Gasthaus Eidmann

115 Jahre Gasthaus Brauerei Eidmann
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Auf der „Frießenbeune" vor dem alten Dieburger Tor

Umstadt nach 1800

Es war vor über 150 Jahren – am Anfang des 19. Jahrhunderts: Umstadt hatte in den Jahrzehnten vorher seine starken Be­festigungsanlagen abgebrochen und schickte sich an, sich auszubreiten. Trotzdem bot die alte Stadt mit ihren zwei Vorstädten noch ein achtungsgebietendes Bild. Fast alle Türme waren noch vorhanden. Die Schlösser der beiden Herrschaftshäuser, das Pfälzer Schloß, ursprünglich erbaut von den Fuldaer Reichsäbten, und das Hessen-Darmstädter Schloß, das einst die Grafen von Hanau errichtet hatten, glänzten noch in alter Schönheit. Aber lange hielt diese einstige Stadt­herrlichkeil nicht mehr an.

Menschlicher Unverstand brachte es fertig, daß inner­halb von 20 Jahren alle Türme, bis auf einen, abgebrochen wurden. So verschwanden 1808 der. “kleine und der große Blaue Hut“, 1812 der Bachtorturm, 1816 der wuchtige Stadtturm  am Brücke-Ohl. Der letzte, der Cent gehörige Steinbomstorturm wurde 1845 beseitigt. Von dem impo­santen Darmstädter Schloß, wie es der Merianstich vom Jahre 1645 zeigt, blieb nur ein schwaches Abbild zurück. Ein Brand im Jahre 1806 raubte dem Pfälzer Schloß das gesamte Obergeschoß mit seinen starken vier Ecktürmen. Leider wurde der abgebrannte Teil in einer sich nicht gerade durch Schönheit ausgezeichneten Form wiederaufgebaut. Eine Wiederherstellung im ursprüngli­chen Stil wäre ohne Zweifel richtiger gewesen.

Aus dem Jahre 1810 ist uns eine Farbzeichnung Um­stadts übermittelt, die ungefähr von der Stelle, wo heute das Postamt steht, aufgenommen worden ist. Wir sehen hier im Vordergrund das Pforten- und Wachhaus der Stadt und Cent Umstadt. Links ist das Pfälzer Schloß gut erkennbar und rechts des Neuen Weges als letztes Haus gegen Westen das heutige Brücher’sche Haus. Alle Ge­bäude westlich davon in der Realschul-. Bismarck-, Die­burger-Straße usw. standen damals noch nicht. Die west­lichen von dem heutigen Gymnasiumsgebäude bis zum Hause Freund in der Hintergasse reichenden Befesti­gungsanlagen bildeten das Ende des Bebauungsgebietes. Auf der Fläche zwischen den heutigen Römmler-Werken nordwärts, bis fast an die Hacker-Siedlung reichend, lag, noch nicht durch die Eisenbahnlinie getrennt, das große Feld der Frießen-Beune

Die Frießen-Beune

Was bedeutet nun das Wort „Frießen-Beune“ über­haupt? Diese Bezeichnung ist uralt. Wir müssen bedenken, daß ursprünglich in den einzelnen Siedlungen eine enge Feldgemeinschaft bestand. Das gerodete Land wurde erst nach und nach Sondereigentum der einzelnen Sippen, die je nach Lage und Güte gleiche Anteile erhielten. Neben Eigentumsland gab es aber auch noch gemeinsame, für besonderen Anbau eingehegte Grundstücke. Diese nannte man auf althochdeutsch „biunta“ und später auf mittel­hochdeutsch „biunte“, woraus dann das Wort „Beine oder Beune“ wurde. Diese Art der Grundstücke lag immer, wie auch bei anderen Gemarkungen, in unmittelbarer Nähe der Siedlung oder, wie hier bei uns, bei der Stadt. Lange konnte sich die Marktgemeinschaft aber nicht an ihrem gemeinsamen Eigentum erfreuen. Mit dem Erstarken der Landesgewalt kamen diese aus bestem Ackerland beste­henden Grundstücke in den Besitz der jeweiligen Landes­herren. In Umstadt gab es im Mittelalter neben dem Beunehof noch 8 herrschaftliche Höfe, die sich im gemein­schaftlichen Besitz von Kurpfalz und Hessen-Darmstadt befanden. Sie wurden als Herrschaftshöfe, sogen. „Hub­höfe“, an „Erbbeständer“ (Erbpächter) verliehen. Damit waren gewisse Vorrechte, so der Vorschnitt bei der Getrei­deernte und die Vorlese bei der Traubenernte, verbunden. Während der Pestzeit (1634/36) verstarben alle Umstädter Hofleutc, und erst im Jahre 1657 sehen wir die Höfe wieder vollständig besetzt. Hier erscheint der Beunehof in den Händen der alten Umstädter Sippe Frieß, wodurch das Gelände den Namen „Frießenbeune“ erhielt. Da die ge­waltige Fläche von e i n e m Hofmann nicht bebaut werden konnte, teilten sich damals vier Hotleute: Hans Peter Frieß, Hans Georg Frieß, Endreß Frieß und Velten Frieß in dieselbe.

