Die Geschichte der Feuerwehr in Umstadt

Früher Feuerschutz in Umstadt
Die Zeit bis zur Gründung der Freiwilligen Feuerwehr (1786).
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Prometheus holt das Feuer vom Himmel

Das Feuer war nach der Sage himmlischen Ursprungs. Prometheus, der den Menschen aus Erdklumpen geschaffen hatte, holte das Feuer vom Himmel und schenkte es den Menschen. Mit der Herrschaft über das Feuer erhob sich der Mensch über das Tierreich. Handwerk und Kultur wurden möglich. Aber das Geschenk des Prometheus war nicht nur Segen, sondern auch Fluch. „Feuer und Wasser sind gute Diener, aber schlechte Herren“, so lautet das treffende Sprichwort. Nur zu leicht entledigt sich das Feuer seiner Fesseln  und wird zu einem unerbittlichen Feind des Menschen. Es bedroht sein Hab und Gut, oft auch sein Leben. Deshalb entwickelten findige Köpfe schon bald Strategien, diesen Gefahren zu begegnen. Wie dies in Umstadt aussah, soll hier erzählt werden.   

In der Frühzeit unserer Stadt, als die „villa autmundisstat“ im Jahr 766 dem Kloster Fulda geschenkt wurde, gab es nach allem, was wir wissen, keinen organisierten Feuerschutz. Der war nach der Struktur der villa auch gar nicht nötig. Denn die Häuser und Höfe waren nicht dicht aneinander gebaut, sondern durch Gärten und Felder voneinander getrennt. Brach ein Feuer aus, dann waren benachbarte  Anwesen nicht oder kaum bedroht. Flächenbrände, die den ganzen Ort in Mitleidenschaft zogen, wird es deshalb nur selten gegeben haben.

Am Anfang war der Eimer 

Feuerwehr, Eimer, Feuer
Feuereimer – ein Abbildung Umstädter Eimer,, die mit Leder gefertigt waren, ist nicht mehr vorhanden.

Dies änderte sich grundlegend, als im hohen und späten Mittelalter viele Städte gegründet oder ausgebaut wurden. Sie waren – eingezwängt von der schützenden Stadtmauer – sehr dicht bebaut mit meist strohbedeckten Häusern. Hier fand das Feuer rasch Nahrung, wenn es erst einmal ausgebrochen war. Deshalb nannte man die Zeit vom 12. bis 14. Jahrhundert auch die „Ära der Stadtbrände“. Zu den neu entstandenen Städten, von denen es im Heiligen Römischen Reich mehrere tausend gab, gehörte auch Umstadt. 

Die Zeit um den 30-jährigen Krieg 

Der Ratsherr Heinrich Kunckel  berichtet in seinem Hausbuch aus der Zeit des 30-jährigen Krieges  von verheerenden Bränden in der Frühzeit unserer Stadt.. Darin heißt es u.a., dass „diese Stadt manchmal durch das Feuer verdorben und dann mehrerenteils im Feuer weggebrannt und nachmals lauter Gärten darauf gemacht.“ 1)

 Ein Beispiel ist die frühe Vorstadt, die im Bereich des Mörs (Nähe Steinborn)  angesiedelt war und dem Brand zum Opfer fiel. Wer sich dafür näher interessiert, mag sich einmal im Umstädter Stadtarchiv dieses interessante Buch einmal ansehen. Es ist durch einen Zufallsfund in den Besitz der Stadt gekommen. 

Wie seinerzeit der Feuerschutz in Umstadt konkret organisiert war, ist im Einzelnen nicht bekannt. Wir dürfen jedoch mit Sicherheit davon ausgehen, dass man den Bränden nicht tatenlos zusah. Denn jeder, der  Bürger in der Stadt werden wollte, musste den üblichen Bürgereid leisten, ein sog. Einzugsgeld zahlen und „von alters her ein ledern eymer“ beibringen, der zum Wassertransport bei Bränden dienteSo war es im Gerichtsbuch des 15. Jahrhunderts  festgelegt.2) ] Diese uralte Verpflichtung jedes Stadtbürgers reichte mindestens bis ins 13. Jahrhundert zurück.  

