Zünfte in Umstadt

Entwicklung und Niedergang der Zünfte

Das alte Umstädter Marktrecht

1401 verlieh König Ruprecht III. der Stadt Umstadt das Recht, jeden Dienstag einen Wochenmarkt abzuhalten. Dieses Marktrecht war ein bedeutendes Privileg für die Stadt. Allerdings war dies sicherlich nicht der Anfang gewerblichen Lebens in Umstadt. Denn wir dürfen davon ausgehen, dass das Privileg damals nicht zum ersten Mal verliehen wurde, sondern dass es sich um eine Bestätigung eines früher begründeten Rechts handelt. Hierüber fehlen aber aussagekräftige Unterlagen. Heute wird in Umstadt sogar behauptet (zB in Stadtführungen), Umstadt habe bereits im 10. Jahrhundert Markt- und Stapelrecht gehabt. Das ist mehr als zweifelhaft, wenn man bedenkt, dass unsere „Hauptstadt“ Fulda erst im 11. Jahrhundert das Markrecht verliehen wurde, von einem Stapelrecht ganz zu schweigen.  Aber wer  glauben will, wir seien die Ersten gewesen, mag dies glauben. 

Marktbrunnen – Biet alte Aufnahme

Der Marktplatz war der Mittelpunkt und das Herz der Stadt. Dort trafen sich am Markttag nicht nur Umstädter Handwerker und Gewerbetreibende, sondern es reisten auch Händler aus Dörfern und Städten der näheren Umgebung an, um ihre Waren anzubieten. Allerdings ist ein Zunftrecht für unsere Stadt im Mittelalter nicht nachgewiesen, anders als in vielen anderen Städten.

 

 

Der erste Versuch zur Gründung scheitert 

Landgraf Georg I. von Hessen-Darmstadt (1547 – 1596)

Erst 1595, als unsere Stadt unter pfälzisch-hessischer Herrschaft stand, beantragten die Umstädter Krämer und Schneider1) beim Landgrafen Georg I. von Hessen-Darmstadt, ihnen die Gründung einer Zunft zu genehmigen. Namen sind in dem Dokument nicht genannt. Immerhin war von „ungefehr uff die 40 Personen“ die Rede, die in diesen Berufen in der Stadt tätig seien. Das mag zwar etwas übertrieben gewesen sein, um das Gesuch dringlicher zu machen, zeigt aber gleichwohl, dass es sich nicht nur um einige wenige Personen handelte, die diese Berufe ausübten. Die Antragsteller führten dem Landgrafen vor Augen, dass „Stromer und Landstreicher dem gewerbe abbruch thun“, die letztlich nur Beschwerden und keinerlei „frohn, schatzung und bethe“ (das sind steuerliche Abgaben) zahlten. Dem gelte es durch die Aufrichtung einer Zunft entgegen zu wirken.

Diese gewerbliche, damals weit verbreitete Organisationsform,  legte im sog. „Zunftzwang“ streng die Rechte und Pflichten der Handwerker und Händler in der Stadt fest, an die sich jeder zu halten hatte. Zugleich schützte sie aber auch ihre Mitglieder vor fremder Konkurrenz und die Bürger der Stadt vor unsolider Pfuscherei und Preistreiberei. Georg I. kam der Gesuch allerdings nicht nach. Vermutlich konnte er sich nicht mit dem pfälzischen Kurfürsten einigen. Denn in Umstadt mussten alle wichtigen Entscheidungen im Einvernehmen beider Herrschaften getroffen werden, was häufig zu einer gegenseitigen Blockade führte. Dabei war der ehrgeizige Landgraf Georg I. stark an der Förderung des landwirtschaftlichen und gewerblichen Lebens in seinem Land interessiert und ging dabei durchaus unkonventionelle Wege. Neben anderen Projekten versuchte er beispielsweise den Seidenbau in Hessen-Darmstadt einzuführen. Er hatte aus Italien 1570 Seidenwümer mitgebracht. Er ließ in verschiedenen Städten, darunter auch Umstadt, Maulbeerbäume anpflanzen zur Zucht dieser Würmer.

 

Das gewerbliche Leben in der Stadt

Obwohl das Gesuch um Zulassung einer Kramer- und Schneiderzunft keinen Erfolg hatte, entwickelte sich in Umstadt um 1600 ein reiches gewerbliches Leben. Wir finden neben den bereits genannten Berufen ein breites Spektrum an Handwerkern aller Art. Gleichwohl dürfen wir nicht übersehen, dass Umstadt eine  Ackerbürgerstadt war, also eine Stadt mit vornehmlich bäuerlich-landwirtschaftlichem Einschlag. Dies waren damals alle kleineren Städte in unserer Gegend, ob wir nun Reinheim, Dieburg oder auch Darmstadt im Auge haben, das zu dieser Zeit übrigens kaum größer als Umstadt war.