Streit um Baupläne der Stadt im Westen

Kehren wir nun wieder zu dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zurück. Der Bedarf an geeigneten Bauplätzen war immer dringender geworden, da innerhalb der Stadt, die als Festung recht eng zusammengebaut war, keine baureifen Plätze mehr vorhanden waren. Was lag näher, nachdem die festen Mauem gefallen waren, als das Wall-und Grabengelände zu bebauen. Im Osten der Stadt, dem Gebiet der Wallstraße, war man hier schon am Ausgang des 18. Jahrhunderts mit gutem Beispiel vorangegangen. Im Westen aber lagen die zusammengefassten Gebiete der Beuneäcker, die sich im Besitz der Landesherren befanden. Hier war es bedeutend schwieriger, Baugelände zu erhal­ten. Nachdem im Jahre 1799 schon der Bierbrauer Ludwig Ganß den Versuch gemacht hatte, an der Stelle des heutigen „Frankfurter Hofes“ (also auf dem westlichen Wall) ein Haus zu errichten, scheiterte dieses Vorhaben, trotzdem alle Umstädter Bürger hierzu ihr schriftliches Einverständ­nis gegeben hatten, weil es Centgelände war.

Doch der Bebauungsdrang ließ sich nicht aufhalten. Nach einem guten Jahrzehnt kam der im Jahre 1781 geborene und aus dem „Badischen“ stammende Zimmer­mann Benedikt Eldracher auf den Gedanken, vor dem Dieburger Tor ein Wohnhaus zu errichten. Er wandte sich zunächst an das Großherzogliche Oberamt Umstadt, da dieses für die Geländeabgabe an erster Stelle zuständig war. Oberamtmann Martin verfügte daraufhin nach einem Aktenstück im Stadtarchiv vom 13. Mai 1813:

„Zur Absteckung für den Zimmermeister Eldracher und Schrei­nermeister Gumbinger auf dem Beinenhof vor dem Die­burger Thor, ist Tagfahrt auf Freitag, den 14. dieses, nachmittags 4 Uhr anberaumt, wozu sich dahiesiger Stadt­rath in Deputation einzufinden hat.“

Es hatte den Anschein, daß, bezüglich. der Erschließung von neuem Baugelände, die Landesbehörde ihren Widerstand gegen die Geländeabga­be aufgab. Doch es kam anders, als es zunächst aussah. Gegen die Bereitwilligkeit des Oberamtes beschwerten sich die herrschaftlichen Hofleute Balthasar Frieß und Johannes Frieß, derzeitige Erbbeständer der Frießenbeune. Sie führten nach einem vor dem Stadtrat abgegebenen Protokoll vom 17. Mai 1813 u.a. folgendes auf:

 „Sie würden genöthigt, von ihren Äckern und Gärten, die jenseits der Straße vor dem Dieburger Thor lagen. Bauplätze abzugeben. Da sie diese Plätze nur ungern, bezw. mit großem Schaden abgeben müssten, bäten sie um stadträthliches Gutachten, ob nicht andere Bauplätze vorhanden seien, die sich ebenso gut für diese beiden Baulustigen eignen würden.“

Nach eingehender Beratung entschied der Stadtrat, daß es wohl auch sein Wunsch wäre, wenn die Stadt hierdurch verschönert und vergrößert würde, daß man aber alles vorsichtig erwägen und einen sogen. Bau­plan mit genauer Straßenführung aufstellen müsse. Gut wäre es. wenn die Großherzogliche Regierung es gestatten würde, hierüber einen nochmaligen Lokaltermin abzu­halten.