 Ausschnitt aus dem Weistum von 1455

Dem Schutz der Stadt vor Gefahren von innen und außen gab es das Umstädter Weistum, das die  ältesten Schöffen auf Befragung der beiden herrschaftlichen Amtmänner am Landgerichtstag des 11. August 1455 „wiesen“3).   Dabei handelt es sich um eine grundlegende Rechtsetzung für Stadt und Cent Umstadt, die allerdings kein originales Umstädter Recht war. Die Regeln stammen aus dem hanauischen Rechtskreis. Sie waren schon 1405 fast gleichlautend von den Babenhäuser Schöffen verkündet worden4). Das Weistum ist in seinem Umfang und Geltungsbereich in späterer Zeit immer wieder von Kurpfalz in Frage gestellt worden. Ein Kernbereich war jedoch unumstritten: die Strafbarkeit des Diebstahls, des Mords, der Notzucht und des „Nachtbrandes.“ (Erste Zeile des Ausschnitts: „14 Nachtbrandt oder Hurerey.“)   Ehrlose Brandstifter landeten jedenfalls dann am Galgen beim heutigen Erdbeerhof Münch, wenn sie zur Nacht Brand gelegt hatten.

Brandschutz war zu dieser Zeit die Sache aller Einwohner der Stadt, ob sie nun Männer oder Frauen waren. Es war aber damit nicht getan, dass jeder mithelfen musste, wenn es in der Stadt brannte. Wenn Feuer mit Aussicht auf Erfolg bekämpft werden soll, muss der Einsatz der Kräfte zweckgerichtet organisiert werden.  Das  war damals so und gilt noch heute.


  

Brandbekämpfung in Berlin 1726.

Die Feuerläufer und ihre Helfer

Die organisatorischen und technischen Maßnahmen wurden im Laufe der Zeit immer weiter verfeinert. Heute haben wir hoch entwickelte Geräte wie die in Umstadt  jüngst erworbene Drehleiter, motorgetriebene  Pumpen und ähnliches. Im 16. Jahrhundert  gab es zunächst nur Eimer, Feuerhaken und Leitern zur Bekämpfung der Brände, 1599 erhielt z.B. Bernhard Magsaam ein Entgelt, weil er mit der Feuerleiter nach Heubach gelaufen und dort mit anderen bei der Brandbekämpfung geholfen hatte5).  

Wenn auch jeder in der Stadt zur Brandhilfe verpflichtet war, so gab es doch so etwas wie eine Kerntruppe, der bestimmte Aufgaben zugewiesen waren. Dazu diente eine „Feuerläuferverordnung“, die „zu Walburgis 1639 erneuwert und confirmiert“ wurde6). Die „Feuerläufer“ sind darin namentlich benannt. Es handelte sich um ca. 30 junge Männer, die 2 „Obmännern“ unterstanden7).   Der Feuerwagen, meist von  Pferde gezogen, transportierte „leitern“ und „haken“ zum Brandherd.  Für die Einrichtung und den Betrieb  Wagens  waren vier Leute zuständig. Simon Deschner und der Bierbrauer Leonhard Aydtmann (Eidmann) gehörten dazu. Die „Haken“ an langen Stangen dienten zum Einreißen in Brand stehender Gebäude. Feuerspritzen gab es damals in Umstadt noch nicht. Sie sollten erst später kommen.

Es lässt sich natürlich nicht genau feststellen, ab wann im Umstadt eine halbwegs organisierte Abwehr des Feuers bestand. Wir dürfen aber wegen der Dringlichkeit der Angelegenheit davon ausgehen, dass die organisatorischen Maßnahmen bis in die Zeit der Stadtwerdung im 13. Jahrhundert zurückreichen. Natürlich wurden sie im Laufe der Zeit fortentwickelt. In einem Vermerk in Akten des 17. Jahrhunderts, in denen die Stellung der Feuerläufer beschrieben ist, heißt es, dass nach „unvordenklicher observanz“ (= Gewohnheit) Bäcker und Bierbrauer von den Pflichten des Läufers entbunden sind und ihr eigenes Feuer wahren müssen8).  Dies zeigt, dass es schon lange vor den schriftlichen Feuerordnungen des 16. und 17. Jahrhunderts die „Kerntruppe“ der Feuerläufer gab. Sie waren nicht nur bei Bränden in Umstadt zur Bekämpfung aufgerufen, sondern auch in den Nachbargemeinden. Denn die gegenseitige Hilfe war ein Grundprinz der Feuerwehr, das noch heute gilt. 

