Der Kirchenkampf

Der Umstädter Beerdigungsstreit _______________________________
Ein Bild aus der Zeit nach dem 30-jährigen Krieg

Die Ausgangslage

Wir schreiben das Jahr 1685. Damals lebte in Pflaumheim im Bachgau Barthel Kern mit seiner Ehefrau. Der Ort gehörte zum Kurfürstentum Mainz. Die Eheleute Kern waren also katholisch. Sie freuten sich auf ein Kind, das sie in Kürze erwarteten. Da geschah ein Unglück mit weitreichenden Folgen: die Schwangere brach sich den Arm. In ihrer Heimatstadt war niemand, an den sie sich hätte wenden können. Ihr Ehemann erinnerte sich, dass der Wagnermeister Nikolaus Strauch aus Umstadt ihm gesagt hatte, der Scharfrichter Paul Schwert habe in Umstadt schon öfters derartige Leiden kuriert

So machte sich Frau Kern (ihr Vorname ist nicht bekannt) Mitte Februar 1685 auf den Weg nach Umstadt, um sich „wegen eines gefährlichen Armschadens in die Chur zu begeben.“ Nun war Umstadt seinerzeit beileibe keine Kurstadt. Es gab dort keinen Arzt oder Bader, der den Bruch hätte behandeln können.  Nur Paul Schwert kam dafür in Frage. 

Den Beruf des Scharfrichters gab es in unseren Landen seit dem späten Mittelalter, also seit dem 12./13. Jahrhundert. In der Zeit davor galt das sog. Bußstrafrecht. Verbrechen, auch der schwersten Art, konnten durch Bußen abgegolten werden. Der Verletzte oder die Angehörigen eines Ermordeten durften im Wege der Fehde Rache an dem Täter oder dessen Familie nehmen. Einen staatlich bestellten Vollstrecker brauchte man nicht. Wir dürfen allerdings nicht annehmen, es habe sich um eine rechtlose Zeit gehandelt. Die Fehde, deren sich vor allem die Ritter bedienten, war auch eine Form des Rechts, gebunden an bestimmte Voraussetzungen, die einzuhalten waren.  Aber damit wollen wir uns nicht weiter beschäftigen.

Der Scharfrichter Paul Schwert

Paul Schwert, der Stammvater des Umstädter Scharfrichters Johann David Klotz
 

Als Frau Kern in Umstadt angekommen war, nahm sie bei  Nikolaus Strauch Quartier. Da die Niederkunft unmittelbar bevorstand, rief man schnell die Hebamme herbei. Bei der Geburt kam es leider zu Komplikationen. Der frühe Tod des Kindes war leider abzusehen. Da es „mit der tauffe geeylet“, rief die Ehefrau des Strauch dringlich den lutherischen Pfarrer Vigelius herbei. Einen katholischen Pfarrer, der eigentlich zuständig gewesen wäre, gab es in Umstadt nicht. 

Die Stadt war unter verschiedenen Landesherrschaften geteilt – sie war ein sog.Kondominat: die kalvinistische Kurpfalz und das lutherische Hessen-Darmstadt, das wiederum mit Hessen-Kassel bestimmte kirchliche Rechte gemeinschaftlich verwaltete. Im einzelnen war dies aber alles im Streit. Vigelius taufte das Kind, das kurz darauf starb. Es wurde in aller Stille beerdigt. .

Der unglücklichen Mutter stand aber noch die Behandlung durch den Scharfrichter bevor. Sie scheint zu dessen Künsten – zu Recht, wie sich später herausstellte – nicht das rechte Zutrauen gehabt zu haben. Denn sie bat  Vigelius, die „Leichceremonie“ vorzunehmen, wenn ihr etwas zustieße. Die bösen Ahnungen der Frau trogen nicht. Die unglückliche Chur,  die Paul Schwert vornahm, führte leider zum Tod der Patientin.

Was nun folgte, mag uns heutigen „aufgeklärten“ Menschen wie eine Posse erscheinen. Es wäre aber ungerecht und abgeschmackt, sich besonders klug vorzukommen und sich darüber lustig zu machen. Man darf diese Vorgänge nicht mit heutigen Maßstäben messen, sondern sollt sich an den damaligen Zeitumständen orientieren.

Calvinisten und Lutheraner

Johannes Calvin
Martin Luther

Die Umstädter Verhältnisse waren   wegen der leidigen Teilung gerade im kirchlichen Bereich von durchaus unchristlichen Gegensätzen zwischen den lutherischen Hessen und den calvinistischen Kurpfälzern geprägt. Deren Streit machte auch vor den Toten nicht halt. Man war sich vor allem uneinig darüber, wer „ausländische“ Personen mit nicht mehr feststellbarer Religionszugehörigkeit oder „Papisten“ (Katholiken) zu beerdigen hatte.

