sein. Von 1568 bis 1686 war er im Besitze des Geschlechtes der Frei­herrn von Hettersdorf, weshalb er mit Recht heute „Hettersdorfer Adelshof“ genannt wird.

Lange Zeit bezeichnete man ihn fälschlicher­weise als Haxthausen’sches Haus. Selbst Her­chenröder hat ihn in seinen oben zitierten „Die Kunstdenkmäler in Hessen – Landkreis Dieburg“ irrtümlicherweise als „Hof der Haxt­hausen“ bezeichnet. Der frühere Haxthausensche Hof, der sogen, „kleine Rodensteiner Hof (Umstädter Einwohnerverzeichnis von 1663), stand ursprünglich an der Stelle des heutigen alten Schulhauses. Das Vorgän­gerhaus bestand aus einem „zweistöckigen Hauß, einer einstöckigen Scheune, einem Schweinestall und Holzremise, sowie dem Thor­hausbau mit dem Hofthor“. Es wurde im Jahre 1840 von der Stadt angekauft, abgebrochen und an seiner Stelle der heutige Schul­bau (Anm.: heute Teil des städt. Altenwohnheims) errichtet. Das Gebäude war ursprünglich uralter Wambolt’scher Besitz. Dazu muss gesagt werden, dass das alte Um­städter Adelsgeschlecht der Wambolte von Um­stadt, das seit dem 9. Jahrhundert im Niddagau seinen Ursprung hatte und seit der Mitte des 13. Jahrhunderts in Umstadt ansässig geworden ist, in Umstadt und seiner Umgebung reich be­gütert war. Als Umstädter Uradel waren die Wambolte zunächst (1272) mit der Schafweide­gerechtigkeit zu Wächtersbach belehnt worden, später wurden sie Burgmannen zu Umstadt und erwarben hier das gesamte Stadtgebiet zwi­schen der Pfälzer Schloßgasse, der Rathaus­gasse (Kommandantengäßchen), Rodensteiner­gasse und westlicher Stadtmauer, so daß die Gebäude des heutigen Wamboltsschlosses, des  Curtischlosses, des Rodensteiner Schlosses und letzten Endes des Heddersdorfer Hofes Jahrhunderte alter Wambolts-Besitz gewesen sind. In einer früheren Urkunde wird dieser Het­tersdorfer Hof als „alter Wambolts Hof“ be­zeichnet, woraus hervorgeht, dass das Adels­geschlecht der Wambolte zuerst in diesem Hof gewohnt und erst später (Mitte des 16. Jahr­hunderts) das heutige Wambolts-Schloß errich­tet und bezogen hat.

Der Hettersdorfer Adelshof

Adelshof in Umstadt
Hettersdorfer Adelshof Rodensteiner Gasse 4

Wie schon oben gesagt, ist der Hettersdorfer Hof das einfachste und schlichteste der Um­städter Adelshäuser. Die gesamte Hofanlage misst ca. 40 auf 30 m im Quadrat, das Herren­haus als Hauptbau hat die äußeren Maße von etwa 17,5 auf 10,5 m. Die ganze Anlage ist von einer rund 4 m hohen und etwa ½  m breiten Mauer aus Bruchsteinen umgeben, die den Hof auf drei Seiten umschließt. Am Ostende steht eine geräumige Scheune, während innerhalb des Hofes außer einem kleinen Garten noch einige Schuppen angebaut sind. Leider ist bei der kürzlich erfolgten Außenrenovierung am Hauseingang stilwidrig mit Kunststoffen ein Vordach angebracht worden, auch ist die Erneu­erung des Hoftores in ihrer modernen Ausfüh­rung nicht gerade glücklich gelöst worden. Das Haus selbst, mit rechteckigem Baukörper, das Untergeschoß massiv mit Eckquaderung, das Obergeschoß leicht vorkragend mit verputztem Fachwerk, die Fenstergewände gekehlt, die Rundbogeneingangstüre stilgerecht zum Bau passend, ist wohl erhalten und in gutem bau­lichen Zustand. Im Innern befindet sich ein schöner Vorplatz mit Eichenholztreppe, deren Geländer aus gedrehten Docken besteht. Die Flurfenster sind mit bleigefassten Butzenschei­ben versehen, reich verzierte Fensterstürze und schmiedeeiserne Beschläge an den Türen er­innern an längst vergangene Zeiten. Im Ober­geschoß befinden sich geometrisch aufgeteilte Stuckdecken, die Fensternischen haben einge­baute Ecksitze. In der Scheune sind ornamen­tierte Fensterpfosten vermauert mit der Jahres­zahl 1674.