Der Türmer auf dem Mittelturm 

 
Mittelturm, Turm
Turm am Brückeohl nach 1600

Wenn der Türmer auf dem Mittelturm der Stadt einen auswärtigen Brand wahrnahm, musste  ein Feuerreiter nach der Feuerordnung von 1678 „zu Pferd hinaußreiten undt sehen, ob die Noth und Gefahr groß, und wie viel Mannschaft hinauß zu schicken sindt.“ Bei Erlass der Verordnung fiel diese verantwortungsvolle Aufgabe dem Ratsmitglied Balthasar Hax zu. Die anderen „sollen sich bereit und fertig machen.“ Die „anderen“, das  waren 4 Mann auf dem Feuerwagens und die 30 Feuerläufer aus der Stadt und Vorstadt, jeder mit seinem Feuereimer zur Hand. Alle waren geführt von den beiden  „Oppmännern“ Leonhard Lengfelder und Hanß Jacob Groß.

Natürlich musste alles möglichst rasch vonstatten gehen. Das war bei der Feuerwehr schon immer so. In der Feuerordnung hieß es hierzu: „Undt ist hierbey in Acht zu nehmen, wer in begebenem Nothfall am allerersten mit seinem Geschirr bei der handt sein werde, die haacken und die feuwerleitern auffzuladen, und bei das feuer zu führen, derselbe soll zu einer Ergötzligkeit wie von alterß einen Gulden haben.“9)Ähnliche Belohnungen für die Schnellsten und Tüchtigsten unter den Feuerwehrmännern gab es in vielfältigen Formen.

Über den Dienst der  Feuerläufer, der fünf Jahre lang dauerte, wurde genau Protokoll geführt. Sie alle standen in der sog. Feuerrolle. Hinter jedem Namen stand eine Zahl von 1 bis 5. Wer das erste Jahr eingesetzt war, bekam eine „1“. Im nächsten Jahr dann eine „2“ und so fort. Wenn er die „5“ erreichte, war er den ungeliebten Dienst los. Immer wieder gab es in diesem Zusammenhang Streitigkeiten. So beschwerte sich 1782  der Obmann Johannes Frieß beim Oberamt, der Tuchmacher Reichwein habe seinen Lehrbuben an seiner Stelle mitlaufen lassen, als es in Dieburg gebrannt habe.10)  Er erhielt dafür eine Rüge. Alle Feuerläufer hatten ihren Eimer zu Hause. Auf dem Rathaus waren „beständig drei gedoppelte reyhen  vorräthig“ zu halten.11)

Die Nachbarschaftshilfe griff weit aus. Nicht allein Brände in den Centorten um Umstadt von Groß-Zimmern bis Nieder-Kainsbach bekämpften  Umstädter Feuerwehrleute, sondern auch in den Orten darüber hinaus, wie etwa in Babenhausen, Heubach, Altheim oder Hergershausen. Selbstverständlich halfen auch diese Gemeinden den Umstädtern, wenn Not am Mann war.12) 

Die Wacht der Türmer und Nachtwächter

Jeder Brand kann umso effektiver bekämpft werden, je eher er entdeckt wird. Der Türmer auf dem städtischen Mittelturm (am heutigen „Brücke-Ohl“) war in aller Regel der erste, der die Brandhelfer mobilisierte, wenn in der Stadt oder einem benachbarten Dorf  ein Brand ausbrach. Er konnte von dem Turm über die ganze Stadt und weit ins Land schauen. Dem Türmer (meist einer aus der Familie Mangold) war dort eine Wohnung zugewiesen, die er nicht verlassen durfte. Seine Aufgabe war es, „Tag und Nacht wegen Feuers und Kriegs fleißig Wache zu halten.“13) War er aus dringenden Gründen verhindert, so musste er für einen Ersatzmann sorgen. Oft informierten ihn auch die Nachtwächter, die auf festgelegten Routen in der Stadt unterwegs waren, vom Ausbruch eines Brandes.

Der vorbeugende Brandschutz

Wegen der immer bestehenden Brandgefahr gab es natürlich Weisungen und Vorschriften des Oberamts zur Verhütung von Bränden, die vor allem das Bauwesen der Stadt betrafen. Sie sind leider im Wortlaut nur noch  bruchstückhaft vorhanden. Denn die Protokolle sind den Bränden des Zweiten Weltkriegs zum Opfer gefallen. Immerhin steht fest, dass schon im 16. Jahrhundert ein Bauaufseher in Umstadt auf Belange des Brandschutzes zu achten hatte.14) So hatte 1599 hatte der Ziegler Nikolaus Alber 7 albus Buße zu zahlen, weil er Heu und Stroh im Haus hatte.15)