Dieser fand aber erst am 11. September 1813 statt und scheint zur Zufriedenheit der Beteiligten ausgegangen zu sein, denn im Mai 1814 erfolgte die Taxation des Grund und Bodens, aber nur für das Bauvorhaben Eldracher, da Gumbinger infolge der vielen gemachten Schwierigkeiten inzwischen von seinem Vorhaben zurückgetreten war. Die Schätzung lautete für die 100 Klafter Boden auf 166 Gulden, also eine recht erhebliche Summe. In der Zwi­schenzeit war aber, vielleicht durch die Einsprüche der herrschaftlichen Hofmänner, die Großherzogliche Regie­rung wieder anderen Sinnes geworden, sie war absolut mit der Bebauung nicht einverstanden.

Nach fast einem Jahr, am 4. Februar 1815. entschied sie,

„daß dem..Stadtrath zu Umstadt sein an höchstes Orts wiederholt angebrachtes Gesuch, wegen Anweisung von Bauplätzen vor dem Die­burger Thor, auf dem Erbhestandsfeld sogenannten Bei­nehof, abermals und für allemal abgeschlagen sey“.

Der Umstädter Stadtrat gab sich damit aber nicht zufrieden, denn neue Bauplätze waren zur Ausbreitung der Stadt immer dringender erforderlich geworden. Anscheinend war sein Vorgehen gegen die Obrigkeit recht massiv, denn mit einer erneuten Entscheidung vom 15. April 1815 erhielt der Stadtrat von der ,,Großherzoglich Hessischen für das Fürstenthum Starkenburg angeordneten Regierung in Darmstadt“ eine geharnischte Abfuhr. Sie gebot über das Großherzogliche Oberamt Umstadt, daß .unter Rückschluß des hiermit eingesandten Risses. die Querulanten höchsten Ortes wiederholt und nunmehr ein für allemal mit ihren Beschwerden unter dem Anfügen ab- und zur Ruhe zu verweisen seien und daß auf ferneres Querulieren in dieser Sache keine Resolution mehr erfolgen solle, sondern desfalls wieder eingereicht werdende Vorstellun­gen ohne weiteres ad acta genommen würden“.

Beginn der Bebauung

Das war eine deutliche Abfuhr! Aber unsere Vorfahren, bekannt für ihren Bürgerstolz, ihren Eigensinn und ihre Furchtlosigkeit, ließen nicht locker. Getreu der Inschrift am Rathaus „Salus populi suprema lex esto – Des Volkes Wohl sei oberstes Gesetz“ versteiften sie ihren Widerstand. Ihnen lag das Wohl der Stadt und ihrer Bürger mehr am Herzen als eine an Absolutismus grenzende willkürliche Entscheidung der höchsten Landesbürokratie. Und sie schafften es doch! Sie erreichten nach harten Verhandlun­gen, daß die Regierung nachgab, und so konnte der Zimmermann Eldracher im Jahre 1817 als erstes Gebäude westlich des Dieburger Tores ein Wohnhaus mit Schop­pen“ im Werte von 510 Gulden unter der Hausnummer 375 ½ errichten.

Die Familie Eldracher

Benedikt Eldracher (der Stammvater aller Umstädter Sippen Eldracher) kam am Anfang des 19. Jahrhunderts nach Umstadt. Er erwarb hier 1807 das Ortsbürgerrecht und verheiratete sich mit Anna Franziska, geb. Tremper. Zuerst wohnte er bei seinem Schwiegervater, dem Bürger Caspar Tremper (Eldrachers Haus in der Schloßgasse). Er scheint ein unternehmungslustiger, vitaler Mann gewe­sen zu sein, der sein Handwerk gut verstand und sein Vermögen durch Fleiß und Sparsamkeit zu mehren wußte. Als er seinen Bauplan mit Unterstützung des Stadtrats ausgeführt hatte, legte er damit den Grundstock für das heute weit und breit bekannte Gasthaus „Brauerei Eid­mann“. Im Jahre 1822 erwarb er noch das Haus Eldracher, Ecke Obere Marktstraße/Pfälzer Schloßgasse, und 1828 das Haus seines Schwiegervaters Tremper, ebenfalls in der Schloßgasse. Von seinen sieben Kindern: Cyriakus Joseph, Karl, Karoline, Wilhelmine, Katharine, Heinrich und Franz. war ersterer sein Nachfolger.

