Ohl´scher Berg

Das „Deutsche Haus“ am Markt in Umstadt
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von Georg Füßler

 

Das „Deutsche Haus“ und das „Lamm“

Nach der von der Landesregierung ge­förderten Devise „Unser Dorf soll schöner werden“  hat sich auch in Umstadt, der Odenwälder Weinstadt, in letzter Zeit manches getan (Anm: Sechzigerjahre). Das reizvolle Bild einer  alten Kleinstadt nicht nur zu bewahren, sondern noch aufzufrischen und Schäden zu beheben, hat bei unserer Bürgerschaft manchen Widerhall gefunden. Das beweisen die vielen Instandsetzungen innerhalb des Stadtbildes. Manches ist allerdings noch zu tun. aber man freut sich doch über die Initiative und die Entschlossenheit vieler Umstädter Bürger, die Schäden der Zeit an ihren Häusern zu beseitigen und ihnen ein schmuckes Aussehen zu geben.

So haben sich auch die Besitzer zweier Jahrhunderte alter Umstädter Gaststätten entschlossen, ihren Häusern ein neues Gewand zu geben und man kann sagen, dass das Gasthaus „Zum Deutschen Hof“ auf dem Marktplatz, wie das „Hotel Lamm“ auf dem Neuen Weg (jetzt: Georg-August-Zinn-Straße)  zu wahren Schmuckkästchen und zur Zierde des Stadtbildes geworden sind.

Umstädter Gaststätten in der Geschichte

Umstadt mit seinen heute fast 40 Gaststätten, war von jeher reich an Wirtshäusern und Schenken. Wenn wir in der Geschichte der Umstädter Gastronomie und der damit verbundenen Brauerei-Bren­nerei- und   Weinküfergewerbe blättern, dann staunen wir. in welcher Blüte diese Erwerbsmöglichkeiten standen Der Weinbau, von den Römern etwa um 100 Jahre nach Chr. hier eingeführt, ist uralt. Die Kunst, Bier zu brauen und starke alkoholische Getränke zu brennen, ist ebenso uraltes Brauchtum. Dass diese guten Gaben „verkonsumiert“ werden mussten, ist klar.

So entwickelte sich von alters her der Stand der Schank- und Gastwirte und hier in Umstadt ganz besonders. Waren zB 1653 hier 4 „Gasthalter und Würthe“, 4 Bierbrauer und 5 Bender (Weinküfer) ansässig, so stiegen diese Zahlen etwa 75 Jahre später (1727) ganz erheblich an. Hier zählte man 26 Gasthalter und zwar 5 Wirte, die Wein und Bier ausschenkten, 16 die nur Weinausschank hatten und 5 die nur Bier verzapften. Dabei brauten 10 Bürger Bier für ihre eigenen Wirtshäuser. Auffällig ist, dass der Weinverbrauch zB 1727 bedeutend höher war. wie der Bierverbrauch. In diesem Jahr wurden von den rund 1400 Einwohnern zB 31 Fuder. 8 Ohm und 18 Viertel Wein vertrunken (ca. 32 000 Liter) während an Bier nur 7 Fuder. 4 Ohm und 10 Viertel durch die Kehlen unserer Altvorderen flossen. 

Der „Deutsche Hof“

Nun zurück zu unseren beiden Gasthäu­sern. Beide haben eine mannigfaltige Ver­gangenheit aufzuweisen, denn sie stehen auf altem Stadtgelände. Man wird ver­stehen, dass wir an  dieser  Stelle nur einen  kurzen  Überblick  über  die Ge­schichte bringen können. Beschäftigen wir uns zunächst mit dem ältesten Haus dem „Deutschen Hof“, das als Marktplatzanlieger in der Stadt steht.

Gasthaus und Ohl´scher Berg
Der „Deutsche Hof“ am Markt , ca. Dreißerjahre

Das Haus mit seinem Kellergeschoss besteht ohne Zweifel weit über 1200 Jahre, denn hier am Marktplatz war die Urzelle der Stadtsiedlung. Im Wandel der Zeilen hatte es viele Besitzer. Einer davon Johann Georg May hat sich 1737 ver­ewigt. Über dem Torbogen an der Curtigasse hat er sein Familienwappen angebracht. In der Mitte des Wappens, das von einer Goldkrone bedeckt und von zwei grünen Lorbeerzweigen flankiert ist, befindet sich ein Schmiedehammer, unter dem die Initialen HGM (Hans Georg May) angebracht sind.  Die Jahreszahl 1737 befindet sich in Einzelziffern an den vier Ecken   Der Umstädter Bildhauer Karl Gansler hat das Wappen, wie das Rundbogentor in künstlerischer Weise renoviert. Fast achtzig Jahre war dann das Haus im Besitz der Sippe May, bis es 1812 Georg Bernhard Lautz, „Rotgerber und Ackermann“ erwarb. 