Die Bäcker und ihre Backöfen standen im besonderen Visier des Oberamts. Von ihnen ging besondere Feuersgefahr aus.  Ihre Öfen durften ab dem ausgehenden 17. Jahrhundert nur mit „gebackenen Steinen erstellt und mit Schornsteinen längstens innerhalb einer Jahresfrist geändert und außer Gefahr gestellt werden.“ Der Schultheiß oder sein Vertreter hatte dies durch regelmäßige Visitationen zu kontrollieren. Zugleich ordnete das Oberamt an, „dass die vorhandenen Strohdächer der Gebäuden von Jahr zu Jahr ab- und Ziegeldächer angeschafft“ werden sollen. Ab 1723 war durfte kein Strohdach mehr ohne „oberamtliche specialbewilligung“ gebaut werden. Jeder Bürger hatte eine blecherne Leuchte anzuschaffen, die „mit glaß oder horn verwart“ war.

 Es war verboten, mit „Küchenholtz, strohfackeln, spähn oder sonst gegefährlichem Licht in die scheuer und stallung zu gehen.“16) Weil Mitte des 18. Jahrhunderts „das bieth noch zu keiner perfection gebracht“, verfügte das Oberamt 1754, dass jeder Bürger einen Zuber Wasser vor sein Haus stellen sollte.17) Solche und ähnliche vorsorgende Bestimmungen des Brandschutzes gab es zuhauf.  

Die Schornsteinfeger

Spätestens seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts verrichteten „Caminfeger“ ihre Arbeit. Zwei Mal im Jahr – zu Petri Cathedra am 21. Februar und zu Michaelis am 29. September – kam Johann Luca aus Aschaffenburg und fegte die Schornsteine „zur Verhütung gefährlicher Feuersbrünste.“18)  Er hatte das Monopol in der Stadt. Fremde oder „ausländische landstreicher“ durften mit dieser Arbeit nicht beauftragt werden. Später war auf oberamtlichen Befehl ein Johannes Fries zu Babenhausen tätig. Kein Bürger durfte die Arbeit des Schornsteinfegers ablehnen, anderenfalls erwartete ihn eine Strafe von einem halben Gulden.  

Carl Zibulski, der Feuerwehrmann und Freiheitskämpfer

Seit 1820 waren Mitglieder der Familie Zibulsky Schornsteinfeger in Umstadt. Diese Familie stammte aus Lemberg in Polen. Der in Darmstadt geborene Stanislaus Zibulsky fegte seit 1822 die Schornsteine der Stadt und ihrer Bewohner. Sein Sohn war der bekannte Carl Christian Zibulsky. Carl war ein gerecht und sozial denkender Mann, der sich sein Leben lang für die Belange der Feuerwehr einsetzte. Er war der freiheitlichen Bewegung von 1848 eng verbunden, worüber der Verfasser an anderer Stelle berichtet hat.19)  Seine Verdienste um die Organisation der Feuerwehr, aber auch um das Vereinsleben in der Stadt können kaum überschätzt werden. Carl Zibulski wurde 85 Jahre alt und unter großer Beteiligung der Bevölkerung im Juni 1895 auf dem Stadtfriedhof begraben.20) ] Die Stadt wird demnächst zu seiner Erinnerung eine Straße nach ihm benennen.

Späterer Zusatz: Das war vor einigen Jahren versprochen, geschehen  ist nichts. Das kennt man in der Umstädter Kommunalpolitik. 

Die Feuerspritzen

Anfang des 18. Jahrhunderts trat ein tief greifender Wandel in der Bekämpfung des Feuers in Umstadt ein, als das Oberamt am 8.8.1718 den Stadtrat beauftragte, eine „höchst nöthige Feuerspritze anzuschaffen. Johann Philipp und Johann Georg May besichtigten deshalb in Frankfurt/Main  eine Spritze, deren Anschaffung in Betracht kam.21)  Allerdings war die Stadt damals in höchsten finanziellen Nöten. Es war kein Geld für eine solche Investition da. Nicht einmal die herrschaftlichen Monats- und  Beitragsgelder konnten pünktlich bezahlt werden. Daher antworteten Schultheiß, Bürgermeister und Stadtrat,  man brauche keine Feuerspritze, die „Feuerläufer erfüllten ihre Pflicht und Schuldigkeit.“22)