Im Jahre 1840 übergibt Vater Benedikt Eldracher seinem Sohn Cyriakus Joseph seinen gesamten Besitz, bestehend aus drei Wohnhäusern, einem Garten hinter der „Pfüzze“, einem Acker auf dem Knos und drei Weinbergen im Steingerück. für die Anschlagsumme von 4300) Gulden. Hierbei mußten natürlich einige Schulden übernommen werden. Die Geschwister erhielten, nur so lange sie ledig waren, freies Einsitzrecht, selbstverständlich auch die Eltern.

Es ist interessant, was für letztere der Kaufkontrakt ausweist. Neben dem Einsitzrecht im Hause Nr. 375 ½  (also im heutigen Eidmannshaus) mit ..zwey Stuben und einer Küche nebeneinander, im Erd- oder oberen Stock, je nachdem er einen oder den anderen Stock zu vermiethen Gelegenheil hat, die verschlossene Kammer auf dem Spei­cher auf der Abendseite, den verschließigen kleinen Theil des Kellers gegen der Straße zu. den hinteren verschloßenen Holzschoppen mit dem Eingang durch die Scheuer­tenne“ heißt es im Art. 10:

,,Außer diesem hat der Käufer an die Verkäufer so lange eins derselben lebt, unentgeltlich zu liefern: das nötige Licht und Holz nach Bedarf und unbedingten Forderung, oder wenn sie es für gut finden überhaupt, zwey Stekken Buchen Scheidtholz klein gemacht und in den Holzschoppen eingesetzt, vier Maas Oelen jährlich, wöchentlich das Waschen und Flikken was gebräuchlich ist, und unbedingt verlangt wird, endlich die vollständige tägliche Kost be­stehend täglich in Suppe, Gemüse und für beide ein viertel Pfund Fleisch oder statt diesem Mehlspeisen, täglich zwei­mal Kaffee mit Zukker. jedesmal drey Tassen für beide, oder wenn Verkäufer es vorziehen, überhaupt und jährlich: 52 fünfpfündige Laib Brodt, Achzig Pfund Fleisch, halb dörr Schweinen, halb frisches Ochsen- und Hammel­fleisch. 3 Malter gute Kartoffeln, KM) Krauthäupter, ½ Malter Weismehl, 15 Pfund halb weisen, halb Kandelzuker und 20 Pfund frische Butter. Bey Krankheitsfällen muß Käufer dem Verkäufer die Kost und Frank nach Vorschrift des Arztes verabreichen und die Arzeneyen bezahlen. Ärztliche Gebühren und Leichenkosten bestreiten die Ver­käufer.“

Benedikt Eldracher war damals 60, seine Ehefrau 58 Jahre alt. Anscheinend war man sich aber bei der Übergabe innerhalb der Familie nicht recht einig, denn es wird hierbei schon von Prozessen gesprochen, die. wenn sie nachteilig ausgingen, kostenmäßig von den Verkäufern zu überneh­men waren. So kam es, daß schon drei Jahre später, am 25. November 1843, Cyriakus Joseph Eldracher und des­sen Ehefrau Johanette, geb. Knapp mit Bewilligung der Eltern vom Kauf zurücktreten (im Protokoll heißt es „tritt ab“) und das elterliche gesamte Vermögen, wie sie es übernommen hatten, an die Geschwister für die gleiche Summe von 4300 Gulden verkaufen. Von diesem Verkauf wurde jedoch am 11. Juni 1844 eine Ausnahme gemacht, da der vorhergegangene noch nicht gerichtlich ausgefertigt war: Das vom Vater

erbaute Wohnhaus vor dem Dieburger Tor wurde abgetrennt und infolge eines äußerst günstigen Angebots gesondert verkauft.

