Die letzte Hinrichtung in Umstadt

Das Schicksal der Barbara Wörtche aus Groß-Zimmern
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Die Blutgerichtsbarkeit 

In Umstadt übten die beiden Landesherren  (zuletzt Kurpfalz und Hessen-Darmstadt)  seit alters her die sog. Hohe Gerichtsbarkeit aus. Wenn es vor dem zentralen  Land- und Centgericht um „Hals und Haupt“ ging, sprach man von der  „Blutgerichtsbarkeit“. Über die Einzelheiten des Verfahrens hat der Verfasser bereits an anderer Stelle berichtet. Im Folgenden soll der letzte Akt der Vollstreckung eines Blutgerichtsurteils in unserer Stadt geschildert werden. Die maßgebliche Urteilsformel   lautete: „Die Peinlich Beklagte soll mit dem Schwert vom Leben zum Tod gebracht werden.“

Markplatz Hinrichtung
Umstadter Markplatz – Westseite

Die Hinrichtungen mit dem Schwert fanden auf dem Marktplatz statt. Über die Anzahl der Vollstreckungen kann man nur spekulieren, weil die Gerichtsakten sehr lückenhaft sind. Angeklagt waren häufig  Frauen  aus  den  unteren Schichten,  die  unverheiratet oder außerehelich ein  Kind  zur  Welt  gebracht  und  aus  Angst  vor gesellschaftlicher  Ächtung  getötet  hatten. Wenn die Obrigkeit  sie  erwischte, hatten  sie  keine Gnade  wegen  ihrer   „hurerey“   zu  erwarten. Der Mann dagegen, der  sich  der   „fleischlichen Vermischung“   schuldig  gemacht  hatte, war entschieden  besser  dran, auch  wenn  im  Einzelfall  viel  dafür  sprach, dass  er  mit  der Tötung  einverstanden  war  und  sie  gar  gefördert  hatte. Wenn er überhaupt  belangt  wurde, war  die  Sache  in  der Regel  mit  einer „kirchenbuß“, abgetan. Er hatte seinen Fehltritt öffentlich  in  der  Kirche  vor versammelter  Gemeinde  einzugestehen.  Damit war für ihn die Sache abgetan. Das alles war nicht etwa herrschaftliche Willkür, sondern entsprach dem überwiegenden Willen der Bevölkerung. Diese forderte den Kopf der „Hure“ und drängte sogar auf Beschleunigung, wie wir noch in dem folgenden Fall sehen werden.  

Barbara Moßer aus Groß-Zimmern

Ihre Festnahme

1752 gerieten  eine junge Frau und ihre Mutter aus  Groß-Zimmern  in  die  Mühlen  der  Justiz. Sie hieß Barbara Moßer (genannt Moßerin). Ihre Mutter war Anna-Maria Wörtche (genannt „Wortigin“). Barbara sollte die  letzte  Person  sein, die der  Umstädter  Scharfrichter Johann David Klotz hinrichtete. Sie war  von  einem  unbekannten  Mann  in  Groß-Zimmern  geschwängert  worden. Als  die  Geburt nahte, machte  sie  sich  mit  ihrer  Mutter  nach Münster  auf den Weg, wahrscheinlich  um  die  Tat besser  vertuschen  zu  können. Über  die  Einzelheiten  der  Mordtat  gibt  es  keine  Aufzeichnungen  mehr. Jedenfalls  bekam  der  Zimmerner Centkorporal  Hottes, der im Namen der Herrschaften für  Recht  und Ordnung  zu  sorgen  hatte, von  unbekannter Seite  einen  Hinweis, worauf  er  sich  in  der Nacht  mit  acht  Mann  Begleitung  nach  Münster auf  den  Weg  machte. Dort  nahm  er   „die Moßerin“   und   „die  Wortigin“ fest.  Dafür  erhielt  er  später  aus  der  Umstädter  Centkasse ein   „Fanggeld“  von  einem  Gulden.
Gefängnis in Umstadt
Steinbornstor am östlichen Ausgang der Stadt.  Gefängnis für Straftäter(innen)

 andere  Sprache.