In der schweren Zeit des 30-jährigen Krieges verlor Umstadt rund zwei Drittel seiner Einwohner, vor allem durch die Pest, die 1634 ausgebrochen war. Danach kamen Stadt und Amt nur langsam auf die Beine. Immerhin war 1654 die Einwohnerzahl wieder auf rund 600 Personen gestiegen. Von den 126 Haushalten (93 Bürger, 30 Beisassen und 3 Juden) sind im Einwohnerverzeichnis2) von 1654 achtundzwanzig ausdrücklich als Handwerker genannt, darunter vier Schmiede, je drei Bierbrauer und Schuster, je zwei Bäcker, Metzger und Leineweber, ein Metzger, Schlosser, Sattler, Pflasterer und andere Berufe. Dazu kamen mindestens zwei Krämer, die wohlhabenden Juden Jakob und Feist, die an der Westseite des Markts und an der Dieburger Pforte ihre Geschäfte betrieben. In einer herrschaftlichen Ordnung über die „Taxen der Handwerker3) vom 12.07.1643 war festgelegt, was die Handwerker für ihre Arbeiten verlangen durften. Beispielsweise bekam der Wagner für einen „ganzen Wagen mit vier Rädern“ die stattliche Summe von 5 Gulden, der Schmied für ein neues Hufeisen, das aufzuschlagen war, 4 Weißpfennige; war das Hufeisen gebraucht, erhielt er nur die Hälfte. 

 

Die ersten Zünfte in der Stadt

Zünfte, Metzger, Zunftbrief
Titelblatt der Bewilligung dr Metzgerzunft durch Pfalzgraf Johann Wilhelm

Mit der Gründung von Zünften wollte es in Umstadt nicht so recht klappen. Es war das alte Lied: Die Umstädter Landesherrschaften konnten sich nicht darüber einigen, ob auch Handwerker aus den umliegenden Orten, die zur Cent gehörten, in die Zünfte einbezogen werden sollten oder nicht. Ab 1684 war es nach einem Bericht des pfälzischen Kollektors und späteren Stadtschultheißen Gottfried Capeller endlich so weit. Gegen die „protestation“ des Pfälzer Kurfürsten wurden in Umstadt Zünfte gegründet. Die erhaltenen Statistiken und Ordnungen4) zeugen von einem reichen, handwerklich geprägten Gewerbe in der Stadt.  Am weitaus stärksten waren die Schuhmacher, Bäcker und Metzger vertreten, es folgten die Küfer und Bierbrauer, Schneider, Gerber, Müller, Schmiede, Leineweber und andere. Die Rechte und Pflichten im gewerblichen Leben waren in den Zunftordnungen der jeweiligen Handwerkszweige geregelt, die von den Landesherrschaften erlassen wurden. Sie sind in einem umfangreichen Zunftbuch5) aufgezeichnet und überliefert.

Im Staatsarchiv Darmstadt  gibt es hierzu eine Tabelle6) über die Zünfte in der Stadt, allerdings ohne Angabe eines Datums. Im Zusamenhang mit anderen Schriften ist sie in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts zu datieren.  

 

Danach gab es damals folgende Umstädter Zünfte, zahlenmäßig geordnet nach                                      Meistern, Gesellen und Jungen   

  • Schuhmacher     66, 13, 02  
  • Schmiede           11, 03, 07  
  • Wagner               09, 07, 02
  • Metzger              34, 11, 00
  • Leineweber        11, 08, 01
  • Maurer                06, 04, 02 
  • Weisbinder         02, 00, 01
  • Ziegeler              01, 01, 01
  • Schieferdecker   01, 00, 00
  • Bäcker                36, 55, 00
  • Schneider           17, 05. 05
  • Strumpfweber     02, 00, 01
  • Tuchmacher        02, 00, 01
  • Rothgerber         14, 04 ,00
  • Hafner                 01, 00, 00
  • Schreiner            08, 04, 00
  • Glaser                 05, 05, 02
  • Dreher                 02, 00, 01
  • Müller                  11, 05, 00
  • Hutmacher          04, 00, 00
  • Zimmerleute        03, 06, 01
  • Färber                  03, 06, 01
  • Seiler                   00, 00, 00
  • Küfer, Bierbrauer 24, 09, 01  
  • Sattler                   04, 03, 00
  • Schlosser             03, 01, 00
  • Büchsenmacher   01, 00, 00
  • Spengler               02, 01, 09
  • Nagelschmid         02, 00, 00