Zeichnung von Lutz Krauß 1936
Diele m Heddersdorfer Hof – Zeichnung von Lutz Krauß 1936

Das Hoftor war früher ein sogen. Torbau. Es war im Halbkreis angelegt und ragte bis in die Mitte der Rodensteiner Gasse hinein. In dem städt. Planatlas von 1867 ist die Form des Tor­baues noch zu ersehen.

Das Umstädter Gebäudeverzeichnis von 1802 enthält eine Bestandsaufnahme aller damals vorhandenen Gebäulichkeiten mit ihren Brand­versicherungswerten. Unter den Schlössern und Adelshäusern ist beim Hettersdorfer Hof fol­gendes verzeichnet:

 „Das Luth. 2. Pfarr-Haus“ a) ein zweistöckig Hauß mit dem Hofthor, b) die Scheuer, c) Stallung, Remise, Waschhaus und zwei Gefach Schweineställe mit einem Ge­samtwert von 6750 Gulden.

 Werte der anderen Adelshäuser: Curti-Schloß 9960 Gulden, Roden­steiner Hof 8160 Gulden, Haxthausen’scher Hof 4250 Gulden, Gans’scher Hof 8500 Gulden, Wambolts-Schloß 12950 Gulden, Hessen-Darm­städter Schloß 22270 Gulden, Kurpfälzer Schloß 30190 Gulden.

Wie kam nun der Adelshof in Hettersdorfer Besitz?

Seit seiner Erbauung etwa im 13. Jahrhundert war der Hof Burgsitz der Adelsfamilie Wambolt in Umstadt. Infolge Erbauseinandersetzung erbte ihn 1560 die Adels­familie Friedrich von Ratzeburg. (Näheres sie­he weiter unten). Durch Testamentsverfügung vermachte die Witwe des Erblassers Regina von Ratzeburg geb. Wambolt von Umstadt, den Hof ihrer Schwester Anna von Hettersdorf, geborenen Wambolt, der Ehefrau Ulrichs von Hettersdorf, wodurch er bei deren Ableben am 1. 9. 1560 in den Be­sitz des Hofs gelangte. Von dieser Zeit an bis zum Tode des letzten Sprosses seiner Linie, Hans Ulrich von Hettersdorf im Jahre 1658, war er im Besitz dieses Adelsgeschlech­tes und zeitweise von Gliedern dieser Familie bewohnt.

Der Erbstreit der Umstädter und der Weinheimer Linie[1]

Hans Wambold von Umstadt
Holzepitaph für Hans Wambold von Umstadt in der Stadtkirche 1558

1558 bezw 1560 fand in der Wambolts-Familie, wie schon erwähnt, eine Erbauseinanderset­zung statt. Die damalige Umstädter Linie starb aus und wurde von der Weinheimer beerbt. Der einzige männliche Nachkomme der Um­städter Linie, Hans von Wambolt, der mit Anna, der Tochter des Philipp Wolf von Spanheim (Anm: Sponheim) verheiratet war, verstarb am 11.8.1558 kinder­los.