Die Familie Eidmann

Diese damals schon stattli­che Hofraite erwarb dann Johann Adam Eidmann. Bürger und Kiefermeister, 31 Jahre alt. noch ledig, für die Summe von 4460 Gulden. Im Kaufprotokoll heißt es: „Nr. 375 ½  ist 100 Klafter enthaltend. Wohnhaus mit Scheuer und Hofraum, dazu das vor dem Tor liegende, von der Stadt grundzinslich besitzende Gängen an der Straße“ geht ab Martini 1844 an den Käufer über. Benedikt Eldracher und sein Sohn Cyriakus Joseph dürfen bis dahin noch im Hause wohnen bleiben, ebenso der Mieter, Herr Doktor Engau. Dem Käufer war gestattet worden, sofort mit dem Umbau des Schuppens und Hofraums zu beginnen.

Aus dem im Jahre 1817 erbauten kleinen Haus im Wert von 510 Gulden war inzwischen durch einen Umbau im Jahre 1821 ein stattliches zweistöckiges Wohnhaus mit Schuppen, Stall und Scheune im Gesamtwert von 3300 Gulden erstanden. Der neue Eigentümer, Johann Adam Eidmann, war voller Aktivität. Noch im gleichen Jahre (1844) baute er das Wohnhaus auf 2 ½  Stock um. Zwischen dem Wohnhaus südwärts war die freie Toreinfahrt und daneben der Schuppen mit Stall, der zu einem Brau- und Brennhaus umgebaut wurde. Die gegen Westen genau zur Einfahrt liegende Scheune wurde ebenfalls vergrößert.

Mit rd. 4900 Gulden stand nun das Anwesen zu Buch. Dass mit der Brauerei und Brennerei auch die Gastwirtschaft Hand in Hand ging, ist wohl selbstverständlich. Seit dieser Zeit besteht also das Gasthaus Eidmann. Nun dürfen wir uns natürlich die Umgebung nicht so vorstellen, wie sie sich uns heute bietet. Die nach Süden führende Straße hatte eine ganz, andere Führung, da ja direkt östlich des Hauses der angrenzenden Häuser sich Gärten befanden. Inzwi­schen waren nämlich vor dem Dieburger Tor weitere Gebäude entstanden, so 1819 das heutige Däschners-Haus (damals Stadtschultheiß Reinewald) und 1825 das benach­barte Ritzerts-Haus (damals Hauptmann Heil) sowie das Blank´sche Haus (damals Stadtschreiber Lips)4. Der Weg nach Lengfeld ging ungefähr südöstlich über Gelände, worauf heule das Amtsgericht steht, östlich am Niebeling-schen Haus vorbei, etwa in der Richtung des Scheuerwe­ges, Mühlweges und der Güterstraße, direkt auf die Leng­felder Straße, dort, wo sie an der fr. Zuckerfabrik einen Bogen nach Westen macht. Erst 1892 wurde die Bismarckstraße in ihrer heutigen Gestalt und Richtung erbaut.

Johann Adam Eidmann entstammte aus einem uralten Umstädter Bürgergeschlecht. Schon anfangs 1500 hören wir in Umstadt von einem Kaspar Eydmann. 1569 von einem Leonhard Eydmann und endlich von einem Bier­brauer Leonhard Eydmann. Sohn des Vorgenannten, der am 22. 3. 1612 geboren war. 1657 gab es nach einem Einwohnerverzeichnis in Umstadt sechs Bierbrauer, davon Leonhard Eydmann. der außerdem noch Schmied war und der in der Pfälzer Schloßgasse, in dem heute Brücke Ohl-schen (fr. Lichtenstein’schen) Haus wohnte. Sein Sohn, der am 14.2.1658 geborene Joh. Friedrich Eydmann. war Küfer. Ihm folgte der am 20. 1. 1699 geborene Joh. Peter Eydmann. Wagnermeister, und diesem der am 5.8.1741 geborene Joh. Peter Eidmann, der das Wagnergewerbe fortsetzte. Letzterer wohnte schon in dem früheren. Ernst Ohl‘-schen Haus in der Hintergasse.  Auch dessen Sohn, der am 20.4. 1770 geborene Joh. Jakob Eidmann, war Wagner, zugleich noch Hofmann.