Die Organisation der Zünfte

Zunftbrief der Blau- und Schwazfärber 1721

An der Spitze der Zünfte standen die Zunftmeister. 1715 waren dies z.B. Johann Adam Hartmann bei den Schlossern und Häfnern, Peter Lengfelder bei den Metzgern. Sie hatten die Leitung der Zusammenkünfte der Zunftgenossen, die sich jährlich mindestens zweimal sonntags trafen. Wo sie sich versammelten, wo also die „Zunftstube“ war, ist nicht überliefert. Die frommen herrschaftlichen Beamten protestierten zwar gegen diese Zusammenkünfte wegen dieser „ärgernuß und confusion am heiligen Sonntag“. Damit hatten sie aber auf die Dauer keinen Erfolg, weil auch die Meister an Werktagen voll beschäftigt waren. 
Jeder Zunftgenosse hatte einen Beitrag von mindestens 2 Batzen in die Zunftlade zu legen. Wer Meister werden wollte, musste ein „Meisterstück“ fertigen, beispielsweise die Schlosser ein „gewölbtes Schloß mit drei stumpfen Riegeln“ und die Schreiner „einen Tisch, den man ausziehen kann“ oder ein „Brettspiel, ein Schuh vier Zoll groß, Rahmen zwei Zoll breit, das zusammengelegt werden kann, alles sauber formiert und eingelegt.“ Alles war für die einzelnen Handwerkzweige genau festgelegt. Unbeliebt, aber schwer zu umgehen, war auch die Pflicht der Gesellen zur Wanderschaft, um an anderen Orten bei fremden Zünften Neues hinzuzulernen. Wegen der „starken Übersetzung der Schumacher“ befahlen die Zunftmeister Christian Schmitt und Siegmund Köhler 1754, dass auch Meistersöhne die „Wanderschaft absolvieren“ müssten7) . 

 

 

Konflikte

Zunftbrief der Rothgerber von 1686

Natürlich gab es auch Streitigkeiten der Zünfte untereinander, vor allem darüber, welchen Rang man in der gesellschaftlichen Stellung einnahm. So stritten sich 1730 die Schmiede und Wagner darüber, wer bei „Leichprozessionen, die gemeiniglich nach dem Rang begangen werden“, den Vorrang hatte. Weil auch dem Stadtrat hierüber nichts bekannt war, sollten die Zünfte hierüber ein auswärtiges Gutachten einholen. Der Streit wurde nie entschieden. Einige Handwerkszweige stritten sich auch untereinander, wenn sie die Grenzen ihrer Arbeitsbereiche überschritten sahen. So klagten Mitte des 18.Jahrhunderts die Schlosser, die Schmiede „erfrechten sich, ganze Gebäude mit Schlosserarbeiten zu beschlagen.“ Keinem Schmied solle es erlaubt sein, „thorn, thürn, läten, Schränke und Kästen anzuhängen, Bänke zu klammern und Kellerlöcher zu beschlagen.“ Ebenso wenig sei es den Krämern erlaubt, mit Eisen zu handeln, „die in das Schlosserhandwerk einschlagen.“

Abschottung des Markts 

Zunftwappen der Gerber

Wenn es allerdings darum ging, fremde Konkurrenten vom Umstädter Markt fernzuhalten, waren sich alle Zünfte einig. In den Ordnungen gab es hierzu feste Regeln, die das innerstädtische Gewerbe schützen sollten, die aber auf der anderen Seite langfristig zu einer Stagnierung des Markts beitrugen. So forderte 1729 die Zunft der Maurer die städtische Obrigkeit auf, gegen „ausländische Maurer, Puscher und deren thätliche Eingriffe“ vorzugehen. Damit man vor den lästigen Konkurrenten geschützt werde, solle man ihnen das Geschirr wegpfänden und sie in Arrest setzen. Auch andere Gewerbe, beispielsweise die Schneider („Wendel Rapp, Velten Herd und consorten des Schneiderhandwercks alhier“) beschwerten sich über „Störer, welche uns Mitbürger das Brot vom Maul abscheiden“. Sie hätten „in Umstadt keinerlei bürgerliche Beschwerungen (Zins, Beethe, Schatzung)“ und sollten deshalb „keine Händel machen dürfen.“

Die Obrigkeit drohte daraufhin den Umstädter Bürgern eine Bestrafung mit 5 Gulden an, wenn sie weiterhin „ihre Handwerksarbeiten bei Puschern und sogar außerhalb bei frembden Meistern“ fertigen ließen. Ob das alles auf die Dauer viel nützte, wissen wir nicht. Es wird zu bezweifeln sein. Die herrschaftlichen „Beamten und die von Adel“ durften sich ohnehin  von fremden Schneidern bedienen lassen, weil ihnen nicht vorgeschrieben werden könne, wo sie ihr Kleider machen ließen.