So auch in unserem Fall: Kaum war der Tod der katholischen Pflaumheimerin bekannt geworden, versuchte der kurpfälzische Pfarrer „mit listigen Worten“, wie es sie Hessen sahen, den  Ehemann der Verstorbenen, der nach Umstadt geeilt war,  umzustimmen und mit der Drohung zu erschrecken, wenn er den Lutheranern nachgebe, werde die Leiche von den „blaumäntheln  fortgetragen und begraben.“ Mit den „Blaumänteln“ waren hessische Dragoner gemeint

Der bekümmerte Ehemann, der den letzten Wunsch seiner Ehefrau respektieren wollte, wandte sich nunmehr an den hessischen Amtskeller Johann Caspar Buchner, der ihm Hilfe und eine würdige Beerdigung versprach.

An dem für die Bestattung vorgesehenen Tag fand in der Stadtkirche  vor dem Gang zum Friedhof in Gegenwart  Buchners eine Betstunde statt. Alles schien sich im Sinn der Lutheraner zu ordnen.

Der Konflikt in der Stadtkirche

Die Umstädter Stadtkirche

Aber sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Während die Hessen fromm beteten, stieg auf Befehl des pfälzischen Kellers Naurath der Forstknecht Georg Knöth heimlich auf den Kirchturm, läutete die kleine Glocke der Reformierten und rief damit zu einer calvinistischen Beerdigung auf. Die Lutheraner unterbrachen empört ihre Andacht. Buchner eilte allen vornweg – bewaffnet mit einem spanischen Rohr – die Treppe zum Kirchturm hinauf, um Knöth zur Rede zu stellen. Der Parrer Vigelius folgte in einigem Abstand.

Wie es weiterging, darüber stritten die Parteien noch lange. Jedenfalls erlitt Buchner eine tief klaffende Fleischwunde, als Knöth mit einem Hirschfänger nach ihm stach – aus Notwehr, wie er später behauptete. .   

 Gesangswirrwarr bei der Beerdigung

Unterdessen war Pfarrer Vigelius, der sich unter keinen Umständen die Beerdigung entgehen lassen wollte, mit seinem Schulmeister und einigen lutherischen Schülern zum Sterbehaus geeilt, um den Pfälzern dort zuvorzukommen. Kaum waren sie dort angelangt, trafen auch schon reformierte Schüler mit ihrem Meister an, die sofort begannen, den Psalm In schwerer Heimsuchung“ zu singen, der allerdings nicht gut in lutherischen Ohren klang. Deshalb hielten die Lutheraner den Gesang Lebwohl will ich Dir sagen“ dagegen, was die Reformierten allerdings später „ein groß Geschrey“ nannten. Sogar vor dem Leichentuch machten die Eiferer nicht halt: Vigelius „zerrte“ es herunter, wie die Reformierten ihm vorwarfen, während der Pfarrer es lediglich  gewendet haben wollte. Denn die Calvinisten hätten das Tuch schon zuvor umgedreht, um das weiße Kreuz, das Zeichen Christi,  zu  verdecken.

Als man sich endlich auf den Weg zum Friedhof machte und dort nach allerlei Tumulten ankam, setzten am Grabe beide Teile ihre Gesänge fort, „was wegen der unterschiedlichen Lieder ein erbärmlich Geheul und Harmonie gegeben.“ An eine Trauerrede war nicht zu denken wegen der „übergefälligen Unordnung und Ärgernuss.“ So wurde – aus hessischer Sicht – der „von Churpfaltz schändlich verstümmelte Akt“ beschlossen

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Das Strafverfahren

Anmerkung: Wer sich nicht für das frühneuzeitliche „artikulierte“ Strafverfahren interessiert – dies werden mit Abstand die meisten sein – dem empfehle ich, die Lektüre hier abzubrechen. Diese juristischen Details, die teilweise in Spitzfindigkeiten ausarten,  sind nicht jedermanns Sache 

Nach dem Ende der unerfreulichen Angelegenheit verlangte Hessen die exemplarische Bestrafung des pfälzischen Forstmeisters Knöth. Man einigte sich überraschend schnell auf die Einsetzung einer Untersuchungsdeputation. Kurpfalz, das sich nicht in die Rolle des alleinigen Beschuldigten begeben wollte, bestand jedoch darauf, dass noch weitere Anklagepunkte einbezogen wurden, so z.B., daß die lutherische Ehefrau des Bierbrauers Hans Georg Ganß  auf dem Markt gerufen habe „Ihr calvinistischen Hunde und Schelme“, während Hessen zusätzlich vorbrachte, der kurpfälzische Pfarrer Götz habe in Klein-Umstadt nach einem religiösen Disput seinem Nachbarn Hans Bausch ein Gitterfenster eingeworfen. 

