Gerichte in Umstadt

Das Landgericht Umstadt
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Wird heute einem Richter ein neuer Aktenvorgang vorgelegt, schaut er diesen vor allem einmal darauf an, ob er überhaupt zuständig ist. Dies ist wohl in allen Gerichtszweigen und Instanzen so. Findet er etwas, was die Zuständigkeit eines Kollegen begründet, bereitet er erleichtert einen Abgabebeschluss vor.

Früher war dies grundlegend anders. Jeder Gerichtsherr, ob dies nun ein Landesherr war, der um die Festigung und den Ausbau seiner Landesherrschaft bemüht war, oder ein kleiner Adeliger, der mit einem Niedergericht (Vogteigericht) belehnt war, achtete eifersüchtig darauf, dass der Zuständigkeitsbereich seines Gerichts nach dem Herkommen erhalten und nach Möglichkeit erweitert wurde, Denn Gerichtsgewalt war zugleich auch Herrschaftsgewalt. Wer dem Gericht unterworfen war und dort auf Ladung zu erscheinen hatte, war dem Gerichtsherrn je nach Art des Gerichts zugleich verpflichtet, bestimmte Leistungen zu erbringen, beispielsweise Abgaben, Frondienste und Ähnliches.

Das Kondominat Kurpfalz/Hessen-Darmstadt 

In Umstadt, das erst seit der großherzoglichen Zeit „Groß-Umstadt“ heißt, war alles dies besonders kompliziert, weil sich dort seit alters her verschiedene Landesherrn die Herrschaft teilten. Seit dem Ausgang des Mittelalters waren dies die Kurfürsten von der Pfalz und die Landgrafen von Hessen, die die Grafen von Hanau verdrängt hatten. Nach dem 30-jährigen Krieg, als im Westfälischen Frieden Kurpfalz wieder in seine Umstädter Rechte eingesetzt worden war, brachen wiederum langanhaltende Streitigkeiten über die Abhaltung des „Umbstadter Land- und Centhgerichts“ aus.

Der Tag des Gerichts

Am 26.5.1667 war es soweit: endlich waren „gewisse Verhindernüsse“ aus dem Wege geräumt, und das Gericht konnte in der Säulenhalle des schönen Umstädter Renaissancerathauses zum ersten Mal seit siebzehn Jahren wieder tagen, um an vier Tagen „frevel“, die in der Cent vorgefallen waren, zu bestrafen. Verfahrensrechtlich war hierfür das althergebrachte Rügeverfahren maßgebend: von jeder Gemeinde hatten bestimmte hierfür beauftragte Personen (sog. Heimburger) die Verpflichtung, vorkommende Straftaten zu „rügen“, wozu sie ein „frevelregister“ zu führen hatten. Die Zustimmung oder eine Strafanzeige des Verletzten war nicht erforderlich. Es handelte sich also um eine Art Inquisitionsverfahren für Bagatellstraftaten, über die das Zentgericht zu entscheiden hatte, das aus 14 Schöffen (12 von der Stadt und 2 aus den zur Zent gehörenden Gemeinden) und dem Zentschultheißen als Vorsitzenden bestand.

Pfeifen und Trommeln  

Am Gerichtstag hatten alle „gangbaren“ Bürger der Cent sich auf dem Umstädter Marktplatz zu versammeln. Der Termin war zuvor an
allen Orten durch Läuten der Glocken angekündigt worden. Die Bürger (damit waren nur die  Männer mit Bürgerrecht gemeint) hatten zum angegebenen Zeitpunkt in militärischer Formation mit ihren Zentgewehren zu erscheinen, marschierend mit Trommeln und Pfeifen, was ein Hinweis darauf ist, dass die Cent von ihrem Ursprung her nicht nur ein Gerichtsbezirk war, sondern ein Schutzverband zur Gefahrenabwehr mit polizeilichen und regionalen militärischen Aufgaben, der wohl im Hochmittelalter im Zusammenhang mit der Landfriedensbewegung entstanden ist.