Die beiden Tanten des Verstorbenen (Va­tersschwestern) Regina und Anna, stellten nun Ansprüche an das Erbe ihres Bruders gegen ihren Vetter Wolf Wambolt von Umstadt, der zu Weinheim wohnte. Am 23. Dezember 1558 schlossen die Beteiligten den folgenden vorläufigen Vergleich:

 „Unter Beihilfe des Christoph Landschad von Stei­nach und des Jacob von Praunheim zu Ost­heim: Wolf Wambolt, der Haupterbe, soll das Pfalzgrafisch-Fuldische Mann- und Burglehen ganz u. ungeteilt erhalten soll die 3 Pfd. vom Burglehen zu geben nit mehr schuldig sein. Er soll ferner alle anderen Lehen, die Hans Wambold hatte, wie er sie jetzt hat, behalten und seinen beiden Basen, des Ratzeburgs und des Hettersdorf-Weibern für ihre Ansprüche an das Fulder Lehen und das vierte Teil des Weinzehnts zu Umbstatt 600 Gulden geben, zu den 200 Gulden laut einem früheren Vertrag, bar bezahlen. Dagegen sollen Hans Wambolds Schwestern den Genannten alle eigentümlichen Güter, damit sie sich miteinander vergleichen konnten, durch zwei vom Adel schlichten las­sen. Die Hans Wambolt verlassenen Schwe­stern sollen das Eppensteinische Lehen: den Groß- und Klein-Zehnt zu Richen erblich er­halten und von Königstein empfangen und vermannen lassen. Wolf Wambold soll das Haus Hans Wambolds seelig in Umbstatt des­sen beiden genannten Schwestern überlassen. Wenn sie das Haus und die zugehörigen Güter oder den Zehnten zu Richen verkaufen, hat Wolf Wambold und seine Erben das Vorkaufs­recht.“

Am 8. Juni 1560 erfolgte die Bestätigung des Vergleichs:

„Es vertragen sich Wolf Wambold für sich selbst, Friedrich von Ratzeburg, Ober­amtmann zu Wertheim und Ulrich von Hettersdorf. Letztere beide anstatt Regina und Anna geborenen Wambolden, Schwestern, ihrer Haus­frauen über die Verlassenschaft des verlebten Hansen Wambold, ihres Vetters und Bruders hinterlassenen Witwe geborene Wolffin von Spanheim, ihrer Abfertigung halber, und auch unter sich miteinander: Sie bestätigen den Ver­gleich von 1558 und einigen sich mit der Witwe Anna Wambold geborenen Wolff von Spanheim mit Beihilfe von Hans Landschad, kurfürstlich pfälzischem Rath und Melchior von Graenrod, Mainz, Vicedom in Aschaffenburg dahin, daß dieselbe_Anna Wittwe die Abmachungen der Erben des Hans von Wambold seelig über die Lehen und eigenthümlichen Güter genehmigt und im Übrigen eine Theilung der Eigenthums­güter zwischen ihr und den Erben nach beilie­gender Spezification stattfindet.“

Am 2. Juli 1560 vergleichen sich dieselben drei Erben ohne die Witwe über folgenden noch offenen Punkt:

„Die Zehntfrucht auf dem Feld Clebiß-Acker soll nicht in die Geilings-Breitwiese, sondern in den Zehnt zu Richen ge­hören, also den Ratzeburg und Hettersdorf verabfolgt werden.“

Am 25. April 1559 wurde folgender Lehnsbrief ausgefertigt:

,.Wir Ludwig, Graf zu Stolberg, Königstein, Ruschefort, Wertheim und Werni­gerode. Herr zu Eppstein usw. bekennen mit diesem Brief, daß wir dem ehrenfesten Ulrichen von Hettersdorf zum Wendelstein und seinen Leibeserben absteigender Linie zu Lehen ge­geben haben…. den Halbantheil des Zehnten Groß- und Klein-, zu Dorf und Mark Richen, mit seiner Zu- und Ingehörung, welcher Hans Wambolt zu Umbstatt von uns und unsrer Herrschaft Eppstein zu Lehen empfangen und getragen hat, und nach desselben Absterben uff gedach­ten Hettersdorfer von wegen seiner Hausfrau­en Anna geborenen Wamboldin zu Umbstatt durch einen Vertrag zwischen obengenanntem Hansen Wambolds Lehens- und Eigenthums­erben mit unsrer Bewilligung kommen ist…“

[1] Der Erbstreit wird reichlich kompliziert und mit verwirrenden Einzelheiten erzählt. Hier das Ergebnis der Verhandlungen  für alle, die an den Details weniger  interessiert sind: Anna von Wambold (oo Ullrich von Hettersdorf) bekam nach dem Tod ihrer Schwester Regina (oo von Ratzeburg) den Hof. Nach dem Tod Annas erbte Ullrich von Hettersdorf den Hof (1568).  