Dessen Tochter Elisabethe Katharine heiratete 1811 den in Heidelberg geborenen Friedrich Kochenburger. der 1819 das Haus übernahm. Kochenburger war Gastwirt und Seifensieder. Er richtete in dem Gebäude eine Seifensiederei ein und gründete die Gastwirtschaft, welcher er zunächst den Namen „Zum Darmstädter Hof“ gab. Am 25. Dezember 1846 verkaufte er das Haus an den aus Worms stammenden Gastwirt Wilhelm Joseph Curtze. Der neue Besitzer war ein unternehmungslustiger Mann, der aber in Finanzangelegenheiten keine glückliche Hand hatte. Er war, wie man so sagt, der Bauwut verfallen. Zunächst richtete er im Obergeschoss einen Saal ein. Wir lesen im Heimatblatt in den Jahren von 1847 bis 1850 von unzähligen Veranstaltungen, wie Silvesterabende, Bälle, Kirchweihbälle, Erntefeste usw. Im Sommer 1848 nannte er die Hauswirtschaft in „Zum Deutschen Hof“ um. Im gleichen Jahr erwarb er das Grundstück an der Richer Straße (Ohl´­scher Berg), legte dort einen großen Terrassen- und Parkgarten an und erbaute darin ein „Gartenhaus, mit einem Tanzsaal

Die Erinnerungen von Dr. Föppl

Dr. August Föppl, Physiker, Mechaniker
Dr. August Föppl

Der berühmte,  in Groß-Umstadt geborene spätere Professor der Mechanik Dr. August Föppl (dem übrigens in Umstadt eine Straße gewidmet ist) schreibt in seinen „Lebenserinnerungen“ über den Ohl´schen Berg:

„Ein Hügel, der sich dicht an die Stadt anschließt, hieß „der Berg“. Auf ihm war ein größeres Grundstück eingehegt und gartenmäßig angelegt, das einer unter den „Honoratioren “ bestehen­den Gesellschaft gehörte. Es reichte von der Straße, die sich am Fuße hinzog, bis auf den Gipfel des Berges, auf den man über eine Reihe von Treppen hinaufstieg. Oben waren einige Räume vorhanden, in denen bei Festlichkeiten eine. Wirtschaft aufgeschlagen wurde. Im Sommer ver­sammelte sich bei gutem Wetter die Ge­sellschaft an jedem Donnerstag auf dem Berge. Drei dazugehörige Haushaltungen hatten der Reihe nach der Bewirtung zu übernehmen. Das wurde so gemacht, daß jede Hausfrau, die sich beteiligen wollte, vorher einer der Wirtinnen Kaffeebohnen, Zucker, und desgleichen ins Haus schickte. Ich habe selbst häufig im Auf­trage meiner Mutter diese Dinge beför­dern müssen. Am Nachmittage kam man dann auf dem Berge zusammen, verzehrte Kaffee und Kuchen, die Jugend spielte Gesellschaftsspiele, tanzte wohl auch ein­mal, und die Kleinen, zu denen ich ge­hörte, wurden nebenbei auch noch gedul­det. Gegen Abend kamen die Väter, so­weit sie vorher nicht schon dabei sein konnten, und holten ihre Familie heim. Niemand hatte dabei viel mehr als viel­leicht eine Viertelstunde zu gehen.“

Wir haben diese kleine Schilderung aus. der sogenannten „guten, alten Zeit“ hier gebracht, weil die Bergwirtschaft lange Zeit mit der Hauswirtschaft auf das engste verbunden war.