Es war auch einem fremden Handwerker nicht erlaubt, in Umstadt Meister zu werden und ein Gewerbe zu gründen, es sei denn, er heiratete die Witwe eines Meisters oder dessen Tochter. Jahrmärkte, die zu bestimmten Zeiten abgehalten wurden, waren allerdings auch für auswärtige Händler geöffnet. Aber auch da versuchten einzelne Handwerkszweige, die lästige Konkurrenz auszuschalten. Als 1769 die Hafnerzunft gegen einen Münsterer Hafner protestierte, der auf dem Jahrmarkt seine Waren anbot, verfügte das Oberamt, er dürfe nicht mehr als 200 Stücke feilhalten.

Dagegen wandte sich allerdings der Stadtrat.  Er erklärte, ein allgemeines Verbot oder auch nur eine Einschränkung auf 200 Stück verstoße gegen das allgemeine Marktrecht und „würde dem publico zu Schaden gereichen.“ Es sei auch zu bedenken, dass die Umstädter Hafner nur schlechte Ware herstellten, die überdies noch teurer sei, als die, die der Münsterer anbiete. Der komme nicht mal auf seine Fahrtkosten, wenn er nur 200 Stück anbieten dürfe.

 

 

Der Marktmeister

Der städtische Marktmeister hatte nicht nur darüber zu wachen, daß keine überhöhten Preise verlangt wurden, sondern er war auch befugt, die Waren auf ihre Qualität zu untersuchen. Beispielsweise durfte jeder, der Mehl nach Umstadt zum „freien Markt und Verkauf“ bringen wollte, „in dem Sack nicht mehr als einerlei Mehl haben und keins mit Gersten, Erbsen, Habern und anderem Mehl vermischen, sondern es soll das Mehl unten wie oben und mitten wie oben und unten gefunden werden.“ Wer mit vermischtem Mehl erwischt wurde, hatte „mit verdienter straff ohnnachlässig von unserem Oberamt“ zu rechnen. So war es in der “gnädigst ertheilten“ Zunftordnung der Müller von 1709 festgelegt.

 

Das Ende der Zunftverfassung

Als im 19.Jahrhundert liberales Gedankengut auch im gewerblich-wirtschaftlichen Bereich an Boden gewann, bahnte sich die Auflösung der Zunftverfassung an. Sie galt aufgeklärten Reformern als ein Hemmnis für eine freiheitliche Entwicklung der Gesellschaft. Sie kritisierten die Einschränkung des Wettbewerbs durch den Zunftbann und verlangten dieEinführung der Gewerbefreiheit. Man nahm auch Anstoß am überholten und rückständigen Brauchtum der Zünfte. In den beiden Kammern des hessen-darmstädtischen Landtags kam es hierüber zu intensiven Debatten. 1829  verbot die Großherzoglich-hessische Regierung „alle Zunftschmausereien und Zechereien auf das strengste“ und verfügte die Zusammenlegung gleichartiger Zünfte innerhalb eines Landratsbezirks. Es war vorgesehen, die Umstädter Zünfte nach Dieburg zu verlegen. Dazu scheint es aber nicht gekommen zu sein. 


Gewerbe, die nicht eigentlich handwerklich waren, wie die Müller, Fischer und Krämer, aber auch die Häfner, Buchbinder, Seiler und andere durften fortan nicht mehr zünftig organisiert werden. Trotz dieser Auflösungserscheinungen gab es die Zünfte noch über das Jahr der letztlich gescheiterten Revolution von 1848 hinaus.

 

Die Organisation der Zünfte war in umfangreichen Zunftordnungen geregelt. Beispielhaft habe ich nach den Anmerkungen die ausführliche Ordnung  der Umstädter Müllerzunft Wort für Wort beigefügt, die sich im Staatsarchiv Darmstadt8)  erhalten hat. Der Text folgt – bis auf kleinere Ausnahmen – dem Text der Urkunde.   Dies ist allerdings nur für den lesenswert, der an den Einzelheiten einer Zunftordnung und den sich daraus ergebenden Aufgaben des jeweiligen Berufsstand interessiert ist. 

 

Anmerkungen

1)  E 10 Konv.119  fasc.06  Staatsarchiv Darmstadt
2)  E 1 K  Konv.397 fasc.03 Staatsarchiv Darmstadt

3)  In den Zunftakten des Stadtarchivs Groß-Umstadt. 

     Die Akten waren, als sie gelesen wurden, noch unsortiert.