Johann Adam Eidmann jun.

Johann Jakob Eidmann hatte mehrere Kinder. Der älteste Sohn. Peter, erbte das Haus in der Hintergasse. Der jüngere Sohn Johann Adam, geb. 24.3.1813. erlernte das Küfer- und Bierbrauerhandwerk. Sein Vorwärtsslreben. seine Aktivität schon in jungen Jahren, ließ ihn erst spät an den Ehestand denken. Zuerst wollte er es zu etwas bringen, was ihm auch durch eisernen Fleiß gelang. Erst nachdem er 1844 das Haus vor dem Dieburger Tor erwor­ben und vergrößert hatte, dachte er an die Gründung einer eigenen Familie. Am 9. Juni 1850 verheiratete er sich. 37jährig, mit Katharina, geb. Hillerich, die ihm eine mithelfende, tatkräftige Ehefrau wurde. Bei der Eheschlie­ßung wird er als „Bierbrauer und Kiefer“ bezeichnet, außerdem in dieser Zeit auch als ..Wirth“. Seine Brauerei führte er vorbildlich, und aus seiner Brennerei erzielte er Spitzenerzeugnisse, die er, wie z. B. sein berühmtes Zwetschgenwasser, bis nach Amerika ausführte. Schon 1859 baute er wieder um. Er verbesserte das Brauereige­lände, erbaute einen zweistöckigen Pferde- und Kuhstall und einen Schweinestall. Schon 1866 wurde wieder um­gebaut.

Diesmal wurde das Wohnhaus vergrößert und ein Flügel westwärts angebaut. Wiederum wird das Brau- und Brennhaus verbessert, ebenso der Pferdestall und ein neues einstöckiges Kelterhaus errichtet. Diese beiden Umbauten steigerten den Wert der Gesamthofraite von 4900 auf 8700 Gulden, also um eine beträchtliche Summe. Doch seinem Schaffensdrang wurde bald ein Ende gesetzt. Am 5. Mai 1873, erst sechzigjährig, berief ihn der Tod zu sich in die Ewigkeit.

Ernst Eidmann

Er hinterließ ein I4jähriges Söhnchen, den 1859 gebo­renen Ernst Eidmann, vielen unserer Leser noch wohlbe­kannt. Die Witwe bemühte sich tatkräftig, den schönen Betrieb instand zu halten. Sie opferte sich für ihren Sohn auf, um ihm das väterliche Erbe zu erhalten. Zunächst wurde einmal die Gastwirtschaft geschlossen. Mit allen Mitteln wurde versucht, die Bierbrauerei und Brennerei weiterzuführen. Es war aber, trotz größter Mühe, verge­bens. Hatte man am 28. November 1874 die Gastwirtschaft wieder eröffnet, so mußte am 29. Januar 1875 die Bier­brauerei stillgelegt werden. Zwischendurch erlernte Ernst Eidmann in der Brauerei Peter Brenner von der Pike auf das Bierbrauerhandwerk. Bald war es wieder soweit. Am 9. Februar 1884 gab er im „Odenwälder Boten“ bekannt, daß er Bier aus eigener Brauerei in Zapf genommen habe. Nun ging es wieder aufwärts. Da mit dem Betrieb auch eine ergiebige Landwirtschaft verbunden war, war Arbeit in Hülle und Fülle und auch mancher Erfolg vorhanden und zu verzeichnen. Schon im gleichen Jahr wurde wieder umgebaut. Vor allem wurde das Brau- und Brennhaus erweitert und modernisiert, ferner das Wohn­haus verbessert. Außerdem erfolgte die Verbindung zwi­schen Wohnhaus und Brauhaus durch den Torüberbau, wodurch der Wert von 14920 auf 20060 Mark stieg. Am 17. Februar 1886 wurde in ,,Eidmanns blauem Zim­mer“ der Umstädter Karnevalverein gegründet, dessen Mitbegründer Ernst Eidmann ist.