Die sich anschließenden Untersuchungen zu diesen Anklagepunkten führten der hessische Cantzleiregistrator Hans Georg Jung und der pfälzisch-lichtenbergische Amtsverweser Braun. Die Beamten erledigten ihre Aufgabe erstaunlich schnell. Vergleicht man ihre Arbeit mit der heute üblichen Dauer des Verfahrens bei der Verfolgung vergleichbarer Tatbestände (Körperverletzung im Amt, Beleidigung einer religiösen Gruppe) , so schneiden die Beamten des 17. Jahrhunderts erheblich besser ab als heutige gerichtliche Sachbearbeiter. 

Dabei war das Verfahren mehr als umständlich. Pflaumheim lag von Umstadt aus gesehen im „Ausland“, weil dort der Erzbischof von Mainz das Sagen hatte. Zunächst war – in moderner Terminologie – ein Rechtshilfeersuchen den Erzbischof, zu richten. Zuvor durfte man den unglücklichen Ehemann Barthel Kern nicht vernehmen.  Die Einzelheiten mögen hier übergangen werden. 

Die „Handtastung“ des Gerichtsstabs

Der Gerichtstab als Zeichen der herrschaftlichen Gewalt.

Anfang April fand in Umstadt die Gerichtsverhandlung im Umstädter Rathaus statt. statt.  Am ersten Tag waren noch keine Zeugen geladen.  Im Inquisitionsverfahren war zunächst einmal zu klären, welche Fragen, (sog. articuli probatoriales) gestellt werden sollten. Sie waren vorher konkret zu formulieren, von ihnen durfte bei der „artikulierten“ Vernehmung der Zeugen nicht abgewichen werden. Zuvor kam aber die schwierigste Frage:  Wer von den beiden Vertretern der Herrschaften (Jung oder Braun) sollte die Verhandlung führen? Darüber kam es zu einem, ausführlichen  Disput. Hessen, vertreten  durch  Jung,   gestand  zwar  zu,   dass  Kurpfalz  einen  gewissen Vorrang  hatte  als  Kurstaat. Andererseits war nach einem Vertrag von 1594 in  Umstadt  die  Strafgewalt von beiden  Landesherrn  gemeinschaftlich auszuüben.

Das äußere Zeichen  der herrschaftlichen Strafgewalt war der  Gerichtsstab. Wer sollte ihn  in  Händen  halten  oder  in  damaliger  Terminologie, wer  sollte  das  Recht  der  Handtastung“  haben?  Hessen schlug vor,  dass Braun  und  Jung den Stab  gemeinschaftlich  halten sollten,   und  zwar  Braun oben, Jung  unten.   Dies  erschien  dann doch  etwas  umständlich.   Man  einigte  sich  schließlich  darauf, dass der Stab abwechselnd  gehalten  werde, zuerst  Pfalz, dann Hessen.

Kaum war dies geklärt, brach ein Streit über die Protokollführung aus. Den hessischen Stadtschreiber Wolff wollten die Kurpfälzer nicht, den ehemaligen Schreiber Colerus lehnten die Hessen ab. Weil in Umstadt „sonst niemand hier ist, der was rechtes schreiben kann“, erklärten sich die Beamten bereit, selbst Protokoll zu führen. Wer meint, man habe es hier mit unnötigen Spitzfindigkeiten zu tun, irrt. 

Denn es war alles noch  viel komplizierter, als es sich hier darstellen lässt. Hessen-Kassel hatte in Umstadt bestimmte „reservierte“ Rechte inne, über die der streitbare „Reservatenamtsverweser“ Chelius wachte. Dieser wollte weitere articuli in die Vernehmung einbringen, möglichst um Kurpfalz an den Pranger zu stellen. Als daraufhin Braun mit der Abreise drohte, gab Chelius nach. Nachdem Jung durch einen eilends nach Darmstadt entsandten reitenden Boten die Zustimmung der Landgräfin Elisabeth Dorotheas zum vereinbarten Verfahren eingeholt hatte, konnte am 03.04.1685 die Beweisaufnahme auf dem Rathaus beginnen. Tags zuvor hatte man bereits die Zeugen geladen.

Das „artikulierte“ Verfahren

Man fing in der Frühe an. Um 13.00 Uhr waren knapp 30 Zeugen zu mehr als 30 Artikeln und einer Vielzahl interrogataria (zusätzlichen Fragen)  vernommen, die Protokolle lagen fertig vor. Nachmittags formulierten die Beamten die articuli gegen Vigelius. Am 04.04.1685 traf man sich wieder an gewohnter Stelle. Zunächst wurde die Protokolle überprüft und abgeklärt („rotulum testium miteinander collationiert“). Anschließend weitere Zeugenvernehmungen.