4)  wie Ziff.3 mit zahlreichen Einzelheiten: Ausbildung, Meisterstücke usw. 
5) Das befand sich früher im Besitz der ev. Kirche. Jetzt im Stadtarchiv Groß-Umstadt
6) E 1 K Konv.361 fasc.08 Staatsarchiv Darmstadt 
7) wie Ziff.3 
8) E 10 Konv.119 fasc.07 Staatsarchiv Darmstadt

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Zunftordnung der Müller in Umstadt

erlassen von Johann Wilhelm, Pfalzgraf bei Rhein und Landgraf Ernst Ludwig v. Hessen Darmstadt.

gnädigst gegeben und ertheilet mit der ausdrücklichen reservation,  dass unsere Nachkommen im Fürstenthum jeder­zeit frey sein sollen, selbige der notdurft nach zu mindern und zu mehren!

  1. Sollen die Müller den Gottesdienst fleissig besuchen, derjenige aber, so dabey sich nicht einfinden kann, zeit­lich bey dem Zunftmeister seine Entschuldigung alsfalls thun und nichtsdestowenigen  1 albus Opfergeld abstatten, widrigenfalls 15 Xer vor die Armen erlegen.
  2. Welcher das Müllerhandwerck in Unserem Gemeinschafftlichen Ambt Umbstatt zu treiben und diese Zunfft ahnzunehmen meint, selbiger soll sich zuforderst bei diesem Oberamt daselbsten herkommen gemäss anmelden, seinen Geburtsbrieff, dass er von Vater und Mutter ehelich geboren, nebst seinem rechtmässigen zünfftig Lehr- und Abschiedsbrieff fürlegen.
  3. Soll er zu seinem Meister ein Kammrad neu kämmen und ein neu ?? dazu machen, ferner zwei Stein zusammen richten und die Mühlhaue einsenken,  folgends  diese Steine auseinanderziehen und auss drey Stück wieder zusammen bringen,  dass sie gerecht mahlen. Und solches alles durch die Geschworene und dazu Deputiertete vier Meister besichtigen  und ob alles recht gemacht, sie bekennen lassen, wo­bei aber die Geschworenen bescheidentlich gebrauchen und den angehenden Meister ohne genügsame Ursach keinesfalls zur straff ziehen sollen. Wann es dann zwar
  4. damit seine Richtigkeit hat, soll ein frembter zum Meister­geld 6 Gulden, die Meistersöhne aber, oder derjenige, so eines Meisters Wittib oder Tochter heuratet,  die helfft davon, nämlich drey Gulden, wovon Uns   die helfft gebühren soll,    beneben 15 Xr für die Armen entrichten. Sobald er dann alles dieses verrichtet, auch die gewöhnlichen Pflichten geleistet, ihm das Mahlen uf Mass und Weiss erlaubt sein soll, wie beim 33.  articul zu sehen ist.
  5. sein Haus und Mühl mit ehrlich frommem Gesind, auch selbst treu und fleiasig Achtung haben, damit auf eines jeden Einwohners von Umbstadt oder Landes Unterthan,  er sei geist- oder weltlich,  die frucht forderlich abgeholt, durch den geschworenen Mitter (?) gemessen,  zur Waag eigends geführt,  so dann zur Mühl gebracht werden möge. Wann dass dann
  6. die fruchte in die Mühl kommen, soll der Müller selbige nicht ehender auf die Mühl schütten, er habe sie dann zuforderst von aller Unsauberkeit, Staub und anderem gefeget und gesäubert und
  7. die frucht gesäubert ist, soll er solche nach Art der Früchte feuchten und netzen, dann gebührende Zeit liegen lassen und dann ausschütten, fein sauber herabschrotten und durch die Beuttel wie es sich gehört gehen lassen.
  8. Nachmals dasjenige, so durch die Beuttel abgegangen, wiederumb ausschütten und alle mal die Mühl richten, wie sichs gehört und sauber durchbeuteln,  also dass ein lauter gut mehl daraus werde Sonach das mehl wiederumb zur Waag bringen und wann es abgewogen folgendes gehörigen Orthen. lieffern, Vor dem Staub sollen aber vom Müller  3 Pfund abgerechnet werden.
  9. soll ein Jeder, so Mehl nacher Umbstadt zu freiem Markt und Verkauf bringt, in dem Sack nicht mehr als einerlei Mehl haben, nämlich Weissmehl allein und Rückenmehl allein, und keins mit Gersten, Erbsen, Habern und anderm Mehl vermischen, sondern es soll daa Mehl unten wie oben und mitten wie oben und Unten gefunden werden.   Wer hierin betroffen wird, soll nicht allein das Mehl uns verfallensein, sondern auch der Verbrecher daneben  mit Verdiener straff ohnnachlässig von unserem Oberamt angesehen werden.
  10. Welcher Müller Hirsen-, Habern-, Gersten- und Weissmehl oder dergleichen macht, soll ein aufrichtiges Mahlwerk in solcher Gestalt führen,  damit ein jeder sein eigen Guth forderst, und dann der Käufer vor sein Geld   am rech­ten Werth auch mit gebührendem malter bekommen möge, wie unter bemeldet sich sättigen lassen
  11. Soll jeder Müller bei dem Mehl kein gefährt oder betrug ge­brauchen, sondern dasselbe fein trocken aufstellen und über einen Tag nicht in der Mühl behalten. Bey straff eines halben Gulden, damit
  12. die Müller bey Liefferung groben und bössen Mehls die Entschuldigung nicht weiters fürderhin vorkommen möge, es wäre der Mangel im Korn bestanden, als sollen sie jeder zeit an der Waag oder auf dem Speicher die fruchte besichtigen,  ob sie tüchtig oder nicht, und da solche mangel­haft oder angestochen befunden,  es anzeigen und zu mahlen nicht annehmen sOllen, aber