Die Besetzung des Gerichts

Als am 26.5.1667 sich die Zentbürger in Umstadt versammelten, wie ihnen aufgetragen worden war, hatten allerdings nur die Groß-Zimmerner und Klein-Umstädter Trommeln und Pfeifen dabei, die übrigen waren „ohne Spiel, weilen sie nach der Mannschaft gering“. Der 30-jährige Krieg zeigte seine Nachwirkungen. Aber auch die Umstädter hatten ihre Schwierigkeiten, weil sie keine zwölf Schöffen zusammenbrachten, wie es dem Herkommen entsprach, sondern nur sieben, wovon einer noch krank war. Damit der ganze Gerichtstag nicht aufflog, einigte man sich kurzerhand, „doch ohne präjudiz“, daß diesmal von der Stadt sechs und von den Orten je ein Schöffe gestellt werden sollten, so dass an diesem Tag 15 Personen nebst dem Schultheiß das Gericht bildeten. Sie seien hier namentlich genannt. Ihre Familien deren Namen zum Teil noch heute in Umstadt und Umgebung vorkommen, gehörten zur bürgerlichen Oberschicht:

Paulus Geippel,Hanß Frieß,
Hanß Hundt,
Philips Weyckenandt, war krank,
Heinrich Kunckel
Hanß Rörich,
Hanß Emmerich, alle von Umstadt,
Henrich Sturmfelß für Klein-Umstadt und Richen
Hanß Kam für Semd,
Hans Wetterhahn für Habitzheim,
Bernhardt Poth für Groß-Zimmern,
Hanß Conradt Neuroth für Spachbrücken und Zeilhard,
Valentin Greiffenstein für Raibach,
Caspar Mühlhäußer für Wüstenamorbach,
Wilhelm Schaffeneck für Bensbach,
Philip Eyttenmüller für Nieder-Kainsbach.

Die Schöffen – bekleidet mit „dunkelen Mänteln“ – nahmen an einer langen Tafel Platz, die mit Teppichen bedeckt war. Den Vorsitz führte der gemeinschaftliche Umstädter Centschultheiß Hanß Georg Ganß, der den Gerichtsstab in Händen hielt. Er hatte streng darauf zu achten, dass die althergebrachten Formen des Gerichtsgangs eingehalten wurden. Dabei darf die in ihrer Feierlichkeit und Förmlichkeit sicherlich beeindruckende Selbstdarstellung des Gerichts nicht darüber hinwegtäuschen, dass die letzte Entscheidungsbefugnis nicht bei den Schöffen lag, sondern bei den landesherrlichen Beamten von Kurpfalz und Hessen. Diese saßen als „Centhcommissarien“ auf einem erhöhten Platz an einem besonderen Tisch. Nachdem die Schöffen den Schuldspruch gefällt hatten, setzten sie die Höhe der Strafe fest. Dabei waren sie auch befugt, den Schuldspruch abzuändern. 

Die Formeln des Gerichts

Doch soweit war man an unserem Landgerichtstag noch nicht. Zuerst waren noch allerlei weitschweifige Formalien zu erledigen. Nachdem der Schultheiß die Heimburger aller Orte befragt hatte, ob alle „gangbaren“ Bürger der Orte pflichtgemäß erschienen waren, bat er die herrschaftlichen Beamten um Erlaubnis, dass nunmehr das Gericht seinen Anfang nehmen könne. Als diese nach mancherlei Gegenfragen und -antworten, die hierübergangen werden sollen, den Beginn gestatteten, hätte man annehmen können, nun gehe es mit der Rechtsfindung endlich los. Doch weit gefehlt. Die wichtigste Feststellung stand noch aus, nämlich die Frage an den ältesten Schöffen, ob das Gericht zur rechten Tageszeit einberufen und in wessen Namen es zu hegen sei. Die Hegungsformel ist altüberliefert. Sie ist bereits – mit anderen Worten, aber gleichem Inhalt – im Sachensspiegel des Eike von Repgow enthalten. Mit ihr werden neben der Feststellung, daß das Gericht im Namen des Kurfürsten von der Pfalz und der Landgrafen von Hessen gehegt werde, zugleich gewisse Verfahrensregeln festgelegt, die im Grunde noch heute gelten

Ich verbiete alle unziemliche wort und Überwort, so diesem löblichen Centhgericht möchten schaden bringen.
Undt gebiete auch, daß niemandt sein wort thue, er thue es denn mit erlaubnis.
Undt gebiete auch dem Richter, seinen Stuhl nicht zu räumen, er thue es denn mit erlaubnis.

Diese Worte sprach der Schultheiß, nachdem er sein Haupt entblößt, den Gerichtsstab in die Hand genommen und emporgehoben hatte.Wer heute über die sich immer wiederholenden Formeln lächelt, möge sich vor Augen halten, dass damals viele Leute weder lesen noch schreiben konnten, so dass es von Nutzen war, sich in bestimmten Zeichen und Formen auszudrücken. Die umständliche Einleitung des Gerichtsgangs wurde von dem Normalbürger sicherlich auch nicht als unnötiger Formalismus empfunden; ohne ihn gab es kein Recht, „die Form ist die älteste Norm“ (W.Ebel). Auch heute sind noch eine Vielzahl von Formen und Formvorschriften zu beachten, wie jeder weiß, der mit der Rechtsprechung zu tun hat. Auch wenn sie manchmal lästig erscheinen mögen, dienen sie letztlich dem Schutz der Rechtssuchenden. 