Auf längere Sicht kam man aber an der technischen Fortentwicklung nicht vorbei. 1768 war es dann endlich so weit. Allerdings konnte und wollte die Stadt nicht alleine die Lasten des teuren Ankaufs tragen. Ein Teil der mit ihr verbundenen Centdörfer  – Richen, Semd und Habitzheim – beteiligten sich an den Kosten von über 2.000 Gulden für zwei Spritzen, die der Glockengießer Johann Georg  Bach aus Windecken herstellen sollte. Eine kam nach Umstadt ins Rathaus, die andere nach  Habitzheim. Aber auch die anderen Orte der Cent sollten beitragen. Sie weigerten sich aber standhaft, „auch wenn ihnen Küh und Kälber geholt würden.“  Die Raibacher brachten vor, im Dorf stünden die Häuser so weit auseinander, dass man keine Feuerspritze benötige. Die Brensbacher beriefen sich – nicht zu Unrecht – auf die weite Entfernung zum Standort der Spritze.23)  „Executionen“, die das Oberamt gegen die renitenten Dörfer androhte, blieben letztlich ergebnislos. Bach musste seinem Geld nachlaufen. Er bekam von der Stadt gerade einmal 600 fl. Als er persönlich in Umstadt wegen des Restgeldes vorsprach, konnte der Stadtrechner nicht bezahlen. Die Kasse war leer.

Ein Abbild oder eine Beschreibung der Bach´schen Feuerspritze hat sich nicht erhalten. Wir dürfen davon ausgehen, dass sie dem damaligen Stand der Technik entsprochen hat. Im Regelfall musste das Wasser von einem Teich oder Bach mit der Eimerkette zum Spritzenkübel gebracht werden. Dort pumpten kräftige junge Männer das Wasser durch einen „Schwanenhals“ oder einen Schlauch zum Brandherd. Bessere  Spritzen des 18. Jahrhunderts erreichten immerhin eine Höhe von knapp 10 m.24)  Pferden zogen sie zur Brandstelle,  jedenfalls wenn es über längere Strecken ging.  

   

Spritze mit "Schwanenhals"
Spritze von 1783 mit getrennten Druckbäumen
Spritze von 1810

 Wer zuerst mit angeschirrtem  Pferd am Rathaus erschien, erhielt zur Belohnung fünf, der zweite 3 Gulden. Eine Anzahl der Feuerläufer war für die Spritze während des Einsatzes verantwortlich. Ein Spritzenmeister hatte die Aufsicht. Jeder der Läufer hatte seinen Feuereimer zu Hause;  im Rathaus waren zudem „drey gedoppelte reyhen“ vorrätig.25)  Als im Jahr 1789 die Oberwiesenmühle nachts brannte, gab es beim Löschen wegen der Dunkelheit ein großes Durcheinander. Daher kauften die Verantwortlichen mehrere Dutzend Pechkränze und Pechfackeln zur Beleuchtung von Nachtbränden.26) Später ordnete die Stadt an, dass jeder Einwohner bei Nachtbränden Lichter in die Fenster stellen musste zu Beleuchtung der Straßen.27)

Selbstverständlich wurden die Gerätschaften des Brandschutzes in der Folgezeit weiter entwickelt. Die früheste Abbildung einer Umstädter Spritze mit Pumpenhebeln und angeschraubtem „Schwanenhals“ stammt aus dem Jahr 1836.28) 

Die Unterbringung aller Geräte war für die Stadt ein dauerhaftes Problem. Früher im 17. Jahrhundert, als man nur Feuerleitern, Feuerhaken und Feuereimer hatte, diente dazu eine Halle auf dem Markt, die südlich der Stadtkirche aufgeschlagen war. Als diese verkauft und abgebrochen wurde, was zu erheblichen Unruhen in der Bürgerschaft führte.29)  brachte man die Spritze und die Feuereimer im Rathaus, Leitern und Haken unter einem provisorischen Dach unter.

Die Neuorganisation im 19. Jahrhundert.

Im Jahr 1819 – Umstadt war zwischenzeitlich großherzoglich-hessisch geworden – kam es zu einer Neuorientierung in der Brandbekämpfung in Umstadt. Auslöser war ein größerer Brand im Bereich des Marktplatzes im Juli 1819, von dem mehrere Häuser nebst den Anbauten betroffen waren, darunter die Gastwirtschaft „Zur Krone“ und das benachbarte Haus Hax. Der Brand konnte durch Einsatz aller Kräfte „rasch gelöscht werden“ wie es hieß.30)  Das war auch zahlreichen auswärtigen Helfern zu danken. Sogar aus dem weit entfernten Nieder-Kainsbach kamen 6 Feuerläufer nach Umstadt, um zu helfen.31)  

Nach einem weiteren größeren Brand im August des gleichen Jahres leitete Oberamtsverweser Martin „zur Sicherung des Eigentums der Bürger, besonders bei den Bäckern“ verstärkte Maßnahmen zur Brandbekämpfung ein. 