  13. derjenige, dessen die frucht  ist,  selbige auf seine gefahr gemahlen haben will,  danach des schlechtens Mahls zu klagen nicht befugt ist,  so aber der Müller den Mangel an der frucht nicht achten oder anzeigen wollte,  er keine Entschuldigung   hernach vorzuschützen,  sondern davon gut mehl zu lieffern schuldig sein   solle, bey abermaliger straff eines halben Guldens.
  14. Wann die Müller erstlich ihre Stein behaun, sollen sie hieran keine fruchte aufschütten,  sie hätten denn zuvor…. keym darauf gemahlen und den Steyn gefegt,  damit  keinem sein Mehl verdorben   Widrigenfalls der junge Müller mit willkührlicher straff angesehen werde und an­deren guth Mehl dafür geben solle,   wiewohlen
  15. jedem mäniglich, wo er will zu mahlen erlaubt ist, da keine gebannte Mühl des orths vorhanden,  so sollte jedoch keiner dem anderen seine Kunden und Mühlgestt abspannen, und derjenige,  so diesfalls überführt, wird, einen gulden zur straff verfallen sein.
  16. Wann der Knecht vor der Zeit ohne erhebliche Ursachen muthwilligerweis wandert,aus der arbeit geht oder von einem andern zugeführet wirdt, soll der knecht seines dienstlohnes verlustig seyn, auch einen Gulden, sodann der Verführer zwei Gulden zur straff erlegen.
  17. So anders ein knecht seinem Meister bey nächtlicher weyl ohne dessen vorwissen aus dem haus bleibt, soll derselbe mit seinem wochenlohn  dem handwerk ver­fallen sein,  wie dann der Meister solchen anzuzeigen ge-halten   ist, und wann er es verschweigt,  3o kreutzer   straffe erlegen soll
  18. soll kein lehrjunge zum handwerk aufgelassen und aufgenom­men werden, er seye
    denn von Vatter und Mutter ehelich ge­boren oder habe solches durch folgende eheliche heyrath erlangt   und darüber glaubwürdiges zeugnis beigebracht, so dann 14 tag lang probiert worden,  ob er zum Handwerck tauglich sey, und da er fähig befunden wird,  soll er
  19. im beysein der Zunftmeister und etlicher Müller, sodann seines Vatters, freundschafft oder Vormündurs. und wann ein meisters Sohn auf zwey,  ein fremder aber auf drey jahr lang,  bey straff fünf Gulden aufgedinget werden.
  20. soll solcher Lehrjung nach vollendeten Lehrjahren von seinem meister dem handwercksbrauch nach gleichfalls in Gegenwart des Zunftmeisters und etlicher Miller frey und ledig gesprochen werden, so dann
  21. ein Lehrjung so arm ist und das Lehrgeld nicht zu zahlen vermag, derselbe soll auf vier Jahre fest gedinget werden jedoch dem Lehrmeister erlaubt sein,  aus seinem Wohlverhalten an der Lehrzeit ihm einen Nachlass zu thun.
  22. Jeder Meister und Mitzunftbruder soll schuldig und verbunden sein, alle diese abgesetzten und wohl verordneten punckte zu halten, und ws bey versambelter Zunft gehandelt gerecht und derselben zum besten angeordnet so der Statt und demt Ambt Umbstadt, sodann der Mehlwaag und dem Landvogt nicht zuwider, ist jederzeit verschwiegen zu halten und zum nachtheil nichts zu offenbaren.
  23. Soll kein Meister dem andern seine Eltern, Voreltern, Freunde oder Verwandte vorwerfen, were es aber Sach, dass ein oder der andere mit Wahrheitsgrund etwas vorzubringen wüsste, schuldig und gehalten,  solches  bei versammelter handwerk gebührend anzuzeigen,  bey straff eines Guldens.
  24. Ingleichen soll keiner dem andern eine ausgetragene und bereits ausgemachte Sach weiter bey ihren Zusammenkünften und sonsten mehr vorrücken bei straff einem Gulden, nicht weniger sollen
  25. alle Müller sich des Ehrbaren befleissigen und in versambleter Zunfft keiner dem andern freventlicherweis lügen strafen,  so dann allen unzüchtigen  groben wortten, flüchen und schwören sich enthalten,  bey straff dreyssig kreutzer.
  26. Soll auch keiner Zeit während des Marktes mit seinem Mehl, fruchten und anderem Getreide aufschlagen oder sol­ches theurer anbietten,  dann er es zuvor feilgeboten hat, sondern sich der Mehlwaagordnung bey bittrer straff be­quemen.
  27. Soll an Sonn- und feyertag kein Müller sich unterstehen zufahren ohne Erlaubnis der Obrigkeit bey straff zwey Gulden.
  28. Sollen die Müllermeister dieser Zunfft alle Jahre zwey mahl ausserhalb herrschaftlichen Gebots, als Erste mahl auf Johannes Babtisten und das andere mahl auf Johannes Evangelista tag auf ihre Zunfftstuben zu Umbstadt. bey straif dreissig Kreutzer zusammen kommen, und bey ermelte… ersten tag   einen Zunft- oder Brudermeister aus  den Müllern   in Umbst.tt erwählen, und solches nach dieser Ordnung vorlesen lassen,  damit keine Übertretung eines und anderen articuls hernach mit der Unwissenheit sich entschuldigen möge, welche beyden Zusammenkünfte auch einer von unserem dasigen Stattraths Verwandten beywonen soll.