Die Untersuchungen

Obwohl  die  Beschuldigte  die  Tat nicht  abstritt  und  angesichts  der  Umstände auch  gar  nicht  abstreiten  konnte, setzten die  Behörden  ein  aufwändiges   Ermittlungsverfahren  in  Gang. . Der Umstädter Stadtphysicus Doktor  Hoffmann  und  der  „chirurgus“   Engau obduzierten  mit  den  Barbieren Kern  und  Meinhard  die Leiche  des  Kindes. Stadtschultheiß  Sturmfels, Oberbürgermeister  Schell  und  Stadtrat Poth  vernahmen  verschiedene  Personen  aus Münster  als  Zeugen. Dabei fand  eine  Gegenüberstellung  mit  den  beiden  beschuldigten Frauen statt. Über  den  Stand und das Ergebnis der  Ermittlungen  erstellte  der  Stadtschreiber einen  Bericht, den  der  Amtsbote  am  17. 12. 1752  nach Darmstadt  brachte. Währenddessen warteten die  beiden  Frauen  im  Gefängnis  auf  den Entscheid  der  Landesherrn.

Man kann  nicht sagen, dass  sie  in  ihrer  Gefangenschaft schlecht  versorgt  wurden  Sie bekamen  täglich  eine  Mahlzeit  mit  Suppe, Gemüse  und  Fleisch, weiterhin  für  2  albus (Weißpfennige) Brot  und  ein  Schoppen  Wein, weiterhin Öl  zur  Beleuchtung  und  ein  paar  Bündel  Stroh  für  das Nachtlager. Barbara  Moßerin  erhielt  in  der ersten  Zeit  als   „Kindbetterin“   zur  Kräftigung   „acht  Weinsuppen  mit  Gewürz“.

Das Urteil

Als  das  Jahr  1753  anbrach, wartete  die Bevölkerung  ungeduldig  auf  den  Fortgang  des Verfahrens. Am  12.01.1753  trafen  sich  alle Centdeputierten   (Vertreter  der  Stadt  und die CentSchultheißen  der  Dörfer)  und baten  die  Beamten   „um Beförderung  der  Angelegenheit  wegen  der  beiden  Weibspersonen.“ Zur gewünschten Beschleunigung der Angelegenheit verfassten sie am 06.02.1753  ein   „memoriale“, das   sie  dem  pfälzischen  Beamten  von  Wreden mit  auf  den  Weg  nach  Mannheim  gaben. Als die Akten von dort  nach  Darmstadt  gesandt  wurden, fuhren zwei Abgesandte der Deputierten hinterher, um  auf  baldige  Entscheidung zu  dringen. Sie hatten Erfolg. Am 26. 02. 1753 traf  das  „Urteil  beiderseits Herrschaften“  in  Umstadt  ein. Es  lautete  auf den  Tod  durch  das  Schwert, die  seinerzeit übliche  Bestrafung  für  Kindsmörderinnen.

Alle  Deputierten  kamen  wiederum  nach  Umstadt, um  über  den  weiteren  Fortgang  zu beraten. Stadtschultheiß  Sturmfels  und Bürgermeister  Schell  spendierten  jedem  der herrschaftlichen  Beamten   „auf  die  erfreuliche  und  längst  erwünschte  Hinrichtung  der Kindsmörderin  Anna  Barbara  Moserin“  auf Kosten  von  Stadt  und  Cent   „eine  gute  Flasche Wein  von  2 1/2  maaß“  und  einen  „guten  mürben Kuchen“, gebacken  von Leonhard  Frieß. Das Ratsmitglied  Johann  Georg  Hundt   „verkündigte“ der  Verurteilten  den  Tod. Am  25.04.1753, einem Mittwoch, sollte die Hinrichtung  auf  dem Markt  in  Umstadt  stattfinden.

Sechs  Tage davor, am  19.04.1753, führte der Stadtknecht Barbara vom Stenbornsturm zum Rathaus in das „Arme-Sünder-Stübgen“, das   für  die  Todeskandidaten  reserviert  war. Dort erhielt  sie jeden Tag eine Weinsuppe und  einen  Schoppen Wein mit Weck. Am Tag vor der Hinrichtung reichte man ihr  zusätzlich  Branntwein, am Morgen  des  Hinrichtungstags  ein  „Maß  alten Weins“.