Alle Tannenwedel in den Häusern, Scheunen und Stallungen waren, mussten sofort „außerhalb der Stadt gebracht werden.“ Häuser, vor allem Scheune mit Holzziegeln, die es beispielsweise noch beim Engelwirt am Markt gab, mussten entfernt und durch Plattenziegel ersetzt werden.  Die Feuerrolle war zu ergänzen, weil viele neue Bürger darin noch nicht verzeichnet waren. Dies waren Maßnahmen, die man schon früher ergriffen hatte und jetzt erneuerte. Man orientiert sich an der Hessischen Feuerordnung von 1767.  

Aber die Verantwortlichen ließen sich auch etwas Neues einfallen: Die 24 Jüngsten der Feuerrolle bestimmten sie zu Wasserschöpfern, die bei einem Brand mit Schöpfgeräten zum Bachtor zu eilen hatten. Dort mussten sie – ablösend 12 zu 12 Mann – Wasser in Bütten und Fässer schöpfen, die alle Bierbrauer, Brandweinbrenner und „Bespannte, die ein Pfuhlfass besaßen“ heranzuschaffen hatten. Der Weg war genau vorgeschrieben. Sie mussten vom Markt aus durch das Steinbornstor zum Bachtor fahren, dort Wasser fassen und von dort aus wieder in die Stadt hinein fahren. So gab es keinen Gegenverkehr in der engen Bachgasse.  An der Brandstelle bedienten 16 kräftige Pumper abwechseln die Spritze. Vier „junge und starke Männer“ hatten die Feuerleiter rasch zur Brandstelle zu bringen. Neu war 1819 auch die Aufstellung einer Rettungsmannschaft“, die aus 40 Mann bestand. Eigens bestellt Obmänner wählten  aus der Einwohnerschaft ältere, „redliche und ehrenhafte“ Bürger aus, die nicht in der Lage waren, bei den schweren Löscharbeiten mitzuwirken. Sie hatten das Eigentum der Brandgeschädigten vor Diebstahl und Plünderung zu schützen. Der Kronenwirt Emrich und der Chrirurgus Engau gehörten mit anderen dazu. Doch damit nicht genug:  Jedenfalls  bei größeren Bränden besetzte eine militärisch organisierte sog. Piquet-Mannschaft die drei Stadttore mit je sechs Mann und ließ – von Hilfstruppen abgesehen – niemand zur Stadt herein oder heraus. Daneben gab es noch eine „Hautpwache“ bestehend aus 15 Männern, 1819 geleitet von Unteroffizier Kunckel, die im Innern der Stadt  für Ordnung sorgte.32)

Insgesamt gesehen, war der Feuerschutz nunmehr besser strukturiert und organisiert. Bis auf wenige Ausnahmen war im Notfall die gesamte Bevölkerung der Stadt bei einem Brand auf den Beinen in den unterschiedlichsten Funktionen.

Die „Große Metz´sche Landspritze

Die Große Landspritze, die in Umstadt verwendet wurde.
Schreiben der Firma Carl Metz (mit Ansicht des Fabrikgebäudes) vom 30.03.1849. Quelle: XXVII(2c) Konv.17 Fasz.03 . Stadtarchiv Groß-Umstadt

Dies alles änderte sich nicht grundlegend, als in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Brandschutz weiter verbessert wurde. Auf Betreiben von Carl Zibulsky beschloss der Stadtrat 1849, eine hochmoderne Feuerspritze für sage und schreibe 1.800 Gulden  bei der Heidelberger Firma Carl Metz zu kaufen. Eigentlich waren die finanziellen Voraussetzungen für eine solch teure Investition nicht gegeben. In der Stadt herrschte Hungersnot wegen katastrophaler Missernten in den Jahren zuvor. Viele Bürger wanderten nach Amerika aus. Die revolutionären Umtriebe von 1848 zeigten auch in Umstadt ihre Wirkung.33)  All dies hinderte aber nicht den Ankauf der Spritze, die Metz als die „schönste Arbeit, die aus meiner Werkstatt hervorging“  bezeichnete  – und dies will etwas heißen. Denn die Metz´schen Geräte waren als die besten in ganz Deutschland bekannt. Die Spritze war zu Ehren des 1849 verstorbenen Bürgermeisters Johannes Ittmann II.„schwarz lackiert und in Silber ausgefasst.“34) 