  29. Die also erwählten Zunftmeister sollen dem Handwerck das Jahr durch treulich vorstehen, die gefallene Meisterstück, Straffgelder fleissig eintreiben, und wenn seine Zeit ver­flossen im Beyseyn des deputierten Stattrathsverwsndten die Zunftrechnung leisten,  die eine helffte der empfangenen Gelder zu dasiger unserer Amtskellerey,  die andere aber in die Zunftlad^ 

  30. lieffern, welche die Zunft ohne erhebli­che Ursache nicht angreifen,  viel weniger vertrinken oder sonsten verzehren sollen.

  31. Wenn ehrenrührige Scheltwort vorfallen, sollen selbige in vierzehn tagen von obgedachten Rathsdeputieten und Zunftern angebracht,  geschlichtet und aufgehoben werden, andere Leib und Leben sträfliche Sachen aber,  von den
    Zunftmeistern aufgeschrieben   und im Oberamt angezeigt werden.
  32. Welcher sich gegen diese aufgesetzte Ordnung setzen und widerspenstig erzeigen wirdt, dem soll das handwerck so lange niedergelegt werden,  bis er sich mit der Zunft wieder abgefunden haben wird
  33. Sollten diese Müller schuldig sein, bey ereignendem Brodmangel die in unserem gemeinschafftlichen Oberamt befinde liehe Mehlwaag nach Möglichkeit mit Mehl zu versehen und aus dem Amt kein Mehl ohne Erkendniss unseres Oberamts bey Straff zu führen
  34. REM: Handelt von der anzunehmenden Menge, war im Wortlaut nicht ganz verständlich u. wurde daher weggelassen
  35. Soll zwar kein Müller, so oblauffend dieser Zunft nicht fähig, Müllermeister sein.    Diejenigen seit   aber, welche in bestandt mühl wohnen, so lang darinnen verbleiben gegen abfindung mit der zunft zuvor geduldet werden. Selb auch dahin angewiesen sein, Ihre Kinder,  falls solche das handwerck zu treiben gemeint,  zünfftig lernen zu lassen, im widrigen fall aber selbige von sIch zu thun.
  36. Soll kein Müller dem andern seine gebannt Mahlorth fahren, darin frucht holen und selbige mahlen, bey straff jedes mahl ein Gulden, hingegen diejenigen, so Bannmühl haben, diesfalls ihre Maintenenz bey unserem Oberamt suchen sollen.
  37. Soll kein Unterthan ausser am Amt in fremde Mühl fahren, wenn es nicht die höchte noth erfordert, bey zwey Gulden straff.
  38. Diejenigen, welche des Wassers zum Wässern auch sonsten auf einig Orthen zu benutzen berechtigt sind, sollen solches vom K…tag bis Jacobi, und zwar von Sambstags abends von Sieben   bis Sonntag gegen morgen vier Uhr geniesen, hingegen auf ihre Kosten wiederumb in die bach weisen, unter   dieser Zeit aber, damit die Müller nicht in ihrer nahrung gehe..met   noch gesparet werden möge,  das Wasser nicht weiter abwenden, sondern seinen ordentlichen Verlauf fliesen lassen.
  39. Die Knechte einer Müllerzunft belangend sollen sie keine heimbliche Zusammenkünfte haben, weniger einige Ge­bott vor sich selber machen, sondern jederzeit von den Brüdermeistern dazu Erlaubnis begehren und jederzeit ihm beigeordnete Meister dazu berufen, um zu verdruss anzu­zeigen:
  40. Sollen sie zum Büchsengesellen wie bräuchlich ordinieren und setzen, und so einer abginge, wiederumb einen anderen erwählen, der neu angehende v/ie auch der abgehende soll jedes Mal  Mass Wein der Bruderschafft zum besten abgeben.