Die Familie Hettersdorf (Heddersdorf)

Wer waren nun diese Hettersdorf, die durch diese Wambolts-Erbschaft auf einmal in Um­stadt Grund- und Lehnbesitz erworben haben? Die Freiherren von Hettersdorf (auch Hedders­dorf), die 1658 in den Reichsfreiherrnstand er­hoben wurden, stammen aus einem uralten an­gesehenen fränkischen Adelsgeschlecht, das weit verzweigt umfangreichen Grundbesitz im Spessart hatte. Die Hettersdorf gehen wohl auf die Herren von Bessenbach zurück, deren Stammburg beim heutigen Keilberg oberhalb der Kirche St. Jörgen gestanden hat. Diese ist dem Kriegsgeschehen (Dreißigjähriger Krieg) zum Opfer gefallen. Die Bessenbach standen mit dem ältesten Spessartgeschlecht, den Gra­fen von Rieneck, in verwandtschaftlichen Be­ziehungen. Schon 1189 wird ein Konrad von Bessenbach urkundlich genannt, 1357 erscheint erstmals ein Hans von Hettersdorf, genannt von Bessenbach. Mittelpunkt der Hettersdorfschen Besitzungen war ihr Gut in Unter-Bessenbach. Als Vasallen des Aschaffenburger Stifts und des Erzbistums Mainz besaßen die Glieder der Familie Eigentum und Lehnsgüter in Aschaffenburg, das Schloß Mulen im Elsavatal, das Gut Wendelstein bei Laufach, Güter zu Bad Orb, Waldaschaff, Weiler, Hain. Fron­hofen, Hessenthal,  Steiger, Oberbessenbach, Groß-Ostheim, Niedernberg und den Hundsrückhof, Homburg und Wertheim. Ferner hat- ten sie noch andere Berechtigungen und Lehen in vielen Orten unseres ‚Heimatgebietes Söhne dieses Geschlechts spielten eine be­deutende Rolle im staatlichen und kirchlichen Leben des Mainzer Kurstaates und waren In­haber hoher Ämter in den geistlichen Stiften von Aschaffenburg und Mainz.

Zu verschiedenen Zeiten waren Glieder der Familie Forstmeister im Spessart und übten dieses wichtige Amt im Namen und im Auftrag ihres Lehnsherren, des Kurfürsten und Erzbischofs von Mainz aus. Die Hettersdorf standen in verwandtschaftlichen Beziehungen fast mit dem gesamten Adel des Rhein/Main-Gebiets so u. a.. mit den Kottwitz von Aulenbach, Her­ren von Mosbach, Geyling von Altheim, Wambolt von Umstadt, Schade von Ostheim, Frei­herrn von Fechenbach, Herren von Hildebrands­eck, Freiherrn von Rüdigheim, von Schutzbar gen. Milchling, Freiherrn von Rosenbach, von Bettendorf.

Das ursprüngliche Wappenzeichen der Herren von Hettersdorf, eine Lindenpflanze mit drei Wurzeln und fünf Blättern, wurde von verschie­denen Gliedern des Geschlechts abgeändert, doch bleibt die Grundform durch die Jahrhun­derte erhalten.  

Das Gut Wendelstein

Die   Gesamtgeschichte   des Geschlechts der Hettersdorf hier zu bringen, würde den Rahmen dieser Abhandlung sprengen. Wir müssen uns daher auf die Linie beschränken, die für den Umstädter Adelshof in Frage kommt. Die Vorfahren derselben saßen seit Jahrhunderten auf dem Gut Wendelstein bei Laufach, weshalb in den Umstädter Kirchenbüchern verschiedene Eintragungen meistens lauten: „von Heddersdorff (von  Heydersdorffer) off Wendelstein“.