Insolvenz – die Versteigerung

Curtze hatte sich mit dem vielen Bauen doch stark übernommen. Er machte im Mai 1850 Konkurs: Haus und Bergwirt­schaftsgrundstück wurden am 3. 7. 1850 zwangsversteigert allerdings ohne greifbares Ergebnis. Da der vorherige Besitzer Kochenburger noch wesentliche Forderungen aus dem Hausverkauf hatte, kaufte er beide Anwesen zurück. Er war jedoch zur Geschäftsführung schon zu alt und suchte einen neuen Käufer. Wiederum hatte er dabei Pech. Denn der neue Gast­halter Carl Jahn, der am 10. 12.1851 die Wirtschaft wieder eröffnete, hielt es nicht ein Jahr aus und konnte seinen Verpflichtungen nicht nachkommen und wiederum musste Kochenburger das Haus zurücknehmen.

Ab 1853: Familie Ohl (Brücke-Ohl)

Am 14. Januar 1853 werden Haus und Berg erneut versteigert. Diesmal war ein zahlungskräftiger Steigerer vorhanden: Heinrich Ohl 4., der aus dem Brücke-Ohle-Haus stammte und dessen Sippe seit 1576 in Umstadt ansässig ist

Heinrich Ohl 4. war Bäckermeister und baute nun im „Deutschen Hof“ eine Bäckerei ein Die Gastwirtschaft wurde selbstverständlich weitergeführt und sie gedieh als sogenanntes Schildwirtshaus (Berech­tigung zum Beherbergen) auf das Beste. Der Bergwirtschaft widmete er seine besondere Fürsorge.

Ohl´scher Berg mit dem Tempelchen. Jugendherberge.
Tempelchen auf dem  Ohl´scher Berg

Er gab ihr den Namen „Ohl’scher Berg“ und erbaute 1853 das in kleinerem Maßstabe der Akropolis in Athen nachgeahmte Zapfhäuschen, das sog. Tempelchen. 1882 übernahm sein Sohn Georg Ohl 7.. der ebenfalls das Bäckerhandwerk erlernt hatte, beide Betriebsstätten. Sein vorwärtsstrebender kaufmännischer Geist suchte aber nebenbei noch Beschäftigung Auch bei ihm war seine Liebhaberei der „Ohl´sche Berg“. Viele Veranstaltungen, darunter Künstlerkonzerte ließ er dort aufführen.

Als im Jahre 1892 die Molkerei erbaut wurde, wählten ihn die Mitglieder der Molkereigenossenschaft zum Rendanten (=Kassenverwalter), welches Amt er bis 1906 ausübte. Diese Arbeit benötigte aber seine volle Schaffenskraft, so dass er die beiden Wirtschaftsbetriebe verpachten musste. Zunächst war Robert Ziegler, Gastwirt, am 27.07.1903 erster Pächter, ihm folgte am 18 11.1905 August Wagner. Letzterer war aber nur kurze Zeit tätig und von 1906 bis 31.03.1909. versah Franz Karl Wolf die Wirtschaft.

Als dieser ab 1.4.1909 die Bietganßenwirtschaft am Markt pachtweise übernahm, kam Philipp Otto Weber, der zwei Jahre die Schwanen-Wirtschaft an der Richer Straße (heute Dambach) versehen hatte, als Pächter in den Deutschen Hof. Seit dieser Zeit ist die Familie Weber hier ununterbrochen tätig. Weber war außerdem noch Metzgermeister und eröffnete im Hause eine Metzgerei, die im Zusammenhang mit der Gaststätte einen rechten Aufschwung nahm.

Nachdem 1925 Georg Ohl 7. gestorben war, übernahm seine Tochter Anna Ma­ria Ohl den Besitz. Sie beließ die Familie Weber auch weiterhin in ihren Rech­ten und Pflichten. Die Bergwirtschaft war aber nach dem Ersten  Weltkrieg in Abgang geraten. Sie diente eine Zeit lang als Jugendheim und Jugendherberge.

Ab 1957 Familie Weber

Nach dem Ableben der Eltern übernahm dann 1957 der Sohn Georg Heinrich Weber den „Deutschen Hof“ käuflich und führte Gaststätte und Metzgerei weiter, was auch nach seinem Tode durch seine Witwe und ihre Kinder mit bestem Erfolg geschieht. Auch heute noch ist der „Deutsche Hof“ eine gern besuchte Wirtschaft, wo man sich wohlfühlt und wo man mit Speisen und Getränken auf das beste und freundlichste bedient wird. Fast 160 Jahre ist das Haus Aufenthaltsziel vieler Gäste. Möge es noch recht viele Jahre ein gern besuch­ter Treffpunkt zufriedener und sorgloser Besucher, ein Haus moderner, zeitgemäßer Gastlichkeit sein.