Die moderne Ausrüstung der Umstädter führte zu einer Weiterentwicklung der Organisation des Brandschutzes. Die Grundsätze der „Freiwilligen Feuerwehr“, die 1876 gegründet wurde, kündigten sich an. Die Aufgaben jedes einzelnen wurden konkreter und ausführlicher festgelegt.  Alle Maßnahmen  mussten möglichst nahtlos ineinander greifen mit festen, vorgeschriebenen Abläufen beim Ausbruch eines Brandes.  Um dies zu erreichen, erließ der Stadtrat eine „Instruktion für die neue Spritze“, die diesen Anforderungen gerecht wurde. 

Die neue Spritze war trotz der finanziellen Schwierigkeiten keine Fehlinvestition. Als das Kreisamt 1856 bei Bürgermeister Heyl anfragte, wie sich die Spritze bewährt habe, antwortete Heyl, es habe seit der Anschaffung 4 Brände gegeben, bei denen die Spritze immer mit vortrefflichem  Erfolg eingesetzt worden sei.  Aber das war nur die halbe Wahrheit. Denn es gab bei dem Einsatz schwerwiegende personelle Probleme. Die beiden Spritzenmeister, der Schmied Valentin und der Uhrmacher Johannes Ritzert, arbeiteten gegeneinander. Valentin behauptete, Ritzert sei unfähig, die Spritze zu bedienen. Beispielsweise seien bei einem Brand im Hause des Postexpedienten Colin in der Bachgasse  gebrannt habe, „beide Hähne verschlossen geblieben, während die Pumpmannschaft bis zur Erschöpfung pumpte.“ Oben auf „schwankender Leiter“ habe als Vorsteiger Zibulsky vergeblich auf das Wasser gewartet.  

Als die Hähne schließlich geöffnet worden seien, habe Zibulsky „die volle Ladung  ins Gesicht bekommen. 

Bürgermeister Heyl mischte sich in den Streit nicht ein. Er hatte andere Sorgen. Weil die Stadt wegen der  Auswanderungen in die USA viele junge Bürger verloren hatte, konnte 1852 die Spritzenmannschaft nicht wie sonst üblich neu besetzt werden. Die fällige  Auswechslung der Mannschaft fiel aus. Jeder musste auf seinem Posten bleiben.35) 

Zudem war für eine geeignete Unterbringung der Spritze und anderer Gerätschaften des Feuerschutzes zu sorgen.. Der Stadtrat fasste zunächst ein Gelände am Curtischloss als Standort  ins Auge, scheute dann aber die dafür veranschlagten Kosten von 300 Gulden. Daher beschloss er, das Wachthaus am Dieburger Tor als Spritzenhaus einzurichten.36)  Es blieb dort bis zur Erbauung des Amtsgerichtsgebäudes im Jahr1878.

1860 kam als Geschenk der Münchener-Feuerversicherung eine neue zweirädrige Spritze hinzu.37)  Die Umstädter waren jetzt bestens ausgerüstet. Als am 23.09.1865 im Bereich Markt und neuer Vorstadt ein Großbrand ausbrach, dem 9 Wohnhäuser und 10 Scheunen zum Opfer fielen,38)  „bewährte die große Metz´sche Landspritze wieder ihren guten Ruf.“ Nach Ablauf von zwei Stunden waren dem Feuer – mit  Hilfe benachbarter Gemeinden – Grenzen gesetzt. Feist Rapp, der damals sein Geschäft im jetzigen Marktcafé betrieb,  bedankte sich öffentlich und bot den Verkauf „wenig brandgeschädigter Stoffe“ an.39) 

Die Entwicklung zur „Freiwilligen Feuerwehr“

Mehr und mehr erkannten jetzt die Umstädter, wie wichtig eine durchdachte Organisation mit geschulten, in die Brandbekämpfung eingebundenen Kräften für einen Erfolg der Arbeit war. Es kam nicht mehr darauf an, jeden Einwohner der Stadt zur Brandbekämpfung heranzuziehen. Wichtiger war es, besonders geeignete Männer methodisch und logistisch einzuweisen und mittels einer eingeübten Strategie gegen Brände vorzugehen. Seit 1865 übte Zibulsky mit den Löschmannschaften die verschiedenen Abläufe der Brandbekämpfung. Die Löschgeräte wurden regelmäßig auf ihre Tauglichkeit überprüft. Aus der Bürgerschaft meldeten sich ohne Namensnennung Stimmen, die eine Reform der Brandbekämpfung forderte. Sie beantragten bei Bürgermeister Heyl, „die Gründung eines geregelten Feuerlösch- und Rettungschores zu veranstalten.“ An alle Bürger erging der Aufforderung, durch ihren Beitritt die Gründung einer Feuerwehr möglich zu machen.[1]

Wie Bürgermeister und Stadtrat darauf reagierten, ist nicht bekannt. Die Protokolle des Rats sind für diese Zeit verloren gegangen. Jedenfalls waren damit die Grundlagen für die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr  Groß-Umstadt gelegt.