Sie wurden also mit dem Beinamen nach ihrem Stammgut, das übrigens ein Lehensgut der Kurfürsten von Mainz gewesen ist, benannt. Wendelstein, ein großes ökonomiegut mit massiven Wirtschaftsgebäuden, umfasst ein Gutsareal von etwa 200 Morgen. Es liegt am Abhang des Büschlings zwischen Fronhofen und dem Laufacher Eisenwerk, auf einer klei­nen Anhöhe am Laufacher Bach, welcher aus dem Hainer See entspringend, durch Hain, Laufach, am Wendelstein vorbei, durch Fron­hofen fließt, dann unterhalb des Weiberhofes den Sailaufer Bach aufnimmt und dann mit die­sem vereinigt, in die Aschaff mündet. Zwischen dem Hofgut und dem Bach führt die Eisenbahn­linie zu dem unmittelbar angrenzenden Bahn­hof Laufach hin. Dem Hofgut Wendelstein ge­genüber, jenseits der Bahnlinie, der Straße und des Baches, über welchen eine massive Brücke führt, liegt der Wald Steiger, mit der gleich­namigen zur Gemeinde Keilberg gehörenden Ortschaft. Zu dem Gut als Zubehör gehörten früher die Zehnt zu Laufach, über welche das „Rothe Buch des Vicedomamts Aschaffenburg vom Jahre 1624″ den Eintrag erhält: „die von Hettersdorf haben in etlichen Fluhren z. Laufach den Frucht und Heuzehnt, und im Dorff den halben Theil des kleinen Zehnts und maßen sich sonsten auch der Fischwasser, wie auch Jagen nach ‚Hasen und Füchsen an und be­holzen sich aus dem Spessart.“ (Die Lehns­herren hatten also nicht nur Korn- und Heuan­teile zu beanspruchen, sondern durften auch das Fischereirecht, sowie das niedere Jagd­recht ausüben und sich im Spessartwald das erforderliche Holz holen).

In späteren Lehnsbriefen über den Zehnt von Laufach, welcher immer auch den Besitzern des Lehens Wendelstein verliehen war (zuerst ver­lieh es als Eigentümer der Graf von Rieneck, später der Erzbischof von Mainz und zuletzt das Stift St. Peter und Alexander Aschaffen­burg) kommt noch als Bestandsteil des Laufacher Zehntrechtslehens vor: „die Vogtei auf dem Hof zu Fronhofen, der Eppsteinisches Lehen gewesen ist.“

Über den Hof Wendelstein berichtet folgende Sage: (Sagen des Spessarts, 2. Band von Jo­hann Schober, 1912):

„Wenn man von Aschaf­fenburg aus in die Eisenbahnstation Laufach einfährt, sieht man von links einen Hof, der Wendelstein genannt. Jetzt, wo er durch die Erhöhung der Straße in Folge des Eisenbahn­baues fast eben liegt, sucht man freilich dort keine Burgstätte. Früher aber stand hier eine Burg und es hausten darin Ritter, die zugleich Herren von Laufach waren, welche große Schät­ze zusammengescharrt hatten. Diese Schätze hatten sie auf dem Wendelstein vergraben, welche die Ritter heute noch bewachen müssen. Einstmals sah daselbst ein Schäfer die Glut des Schatzes liegen und daneben einen schwar­zen Hund. Ehe aber der Schäfer etwas von seinem Eigentum in die Glut werfen konnte (da hierdurch der Schatz gebannt wurde) fing der Hund an zu bellen, wodurch sich der Schä­fer vor Furcht abwandte und zur Seite sah. Als er wieder zu sich kam, war der Schatz ver­schwunden. Der Schäfer kam noch öfters an die Stelle, konnte aber trotz eifrigen Suchens nichts mehr entdecken.