Das Centweistum

Zum weiteren Fortgang des Gerichtsgangs verlas der Schultheiß Wort für Wort das Umstädter Centweistum von 1455, das eine Art Grundgesetz für Aufgaben und Zuständigkeit der Cent war und eine eigene Abhandlung wert wäre» Daraus ging u.a. hervor, dass das Cent- und Landgericht im Rügeverfahren Fälle kleinerer und mittlerer Kriminalität abzuurteilen hatte (Diebstahl, üble Nachrede, Körperverletzung, Jagdvergehen usw.)..

Nachdem dies erledigt war, hatten- alle Personen, die noch nicht vereidigt waren, den Centeid „mit aufgehobenen Fingern leiblich und würcklich zu Gott“ zu leisten. Dies hatte nichts mit den zu verhandelnden Delikten zu tun, die noch gar nicht zur Sprache gekommen waren, sondern mit den Pflichten der Centuntertanen gegenüber der Obrigkeit, wie sie im Centweistum beschrieben waren.

Die Anklage 

Jetzt endlich näherte man sich dem Zeitpunkt, der im modernen Strafverfahren der Verlesung der Anklageschrift entspricht: der Schultheiß fragte zunächst beide Beamten, dann alle Centschöffen und schließlich die Heimburger (heute: die Ortsvorsteher) aller Gemeinden, „waß ihnen als rugbar wißendt sey“. Da man nicht alle begangenen „frevel“ im Kopf behalten konnte, wurden Register mit entsprechenden Aufzeichnungen überreicht, die dann „öffentlich und in publico“ vorgelesen wurden. Zugleich erging das Verbot an Kläger und Beklagte nebst den benannten Zeugen, die Stadt zu verlassen, „biß die frevel erkandt, büß gethäidigt undt die straff bezahlt sei bei nochmaliger poen“.

Musterung der Bürger

Zwischenzeitlich war die Mittagsstunde erreicht; das Schöffengericht trat in die wohlverdiente Mittagspause ein. Der Schultheiß entließ das „CenthvoIck“ und gab ihm zugleich auf, nachmittags mit dem Zentgewehr wieder auf dem Marktplatz zu erscheinen, wenn die Trommel gerührt werde. Dann gingen alle auseinander.

Als sich am Nachmittag die Centuntertanen wieder versammelt hatten, mussten sie zunächst eine Musterung über sich ergehen las­sen. Der Gerichtswachtmeister führte sie, „nachdem er sie in guter Ordnung gestellet‘, vom Markt vor die Stadt aufs Feld und dann wieder vor das Rathaus. Dort besichtig­te er „von Mann zu Mann“ die Gewehre, wobei er „dieselbigen, wo vonnöthen corrigieret“ , . . .auch mit gehörigem Centhgewehr belegt“ . Dann schickte er alle – bis auf die Kläger, die Beklagten und die Zeugen – nach Hause.

Die Verhandlung wird fortgesetzt

Jetzt endlich konnte das Gericht mit seiner eigentlichen Aufgabe – der Rechtsprechung -beginnen. Vier Tage saß man, verhandelte und entschied zwischen 80 und 90 Fälle, vor al­lem aus Groß-Zimmern, aber auch aus Brens-bach und anderen Orten. Besonders eine Majestätsbeleidigung des aufsässigen Jost Geiß aus Groß-Zimmern, sollte noch weite Kreise ziehen. Er hatte behauptet,

 „der Landtgraff   (gemeint   war   Landgraf   Ludwig   VI. von  Hessen-Darmstadt)   habe  nit so viel macht,    daß   er   eine   tote   katze   in   Zimmern übern   weg   schleiffen   dürfe“,  

womit er in polemischer Form auf die umstrittenen und verwickelten Zuständigkeiten des Zimmerner hessisch-wamboltischen Landsiedelgerichts hinwies. Damit hatte er sich viel Är­ger eingehandelt.

Der Fall bleibt unentschieden

Das Zentgericht überwies die Entscheidung, „weil der frevel gar zu hoch und ihm fast zu schwer sei“ an die herrschaftlichen Beamten. Der Fall eskalier­te in den folgenden Jahren und führte bis zur Entführung und Gefangennahme des Zimmerner hesslsch-wamboltischen Schultheißen Wolff Held, der als Geißel ins Habitzheimer Schloß gesteckt wurde.

Vielleicht kann darüber und über weitere Fälle, die während der vier Tage verhandelt wurden, ein andermal berichtet werden.

Anmerkung: Veröffentlicht im JUSTIZREPORT 1987