Nachdem er durch Übergabevertrag vom 6. März. 1890 das Anwesen übernommen hatte, baute er im Jahre 1891 hinter der Scheune einen Schuppen an, riss aber auch gleichzeitig das Kelterhaus wieder ab. Ein weiterer Schup­pen im Garten wurde 1894 erbaut. In die Zeit der

Das Eidmannsheim in der Kuhhohl

achtziger Jahre fällt auch die Errichtung des großen Lager-, Gär- und Eiskellers in der Kuhhohl, worauf in den neunziger Jahren das kleine Häus’chen erbaut wurde. Zwischen­durch gehörte Ernst Eidmann von 1889-1896 als Heirats­gut auch das Ittmanns-Haus in der Bachgasse (Schade & Füllgrabe). Am 1.1.1897 meldete er das Gewerbe als ,,Branntweinbrenner, der jährlich 2-300 hl brennt“ ab. 1898 ging es mit dem Bauen weiter. Das Wohnhaus wurde um 4000 – M verbessert, ebenso das Brauhaus, das zwei­stöckig und mit einem Maschinenraum versehen wurde.

Im Torüberbau wurde ein Kühlschiffraum eingerichtet. Der Hauswert steigerte sich dadurch auf 29 360,- Mark. Brauerei und Gastwirtschaft gediehen auf das Beste. Durch das Brauen von Salvator- und Märzen-Bieren nach Mün­chener und hellen Bieren nach Pilsener Art hatte sich Emst Eidmann, durch sein freundliches, aufgeschlossenes We­sen beliebt, viele Kunden und Stammgäste erworben. Am öffentlichen Leben nahm er lebhaften Anteil, so war er viele Jahre Gemeinderat im Umstädter Stadtparlament. Er war dreimal verheiratet, und zwar mit Kath. geb. Hax (Haxenmühle), aus welcher Ehe zwei Söhne, einer ver­storben und sein Nachfolger Georg Leonhard Eidmann, entsprossen, in zweiter Ehe mit Elise geb. Heyl, ferner zuletzt mit Wilhelmine, geborene Frieß, die ihm drei Kinder: Emst Eidmann (verheiratet nach den Hundertmor­gen i.O.), eines verstorben und Minna Eidmann schenkte. Georg Leonhard Eidmann, 1890 geboren, bildete sich, nach dem Besuch von Volks- und Realschule, ebenfalls im Brauereifach aus, und zwar ging er in die Lehre bei der Brauerei Melchior, Butzbach (Oberhessen).

Der inzwischen ausgebrochene Erste Weltkrieg, an dem er teilnahm, machte aber alle Anstrengungen zunichte, zumal die kleinen Brauereien, besonders hinsichtlich der Rohstofffrage, einen ganz besonders schweren Stand hat­ten. Im Jahr 1915 mußte daher die Brauerei stillgelegt werden, sie wurde auch nicht wieder in Betrieb genommen.

Georg Leonhard Eidmann

Kellerbesuch 1938 bei Georg Leonhard Eidmann. Links Georg Füßler.

Im Jahre 1918 verstarb Ernst Eidmann und sein Sohn Georg Leonhard Eidmann übernahm im Jahr 1919 Haus und Gastwirtschaft. Er verheiratete sich 1921 mit Elisabethe geb. Ohl, einer Tochter des bekannten Hirschwirts Gg. Hch. Ohl 1. Im Jahre 1924 wurde ihm sein Sohn Ernst Martin geboren. In diese Zeit nach dem Ersten Weltkrieg fällt auch, durch den Wegfall der Brauerei, die Intensivie­rung des Weinbaues. Durch seine hervorragenden Kennt­nisse in der Kellerwirtschaft wurden Eidmanns Weine alsbald ein Begriff und weit und breit als sorgfältig aus­gebaute und gepflegte Weine bekannt und geschätzt, die ihren guten Ruf sich bis heute erhalten haben. Er moder­nisierte den Gastwirtschaftsbetrieb und baute im Jahre 1925 verschiedenes aus und um. So wurden die Scheune in Ställe und der Kühlschiffraum in Wohnräume umge­wandelt, ein Hühnerhaus errichtet, die Schuppen vergrö­ßert, eine neue Halle mit Stall sowie ein Geräteraum und die Gartenwirtschaft instandgesetzt. Landwirtschaft und Weinbau wurden besonders gepflegt und die Hühnerzucht gewissermaßen als Liebhaberei gefördert. Hier errang Herr Eidmann viele Zuchterfolge, ja er erhielt sogar im Jahre 1936 den Weltsiegerpreis. Weiter fallen in diese Zeit die bekannten Künstlerkonzerte der Kapelle Kehrmann, die sich damals größter Beliebtheit erfreuten und die zum Teil in dem schön hergerichteten „Eidmanns Garten“ viele Zuhörer anzogen. Kurz gesagt, er setzte die bewährte Familientradition baulich, geschäftlich und persönlich im besten Sinne des Wortes fort.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Landwirtschaft aufgegeben, dafür aber in den ehemaligen Brauereiräumen eine große Süßmosterei und Apfelweinkelterei mit moder­nen Maschinen und Tanks eingerichtet, deren Kapazität sich, dank der Qualitätserzeugnisse, von Jahr zu Jahr steigert.