An der gleichen Stelle geht auch eine weiße Frau um. Den Oberkörper nach vorn gebeugt, kommt sie die Bahnstrecke daher um Mitter­nacht. Auch in den Stallungen des Gutshofes sei diese öfters bemerkt worden.“

Die Hettersdorfer kommen nach Umstadt

Im Laufe des Jahres 1570 siedelte die Familie des Ulrich von Hettersdorf, der mit der Hof­erbin von Wambold verheiratet war, nach Um­stadt über, obwohl er der alleinige Majorats­herr auf Wendelstein war, da seine beiden Brüder Johann und Friedrich verstorben waren. Wie es in der Chronik heißt, war er ein „wür­diger Sprössling seiner Ahnen, von hitzigem Temperament und eigensinnigem Festhalten an unerreichbaren Ansprüchen“. Auch er konnte die Belastung des Erblehens Wendelstein mit einer namhaften Jahresergiebigkeit an das Collegialstift Aschaffenburg nicht verwinden und dieser Last nur verspätet und bei Missernten nicht ohne Beeinträchtigung seines standesgemäßen Ein­kommens oder gar nicht nachkommen. Es kam deshalb in Streitigkeiten mit dem Stift, welche bei der leicht erregbaren Heißblütigkeit Ulrichs sogar in Tätlichkeiten auszuarten droh­ten. In welche Händel er dadurch verwickelt wurde, zeigt folgendes Erlebnis desselben, das er wie folgt erzählt: 

„Ich, Ulrich von Hettersdorf, bekenne …. Nachdem der Hochwürdige Fürst Herr Sebastian, Erzbischof von Mainz mich verschiedene Zeit umb wohlverschuldeter Ursachen und darumbwillen, daß ich uff Freitag vor Barbara des nächstvergangenen siebenund­vierzigsten Jahres der neueren Zeit mit Ihrer Churfürstlichen Gnaden Commisarien Dechant zu Aschaffenburg, Herrn Peter Wanken als ich in der Pfaffengassen zu Aschaffenburg daselbst, wie er aus der Vesper heimgehen wollte, mit vielen trutzigen, bösen Worten angelaufen und dringen wollen, den Habern  ich jährlich dem Stift daselbst zu geben schuldig, bis übers Jahr zu borgen, über das er mir mit freundli­chen Worten begegnet, zu Unfrieden worden. Und gesagt, das Dechant und Capitel hätt mir Unrecht getan, zudem mich verderbt, daß auch die Sachen, so sich zwischen was beiderseitig Inhalten, nit vertragen, wie ich sie auch unvertragen halten wollt. Und also nach vielen Schmach- und anderen bösen, trutzigen Worten, mein Schwert außgerissen und gemelten Dechant, wo ich durch den Pfister daselbst nit behindert worden, damit schädigen und schlagen wollen. Und als der gedacht Herr Dechant dazwischen in sein gewöhnlich Behausung kommen, demnach in die Dechanten-Türen gestochen,  gehawen  und  Ihn  herausgefordert.

Derhalben der hochgemelt, mein Churfürst, mich umb solcher   gewalttätiger, mutwilliger freventlicher Handlung, so ich am Dechanten gewaltmäßig ohne bewegliche Ursachen, sondern aus einer Weinsuchte geübt und fürgenommen. In seine Verstrickung genommen … ersuchen und bitten Eure Churfürstl. Gnaden uff meine Freundschaft, mich sollicher Verstrickung gmädigst wieder ledig zu lassen, dergestalt, daß ich bei meinen Pflichten und Ehren, so ich antatt geschworenen Eyds darüber gegeben, hab, mich hinfüro – einiger tätlicher Handung nit geprauchen, sondern derselben gänzlich gegen das Stift und seine Diener mich ent­halten will.“

Derartige Vorkommnisse mögen wohl mit ein Grund gewesen sein, dass Ullrich von Hettersdorf um 1570 nach Umstadt verzog. Hier lesen wir in einer Aktennotiz unter Buß- und Strafgeldern:

(Stadtrechnung 1577, 1584/85)  Buß- und Strafgeld gegen Hardersdorffer, so ire Baw nit uffrichtig gehalten.“

Um diese Zeit muss aber Ulrich bereits tot gewesen sein. Er wird in der Chronik als vor 1577 verstorben, bezeichnet, anscheinend ist er auf dem Wendelstein mit Tod abgegangen.

Sein Sohn Hans von Hettersdorf (der Junge) war zweimal verheiratet und zwar 1577 mit einer Base Margarethe von Heddersdorf, und später mit Margarethe von Stet­tenberg, die Tochter Georgs von Stettenberg zu Ganburg. 1622 ging er mit Tod ab. Wie sein Vater wurde er in der Pfarrkirche zu Sailauf beigesetzt.

