Gasthaus „Zur Brücke“

Zur Geschichte des Gasthauses "Zur Brücke
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von Georg Füßler

 

Der Stadtturm – das Mitteltor

Auf allen älteren Abbildungen unserer Heimatstadt ragt der imposante, alles beherrschende Stadtturm hervor, der Ende des 16. Jahrhunderts erbaut wurde. Seine Errichtung erfolgte genau im Mittelpunkt von „Stadt“ und der „alten Vorstadt“. Hier war der Türmer mit seinen Gesellen untergebracht, die auch das im Erdgeschoß befindliche „Mitteltor“ mit der Zugbrücke, das die einzige Verbindung zwischen Stadt und Vorstadt bildete, zu betreuen hatten. In dieser Zeit herrschte überhaupt eine rege Bautätigkeit und viele öffentliche Bauten, so das Rathaus, das Wamboltsche Schloß u. a. m. entstanden. Die „Stadt“ war von der „alten Vorstadt“ an ihrer Südseite noch durch die Stadtmauer getrennt, die von Westen nach Osten vom Pfälzer Schloß als Eckbastion, am Kollekturgebäude, dem Turmgäßchen und dem Ganß’schen Schloß entlang  führte und dort bei dem sogenannten „Blauen Hut“ endigte.

Gesellenbrief, gezeichnet von J.D. Seitz

Das Schießhaus

Ein Teil des Grabens und des Zwingers (von der Kollektur bis zum Turm) wurde zum Schießgarten umgewandelt und, wo heute das Gasthaus „Zur Brücke“ steht, das neue städtische Schießhaus erbaut. Die Zeichnung von J.D.Seitz aus dem Jahre 1798 (?) gibt uns ein anschauliches Bild von dieser Stätte. Wir sehen hier links vom Stadtturm das Schießhaus mit einem Eingangstürmchen, die Stadtmauer, die von einem weiteren Türmchen unterbrochen ist und den von einer mit einem Durchlass versehene kleine Mauer umgebenen Schießgarten, aus dem Bäume herauslugen. Im Vordergrund sehen wir auf dem Weg den Geißbrunnen, die spätere Geißpumpe. Hier herrschten dann besonders an den Sonntagen ein reges Leben und Treiben, da die Schützengesellschaft, die im späteren Mittelalter die sogen. Bürgerwehr darstellte und mit dem Stadtadel den Schutz der Stadt innehatte, ihre regelmäßigen Schießübungen abhielt. Das war dann der Treffpunkt aller wehrfähigen Männer, woraus die Stadt insofern ihren Nutzen zog, als sie das Schießhaus mit Back- und Schankprivilegien bedachte und an Interessenten jeweils auf sechs Jahre verpachtete.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte diesen „Bestand“ Bäckermeister Bernhard Frieß, woraus der noch heute bestehende Name „Schießbäcker“ herrührt. Interessant ist eine Episode aus dem Jahre 1806, als Johannes. Störger, Pächter des gemeinen Backhauses in der „Stadt“ (heute Haus Eberhardt in der Curtigasse) der Witwe des Schießbäckers Johannes Frieß den Bestand des Schießhauses streitig machen wollte. Der Stadtrat entschied sich damals für die Witwe Frieß und berichtete einem hochlöblichen. Oberamt u. a. „Schon mehr als 20 Jahre, sowohl in theueren als wohlfeilen Zeiten hat dieselbe und ihr Ehemann dieses Schießhaus in Bestand. Der vom Stadtrath unter Zuziehung der bürgerlichen Letzmeister (das waren Vertrauensmänner von Stadtbezirken) gefaßte Entschluß werde noch bestärkt, daß bei dem ohnehin nicht ganz musterhaften Betragen des Johannes Störger, dieses Schießhaus indem es zugleich das Zapfrecht besitzet, ein Schlupfwinkel für Säufer und Spieler werde, die wegen seiner abgetrennten Lage nicht leicht zu entdecken sein mögen und so diese Bestandsbegebung eine Veranlassung zur Verführung junger Bürger und des Gesindes und Niederlage von Lüderlichkeiten abgebe.“