Am 05.04.1685 war ein Sonntag. Die Beamten wohnten – getrennt selbstverständlich – dem Gottesdienst bei. Am 06.04.1685 setzten beide weitere articuli wegen anderer Vergehen auf, die hier nicht ausgebreitet werden sollen. Man kennt dies aus  Untersuchungsausschüssen unserer Zeit, in denen jede Partei ihr genehme Anschuldigungen einbringen will.  

Am Vormittag des 07. 04.1685 vernahm man die letzten Zeugen. Nachmittags „rotulus testium collationiert„.  Schluss der Beweisaufnahme. Abschied der Beamten aus Umstadt.

Alles andere lag nun bei den Landesherren in Heidelberg und Darmstadt (und nicht etwa bei irgendwelchen Gerichten), denen man die rotuli testium (= Protokolle) übersandte.

Zum Verständnis: ein Beispiel

Zur Illustration, wie die artikulierte Zeugenvernehmung konkret gehandhabt wurde, mag ein kurzer Auszug aus den umfangreichen Protokollen dienen:

Vorab wurde jeder Zeuge, verbunden mit der Handtastung des Gerichtsstabs“ vereidigt, er schwöre zu Gott dem Allmächtigen einen Eid, auf die „articul und fragstück niemanden zu lieb oder zu leid die Wahrheit … zu sagen, ohne gefährde.“ 

Dann folgten die „Generalia“, was die Juristen heute die Fragen zur Person nennen.

  1. Wie der  Zeuge  heiße,
  2. Wie alt  er  sei,   welche  Religion,
  3. was seine  Nahrung  sei,
  4. ob er    mit     jemanden  geredet  oder  sonst  unterrichtet sei,   was  er  itzo  aussagen  solle.

Dann kam man zu den Specialia“,  den Fragen zur Sache. Der Zeuge hatte, von Ausnahmen abgesehen, die Frage lediglich zu bejahen („affirmat“), zu verneinen („negat“) oder zu sagen, er wisse nichts („nescit“). Als kleines Beispiel möge die Aussage des Zeugen Niclas Strauch (60 Jahre, lutherisch, Wagner und Ackermann) zu 2 articules, dienen.

art.1: Wahr, dass eine catholische weibsperson aus dem Chur-Maintzischen, so ihren arm schadenshalber in der cur gelegen, todes verblichen.

art.3:  Wahr, dass sie  dem  Fürstlich  Hessischen  Sambtpfarrer M.   Vigelius  umb  die  heylige  Tauf  angesprochen.

ad art.3  interrog.spec.: Ob  diese  Weibsperson  solches  nit auf  Geheiß  des  Hauswürths  Niclas  Sträuchen  gethan hat.

Zeuge:   ad  art.1:   affirmat

ad  art.3: affirmat

ad  interrog.. spec. : er sey  nicht  zu.  Hauß gewesen.

Selbstverständlich gab es zu einzelnen Arikeln eine unterschiedliche anzahl von interrogatoria speciales, die wir heute Vorhalte nennen würden. Unverrückbar war aber, dass die Fragen und Vorhalte bereits vorformuliert sein mussten. Von ihnen durfte nicht abgewichen, werden.

Der übliche Umstädter Abschluss des Streits

Der Schluss der Geschichte ist schnell erzählt. Darmstadt wollte „ein exempel in der gemeinschafft“ statuiert haben. Hessen-Kassel, das eigentlich wegen seiner kirchlichen Rechte hätte beteiligt werden müssen, war vergrätzt, weil man Chelius zum Verfahren nicht zugelassen hatte. Die Kasseler blockten deshalb und schrieben am 14.05.1685 nach Darmstadt, man müsse erst einmal den Bericht aus Umstadt abwarten. Im übrigen sei der Fürst in der „Chur in Bad Embs“. Es sei auch geboten,  erst einmal eine „Relation“ (Gutachten)  einholen, was zu tun sei.

Als Elisabeth Dorothea Anfang Juni 1685 erinnerte, doch „hochvernünfftige gedancken ohnbeschwert wissen zu lassen, was endlich im werck zu thun sei“, kam gar keine Antwort mehr. Auch Kurpfalz hüllte sich in Schweigen. Da die Strafen immer gemeinschaftlich zu verhängen waren, ging das Verfahren aus wie so oft in Umstadt, nämlich wie das Hornberger Schießen. Dem Forstknecht Knöth, der ungeschoren davonkam, wird es sicherlich recht gewesen sein. 

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