Hans von Hettersdorf  hinterließ eine Tochter Anna Maria, fer­ner zwei Söhne, Philipp Adam und Hans Ulrich, von denen nur letzterer Nachkommen hatte. Diese starben aber alle vor ihm, so dass, wie schon einmal erwähnt, diese Hettersdorfer Li­nie mit Hans Ulrich 1658  ausstarb. Haus und Güter, die überschuldet waren, wurden verkauft.

Neue Eigentümer: Chelius und sein Enkel Musculus

Als neuer Eigentümer er­scheint urkundlich 1686 „Herr Ambtsverweser Tobias Chelius“ (Er versah in Umstadt von 1664 – 1714 die Stelle eines Amtmannes der Land­grafen von Hessen und residierte im Hessen-Darmstädter Schloß). Ferner kaufte er den hettersdorfischen Anteil an dem Wald-Amor­bacher Hubgericht, das die Hettersdorf noch 1598 mit sechs Schöffen besetzt hatten. Aller­dings hatten Chelius und seine Rechtsnachfol­ger später nur den Genuss der Gefälle aus die­sen Berechtigungen, nicht die Jurisdiktion (Rechtsprechung), die nun von den Landgra­fen ausgeübt wurde..

Besitznachfolger des  Hettersdorfer Adelshof und Gutes wurde 1725 dessen Enkel, der Hoch­fürstlich Hessen-Darmstädtische Cammerschrei­ber und spätere Landescommisarius Georg Heinrich Wendel Musculus, der mit einer Maria Margarethe Elisabeth Gelius, verwitwete Faber verheiratet war. Dem Ehepaar wurden It. Um­städter evgl. Kirchenbuch hier acht Kinder, 5 Söhne und 3 Töchter geboren und beurkundet. Ihr Hauptwohnort war Darmstadt, wohin sie auch später verzogen. Das Umstädter Gut ließen sie durch einen eigenen Hofverwalter, der im Einwohnerverzeichnis von 1739 als „Wil­helm Heberer, Musculischer Hoffmann“ er­scheint, bewirtschaften.

Der Hof wird „Zweites Lutherisches Pfarrhaus“

Dies war jedoch kein Dauerzustand, und so kam es, dass die Familie Musculus am 2. Januar 1742 durch öffentliche Versteigerung im Gasthaus „Zum Engel“ zu Groß-Umstadt das Adelshaus an die „Gnädig­ste Herrschaft“, also an den Landgrafen von Hessen-Darmstadt verkaufte, die darin das zweite lutherische Pfarrhaus einrichtete. Von 1742 bis 1848, also fast hundert Jahre, war es evangelisches Pfarrhaus. Die Grundstücke (Feld. Wald und Weinberge) wurden an ver­schiedene Bürger veräußert.

Der Hof in Privatbesitz

1849 folgte wieder ein Besitzwechsel. Der Hessische Staat verkaufte den Hettersdorfer Adelshof, der in den Besitz von Balthasar Hil­lerich gelangte. Von diesem erbte es 1893 sein Sohn Bernhard Hillerich IV., von welchem es erbweise 1939 an Johannes Ritzert VII. überging, dessen Tochter Minna Weber geb. Ritzert, Ehe­frau von Bernhard Weber (Hansteins Mühle) nunmehr Eigentümerin des Hofes ist.

Anmerkung von Georg Füßler: Das Stadt- und Stiftsarchiv Aschaf­fenburg (Herr Dr. W. Fischer) hat uns durch die Leihgabe des handschriftlichen Manuskrip­tes von Josef Kittel „Die Freiherrn von Het­tersdorf“ pp. bei der Bearbeitung dieser Ab­handlung wesentliche Unterstützung zuteil werden lassen. Ihm sei daher an dieser Stelle herz­lich dafür gedankt. 

Anm.: Die Abhandlung wurde im „Odenwälder Bote“ 1970  Nr.71, 73 und 75 veröffentlicht. 

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