Ernst Martin Eidmann

Diesen Betriebszweig sowie das Gasthaus über­nahm ab 1945 sein Sohn Ernst Martin Eidmann, dem auch seit dem vergangenen Jahr das ganze Anwesen gehört. Neben der Aneignung praktischer Erfahrungen in der väterlichen Weinkellerei hatte sich Ernst Martin zuvor auch in der Wein- und Obstbauschule Oppenheim, in Oppen­heimer Weinbaubetrieben und in Ober-Erlenbacher Süß­mostbetrieben die notwendigen theoretischen Fachkennt­nisse erworben. Heute werden in jeder Saison viele tausend Zentner Äpfel und Johannisbeeren zu Apfelsaft, Apfelwein und schwarzem Johannisbeersaft verarbeitet, die weit über die Grenzen unserer engeren Heimat bekannt sind und die mit eigenem Lkw zu den Kunden verbracht werden. Große Pflege wird dem Weinbau zuteil, wobei rund 7000 qm Rebgelände bearbeitet werden, die in eigenen Kellern ihren Ausbau finden, bis der köstliche Steinwein, der fruchtig, herb und rassig die Pokale füllt, Wirklichkeit geworden ist und den die Kenner lieben. Bei den Umstädter Weinproben lagen Eidmanns Weine immer mit an der Spitze, ein Beweis für die Mühe und Sorgfalt, die sich die Besitzer mit ihnen geben.

In Umstadt: Beim Kerbche

So stellt sich uns heute das Gasthaus Eidmann bei dem 115jährigen Geschäfts- und Familienjubiläum als ein mar­kantes Haus besten Umstädter Bürgersinnes vor. Gerne kehrt der Gast hier ein, weiß er doch, daß seine Wünsche nach bestem Können erfüllt werden, sei es mit einem guten Glas Umstädter Steinwein, einem frischen und gepflegten Glas Schwanen-Pils oder einem würzigen, gehaltreichen Glas schwarzen Johannisbeer-Süßmost. Auch etwas Kräftiges zu essen ist immer da, und ist der Gast müde, so kann er auch in einem weichen Bett in freundlichen Fremden­zimmern sich ausruhen. Daß die Stammgäste sich beson­ders wohlfühlen und viele schon jahrzehntelang entweder morgens zum Sonntagsfrühschoppen oder allgemein nach­mittags einkehren bzw. abends ihren Abendschoppen trin­ken oder auch zur Skatrunde zusammenkommen, ist wohl selbstverständlich. Nicht zu vergessen die Karnevalisten, deren ältestes Ehrenmitglied (1960 – 50 Jahre) Georg Leonhard Eidmann ist und der als unübertroffener Lokal-dichter und Büttenredner bekannt ist. „Narrhalla“ hat hier in „Kerbcheshausen“ ihr Vereinslokal, dem seit Gründung im Jahre 1886 das ihm eigene Fluidum anhaftet. Freundlich und zuvorkommend wird man hier von der ganzen Familie bedient und als Gast anerkannt, das ist es, was dem guten, altbewährten Ruf des Hauses Eidmann immer wieder dient und ihm einschließlich der ganzen Familie auch weiterhin die Sympathie der Bürgerschaft wie von vielen Freunden aus nah und fern einbringt.

(OB 31.10.1959)

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