  41. Sollen sie eine Büchse haben, worinnen sie ihr ehrbares verwahren, dass wann etwan ein arm Gesell verstürbe oder krank würde, und keine Mittel      hätte,  ihm daraus gesteuert werden möge, und sollen zu  solcher büchs zwen meister ein Schlüssel und der älteste Büchsenknecht den andern Schlüssel haben, und selbig nicht öffnen, sie seyn denn allemahl zusammen.
  42. Sollen sie über ihre Einnahmb und Ausgab gebührend Rechnung leisten.
  43. Sollen in den Gottesdienst an Sonn- und Feiertag, wie es dann die Zeit bey der Waag und von ihren Meistern verstat­tet wird, fleissig abwarten,  aller Ehrbarkeit und Tugend sich jederzeit befleissigen.
  44. Soll ein jeder, bey dem bestimbten und umbgesagten gebott zur rechten und bestimmten Zeit erscheinen, welcher nach dem Schlag einer Uhr nicht da,  soll drey albus zur Straff geben, welcher aber ^^ar ausbleibt,  soll einen halben Gul­den Straff der Bruderschaft verfallen sein
  45. Wann ein Knecht vor der Zeit ohne erhebliche Ursachen muthwilligerweiss auswandert und ausstände, oder auss der arbeit  ging, so soll der knecht seines dienstlohns verlustig sein und ein Gulden, der Verführer aber vier Gulden erlegen.
  46. So auch ein Knecht einem Meister, bei dem er arbeitet, bei nächtlicher Weil ohne des Meisters vorwissen auss dem Haus bleibt, soll derselbe seinen Wochenlohn dem Handwerck verfallen, wie denn der Meister solches anzu­zeigen schuldig ist, und wo er es verschwiegen,   jedoch aber Wissenschaft darunter hatte, soll er ein Reichsthaler halb der Obrigkeit und halb dem Handwerck geben.
  47. So ein Meister einen Knecht oder einen Jung annimbt, soll er es bey straff eines Orthsguldens dem Zunftmeister oder dem nech gesessenen Meister anzeigen, damit dessen Nahm und Zunahm, und wo er gebürtig eingeschrieben werde.
  48. Wann denn die frucht auf die Mühl getragen oder gefahren ist,  so sollen die knechte kein Korn auf die Mühle schüt­ten, sie  haben denn zuvor gnügsam  gebutzet von aller unsauberkeit bey straff 2 Pf. Heller
  49. Sollen auch die Knecht, welche Zeit sie ihre Stein hauen können, kein frucht darauf schütten, sie hätten denn zu­vor …. oder Keym darauf gemahlen und den Stein gefe­get, damit der Inwohner ihr Mehl nicht verderbet und zuschanden würde, dann wo sichs zutrug und befände, so soll der Knecht deshalben mit gebührlicher Straff versehen werden und ander guth mehl zu geben schuldig sein.
  50. So soll keinem Knecht erlaubt seyn, über Vierzehn bey einem Meister zu arbeiten, er habe denn dem Büchsenmeister Sechszehn Xer in die Büchs erlegt.
  51. So auch einer ein gantzes Quartal in einer Arbeit stünde, soll er bey Zusammentrettung der Zunft, sein Auflaggeld, nemlich vier Xer zu erlegen schuldig und gehalten sein.

Schliesslich, und damit als unsere gnädigste ertheilte Zunftordnung desto fester und unverbrüchlicher gehalte werden möge, so befehlen wir Unsern Ober- und Unterbeambten in Umbstatt hie mit gnädigst,  dass sie sambt und sonders   die Meister des Müllerhandwercks eingangs ermelter Unserer Gemeinschafflichen Stadt Umbstatt bey dieser Unserer gnädigst Ihnen ertieilten Satz-und Ordnung, Schützen Schirmen und Hand­haben wollen.

Geschehen am 15. Juni Eintausendsiebenhundertundneun.

(Pfälzisches und hessisches Siegel)

Quelle: Staatsarchiv Darmstadt E 10 Kov.119 Fasc.07