Die Blutschöffen  

Zu  dieser  Zeit  waren  bereits  die  Deputierten aus  den  Dörfern  der  Cent  in  Umstadt  eingetroffen. Es  waren  u. a. die  Schultheißen  Adam Beckenhaub  aus  Klein-Umstadt, Nikolaus  Haas aus  Richen, Conrad  Georg  aus  Semd, Jacob Hoffmann  aus  Brensbach  und  Peter  Lippert  aus Amorbach. Die  Herren  übernachteten  in  der Krone  am  Markt  bei  Johann  Nicolaus  Emrich. Sie  sollten  zusammen  mit Oberbürgermeister  Georg  Adam  Weber, den Ratsmitgliedern  Johann  Georg  Hundt  und Johann  Nicolaus  Emrich  unter  dem  Vorsitz  des Stadtschultheißen  Sturmfels  als   „Blutschöffen“   ihres  Gerichtsamts  walten. Der  Zimmermann  Johannes  Keller  hatte  für  sie  bereits den   „Gerichtsstuhl“  aufgeschlagen.

Der 25. April 1754

Letzte Vorbereitungen

Schon am frühen Morgen strömten die Menschen – teilweise von weit her – zum Marktplatz der Stadt.  Bald war er prall gefüllt von einer erwartungsfrohen Menschenmenge.  Das Spektakel, so muss man es nennen, hatten die Umstädter sorgfältig vorbereitet. Für die Sicherheit war gesorgt.  Die Dörfer, die zur Cent Umstadt gehörten, hatten insgesamt 26 Schützen, Amts- und Centcorporale abgeordnet, die – neben 18 eigens bestellten Wachmännern – dafür zu sorgen hatten, dass alles seinen geordneten Gang nahm. Damit sie bei Laune blieben, versorgte sie der Bäcker Bernhard Frieß auf Weisung des Stadtschultheißen mit Wein und Weck.

Neben dem Biet hatte ein Schreiner einen schweren, eichenen Stuhl aufgebaut, davor war Sand breit ausgestreut. In der Nähe saßen auf eigens gefertigten Stühlen die 14 „Blutschöffen“ in „dunklen Mänteln“. Sie waren durch Schranken (man spricht noch heute von den „Schranken des Gerichts“) von dem gemeinen Volk abgetrennt. In der Nähe war eine Abordnung der Umstädter Schützen postiert.

Die Hinrichtung

Als der Stadtschultheiß Sturmfels – stolz zu Pferde – auf dem Markt erschien, kam In die erwartungsfrohe Menge Bewegung,. Er hatte als Gerichtsvorsitzender die  Oberaufsicht  über  das  Geschehen, das nun seinen Gang nahm. Aber noch war  die Hauptperson  nicht erschienen. Ungeduld machte sich breit. Schließlich war es dann so weit. Vom Rathaus her kam  Barbara – weiß gekleidet in einem  „decolltierten“ Hemd – mit geistlicher Begleitung auf ihrem letzten, schweren Gang zum Ort der Hinrichtung neben dem Biet. Ihrer  unglückseligen Mutter, die  in  der  Nähe  im  Gefängnis  saß, blieb  dies  alles natürlich  nicht verborgen. Im  verharmlosenden  Bürokratendeutsch  heißt  es  in  den  Urkunden, sie  sei „etwas  unpaß“   gewesen, weshalb  man  ihr  eine Fleischsuppe  und  einen  Schoppen  Wein  zusätzlich  gebracht  habe. 

Blick vom Biet auf das Rathaus. Dort stand auf dem rechten Dachfirst die Justitia mit drohend erhobenem Schwert im Blickfeld der Todgeweihten.

Nach einem Gebet und geistlichem Zuspruch nahm Barbara auf dem Hinrichtungsstuhl  Platz. Hinter ihr hatte sich bereits der Umstädter Scharfrichter Johann David Klotz. postiert, vielleicht traditionell prächtig rot gekleidet..  In seinen Händen hielt er das imposante  Umstädter Richtschwert aus einer Solinger Werkstatt. Es war über einen Meter lang, zweischneidig mit gerundeter, schwerer Spitze. Auf ein Zeichen des Schultheißen schwang Johann David das Schwert und schlug Barbara mit einem kräftigen Schlag den Kopf ab, der  in  den  vor  dem  Stuhl  aufgeschütteten  Sand  fiel.