Im Jahr 1876 war es endlich so weit. Die Freiwillige Feuerwehr wurde gegründet. Wer sich darüber informieren will, wie es mit dem Umstädter Feuerwesen weiter ging, sei auf die Abhandlung von Arnold Straub in „Autmundisstat“ Band 4 herausgegeben vom Umstädter Museums- und Geschichtsverein verwiesen.

Anmerkungen:

1) Georg Brenner in: „1250 Jahre Groß-Umstadt“ S.132
2) Staatsarchiv Darmstadt Bestand C4 Nr.108/1 fol.1
3) Wie Anm.2 fol.34ff.
4)Hans Dörr: Dem Henker übergeben. S.18, 96 f.  
5) Stadtarchiv Groß-Umstadt BM-Rechnung 1599/1600
6) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII (2d) K.19. Fasz.14
7) Stadtarchiv Groß-Umstadt XV(2b) K.36 Fasz.01
8) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII(2d) K.19 Fasz.14 
9) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII(2d) K.19 Fasz.14 
10) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII(2d) Konv.19 Fasz.15
11) wie Anm. 10
12) Stadtarchiv Groß-Umstadt XV(2b) Konv.28 Fasz. 2+3
13) Stadtarchiv Groß-Umstadt XV(2b) K.36 Fasz.01 fol.122
14) Nachweis in den Stadtrechnungen des 16. Jahrhunderts. Frdl. Hinweis von Georg Brenner.
15) Stadtarchiv Groß-Umstadt Stadtrechnung 1599/1600  
16) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII(1) K.01 Fasz.12
17) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII(2d) K.19 Fasz.15
18) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII(1) K.01 Fasz.02
19)  P. Füßler: „1848 – Die „Revolution in Umstadt“ – Odenwälder Bote vom 06.02.2009
20) Odenwälder Bote vom 16.6.1897
21) Stadtarchiv Groß-Umstadt XV(7b) Konv.07 Fasz 02
22) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII (2c) Konv.17 Fasz. 01 
23) wie Anm. 22
25) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII (2d) Konv.19 Fasz. 15
26) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII (2d) Konv.19 Fasz. 8
27) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII (2d) Konv.19 Fasz. 9
28) Stadtarchiv  Groß-Umstadt XXVII (2d) Konv.19 Fasz. 9
29) P. Füßler: „Die Hall auf dem Markt“ – OB vom 23.01.1990
30) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII(2d) Konv.19 Fasz.09
31) Georg Kredel: Chronik des Dorfes Nieder-Kainsbach, 2004, S.122 
32) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII(2a) Konv,02 Fasz.12
33) P. Füßler: 1848 – Die Revolution in Umstadt“ – OB vom 06.02.09
34) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII(2c) Konv.17 Fasz.03
35) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII(2b) Konv.10 Fasz.01
36) Stadtarchiv Groß-Umstadt XV(5e) Konv.2 Fasz.7
37) Stadtarchiv Groß-Umstadt XXVII(2c) Konv.17 Fasz.03
38) Georg Brenner: Von Gasse zu Gasse 1981 S.11
39) Wochenblatt für den Kreis Dieburg 03.11.1865   
 

Literaturverzeichnis

1250 Jahre Groß-Umstadt, herausgegeben vom Magistrat der Stadt Groß-Umstadt, Horb am Neckar 1993   
Brenner, Georg : „Von Gasse zu Gasse durch das historische Umstadt“, Groß-Umstadt 1981.                           
Dörr, Hans: „Dem Henker übergeben“, Babenhausen 1996.                                                                             
Ewald, Gustav: „Die Geschichte der Feuerspritze bis 1945“, Stuttgart o.D                                                         
Kredel, Georg: „Chronik des Dorfes Nieder-Kainsbach“  2004.                                                                           
Röfer, Ulrich: „Wasser marsch!“, Halle (Saale) 2001  

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           

 

 

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