Der Verkauf des Schießhauses

Im Jahre 1812 entschloss sich der Stadtrat, das Schießhaus zu verkaufen. Am 20. Juli 1812 fand die öffentliche Versteigerung statt, bei der Bäckermeister und Bürger Joh. Heinrich Ohl mit 2250 Gulden Meistbietender blieb. Der Kaufbrief spricht, von dem „bisher städt. Haus, das sogen. Schießhaus am Thurn Nr.1 neben dem Graben und Michael Hax jun. mit dazu gehörigen Nebengebäuden und dem Plaz bis an den Zwinger.“ Die Gebäulichkeiten erfuhren in den letzten 140 Jahren grundlegende Veränderungen, so daß von der alten Ansicht heute nichts mehr zu erkennen ist. Die Familie des Erwerbers, die heute in der zehnten Generation in Umstadt ansässig ist, stammt von Richen, von wo im Jahre 1710 Tobias Ohl, der es bereits 1715 zum Umstädter Oberbürgermeister brachte, zuzog. Die Bäckerfamilie Ohl wurde seit dieser Zeit mit dem Beinamen „Turm-Ohl“ (Dornohl) bezeichnet, bis später die Nachkommen, als das Gasthaus den Namen „Zur Brücke“ erhielt, mit dem Beinamen „Brücken-Ohl“ benannt wurden. Am 14. Juni 1816 wurde der schöne große Stadtturm aus Unverstand leider zum Abbruch versteigert, wodurch das markanteste Bauwerk unserer Stadt verschwand.

Der Brücke-Ohl

 1846 übernahm das Anwesen Bäckermeister Johannes Ohl I. und 1874 dessen Sohn. Joh. Heinrich Ohl VI. Stadtrat, Bäckermeister und Landwirt, noch vielen Umstädtern wohl bekannt. Mit seinem Ableben im Jahre 1917 wurde auch die Bäckerei, die jahrhundertelang an diesem Platz bestanden hatte, aufgegeben. Sein Sohn, Georg Ohl X., Land- und Gastwirt, verstand es, dem Namen „Brücke-Ohl“ neue Impulse zu geben. Er machte das Gasthaus weit über unsere engere Heimat hinaus bekannt. Durch Beteiligung an vielen landwirtschaftlichen Ausstellungen, so u. a. in München und Darmstadt, verschaffte er sich, besonders auch im Weinbau (eigene Weinbaufläche ca. 8000 Rebstöcke) einen guten Namen. Seiner Initiative war es zu verdanken, daß durch ihn Umstadt bei vielen Weinproben und in Weinkosthallen vertreten war. Am wirkungsvollsten war die Beteiligung an der DLG-Ausstellung in Köln 1930, von der die Presse schrieb: „Auf der DLG-Ausstellung in Köln erzielte der Weingutsbesitzer Georg Ohl 10., „Gasthaus zur Brücke“ Groß-Umstadt in der Abteilung „Dauerwaren-Prüfung“ für ausgestellten 1928 er Groß-Umstädter Steingerück natur eine Anerkennung. Die Weine wurden um ganz Afrika herumgefahren, haben verschiedene male den Äquator passiert und wurden dann von ersten Fachleuten Deutschlands mit vorher von der DLG entnommenen Gegenproben, die in Berlin gelagert waren, auf Dauerfestigkeit geprüft und begutachtet.“

Sein Sohn Georg Heinrich Ohl, der derzeitige Besitzer, setzt die alte Tradition des Hauses mit entschlussfreudiger Tatkraft fort. Das beweist vor allen Dingen der nun abgeschlossene großzügige Umbau der Gast- und Beherbergungsräume, der unter der Leitung von Architekt Schneider stand.  Hier wurde ein Werk geschaffen, das eine  Zierde für unsere Stadt darstellt. Im Zuge dieser arbeiten wurde auch die schon lange notwendig gewesene Verlegung des Eingangs von der Oberen Marktstraße zum Neuen Weg durchgeführt. Eine schöne Großgaststätte ist hierdurch entstanden. Eine Zentralheizung wurde eingerichtet und die Wände im neuzeitlichen Stil mit Holz verkleidet.  So ist das Gasthaus „Zur Brücke“ jederzeit für Gäste gerüstet.  Wir sind davon überzeugt, dass unter der Leitung von Herrn und Frau Ohl und Mithilfe ihrer beiden Töchter sich zu den Altkunden auch zahlreiche neue Freunde erwerbe wird.

18.09.1953 Georg Füßler