Nach  der  Hinrichtung  legte  man  die  Leiche  – bekleidet  mit  einem  weißen  Totenhemd, weißen Strümpfen  und  einer  weißen  Haube  –  in  einen bereitgestellten  Sarg. Den  brachte  der Scharfrichter  mit  großem  Gefolge  zum Dieburger  Tor  hinaus  auf  den  „Armensünderweg“   zum  Platz  des  Galgens. Heute  steht  an dieser  Stelle  der  Aussiedlerhof  Münch  an  der B  45. Dort  wurde  Barbara  Moserin  –  wie  alle in  Umstadt  Hingerichteten  –  begraben. Auf dem christlichen Friedhof vor der Stadt war kein Platz für die „Sünderin“. 

Die Mutter Anna Maria Wörtche

Kaum  war  Barbara  Moßer   unter  der  Erde, schon  waren  die  Centdeputierten  ungeduldig wegen  des  Schicksals  der  im  Steinbornstorturm  einsitzenden  Mutter. Gleich  am  folgenden  Tag   (28. 04. 1753)  baten  Abgesandte  der Cent  das  Oberamt  um  „Beförderung  der  Sache wegen  der  Wortigin. “  Alles  ging  ihnen  zu langsam. Sie  erinnerten  auch  in  den  folgenden  Wochen  die  Beamten, die  Angelegenheit  zu einem  Abschluss  zu  bringen. Außerdem  war  noch ein  weiteres  Problem  zu  lösen: Barbara  hatte einen  kleinen  Sohn  zurückgelassen, dessen man  sich  annehmen  musste. Hierüber  verfassten die  eifrigen   „Deputierten“  am  19. und 26.06.1753  ein  „memoriale“, das  leider  nicht erhalten  ist.

Die Landesverweisung

Nicht  lange  danach, am  05. 07. 1753, konnte unter  die  Angelegenheit  ein  Schlußstrich gezogen  werden. Der  Scharfrichter  und  eine Abordnung  von  Stadt  und  Cent  führten  die Mutter  der  Hingerichteten   (wie  es  in  einer Urkunde  zu  einem  ähnlich  gelagerten  Fall heißt)   „über  den  Markt  durch  die  Stadt  und Vorstadt  und  weiter  den  Dieppurger  weg hinaus  gegen  das  Gericht  zu   (damit  ist  der Galgen  gemeint)   biß  an  den  Steg, da  der  Pfad uff  Semd  zugehet“. Dort  wurde  sie   „beider höchst  und  hochgedachten  gnädigen  Herrschaften  Landschaften  und  Gebieten  immer  und ewiglich  verwiesen  und  verschwohren„. Ob  man die  alte  Frau, wie  es bei Landesverweisung üblich war,  zuvor, „eine  halb  stundt“ an  den  Pranger  auf  dem  Markt  stellte  und  sie dann  „mit  ruthen  ausstrich“, ist  nicht belegt. Vielleicht  ersparte man  ihr  dies. Wir möchten es hoffen. Über  ihr  weiteres Schicksal  ist  nichts  bekannt.

Der Abschluss in der „Krone“

Gasthaus zur Krone.
„Gasthaus zur Krone“ am Marktplatz. Damals sah das natürlich anders aus.

Die  Deputierten  versammelten  sich, nachdem sie  in  die  Stadt  zurückgekehrt  waren, in  der „Krone“  am  Markt   zum  üblichen  Verzehr  auf Kosten  der  Cent. Sie  ahnten  nicht, dass  sie wegen einer Hinrichtung  zum  letzten  Mal zusammen saßen. Der  Centverband  Umstadt verlor  bis  zu seiner  Auflösung  im  Jahr  1821  immer  mehr  an Bedeutung. Der  Scharfrichter  hatte  in  Umstadt  nichts  mehr  zu  tun. Er blieb nur  noch als Wasenmeister für die Verwertung und Beseitigung von Tierkörpern zuständig. Der  Galgen  vor  den  Toren  der Stadt  verfiel. An  ihn  erinnert  heute  nur noch  ein  Flurname.

 

Quellen

Die Akten der Gerichtsverhandlung gegen Barbara Wörtche sind nicht mehr vorhanden. Ihre Verurteilung und die Begleitumstände ihrer Hinrichtung sind den Akten Abt.IV Konv.12 Fasz.3″ im Stadtarchiv Groß-Umstadt zu entnehmen. Es handelt sich dabei um die Centrechnung für das Jahr 1757.