Rebellion in Umstadt

Die "Hall" auf dem Markt 1712
_____________________

 

Der Umstädter Marktplatz 1712

Im Jahr 1712 sah es um die Umstädter Finanzen schlecht aus. Die Nachwirkungen des 30-jährigen Krieges mit seinen verheerenden Folgen waren bei weitem noch nicht verkraftet. Die öffentlichen Gebäude befanden sich in einem schlechten Zustand. Das Rathaus, das gerade in unseren Tagen neu hergerichtet wird, war vom Verfall bedroht.

Rathausentwurf 1715 des Architekten  Sonnemann

Der Umstädter Stadtrat beabsichtigte allen Ernstes einen Abriss und Wiederaufbau im barocken Stil. Was fehlte, war aber das liebe Geld. Die Herren überlegten, was sie aus städtischem Vermögen verkaufen könnten.

 Dabei fiel die Wahl auf ein öffentliches Gebäude, das heute keiner mehr kennt: die sogenannte »Hall« auf dem Markt. Die Hall stand direkt an der Umgrenzungsmauer des Kirchhofs neben dem südlichen Eingang zur Kirche. An sie schloss sich (ebenfalls an die Mauer gebaut) die damalige lutherische Stadtschule an. Auch dieses Gebäude gibt es heute nicht mehr. In den archivalischen Akten des Staatsarvhiist eine kleine Skizze aus dem Jahr 1712 erhalten geblieben. 

Marktplatz, Hall, Schule
Der Markplatz 1712. (1) ist die Stadtkirche, (2) das Rathaus, (3) das reformierte Pfarrhaus, (4) die lutherische Schule und (5) der Platz, an der die Hall stand.

Kein Mensch wusste, wann und zu welchem Zweck dieser Bau errichtet worden war. Man nannte ihn auch die »Bäckers Schrannen«, was ein Hinweis darauf war, dass ihn die Bäcker einmal als Verkaufsstand genutzt hatten. Aber daran konnte sich zu jener Zeit niemand mehr erinnern. Andreas Kern, Mitglied im Stadtrat und von Beruf Bäcker, wusste davon nichts mehr. Er hatte auch nie etwas darüber von seinem Vater gehört.

Das schuppenähnliche einstöckige Gebäude (ungefähr 6 auf 3 ½  Meter) war nach vorne zum Markt hin offen und durch hölzerne Säulen abgestützt. Es diente keinem bestimmten Zweck mehr, außer dass die Stadt dort ihre Feuerwehrleiter aufbewahrte. Manchmal kam es auch vor, dass sich in der Hall auswärtige Kirchgänger unterstellten bis zum Beginn des Gottesdienstes. Man erinnerte sich auch noch daran, dass früher die Nachtwächter die Hall zeitweise als Unterkunft genutzt hatten. Davon war man aber abgekommen, nachdem sie mehr und mehr in Verfall geraten war. Zuletzt bewahrten dort nur noch Nicklas Stuckert und Johann Martin Mohr einige Geräte auf und lagerten Holz. Sie hatten sich häufig mit den Kindern aus den angrenzenden Schulen herum zu ärgern. Die nutzten die Hall als Spiel- und Tummelplatz und verrichteten dort nur zu oft ihre Notdurft.

Die Versteigerung der „Hall“

Was lag also für den Stadtrat näher, als diesen nutzlosen Schuppen zu verkaufen? Dies erschien wirtschaftlich gesehen sinnvoll, hatte aber weitreichende Folgen für den Frieden in der Stadt wie sich noch zeigen sollte. Fast alle Ratsmitglieder stimmten für den Verkauf. Nur Stuckert und Mohr waren dagegen, weil sie die Hall weiterhin für ihre Zwecke behalten wollten. Nach dem ungeschriebenen Umstädter Stadtrecht musste das Verkaufsangebot der Stadtherren drei Mal »aufgesteckt« (veröffentlicht) werden. Dies geschah, wie damals üblich, während der Sitzung des sog. Haingerichts, zu dem die Bürger zu erscheinen hatten.

Am 4. März 1712 war es so weit: in der Ratsstube des Rathauses hatten sich verschiedene Interessenten eingefunden. Die Hall wurde meistbietend feilgeboten. Jeder konnte nach Belieben Gebote abgeben, die der Stadtschreiber sorgfältig protokollierte. Johann Veiten Kunckel, der Schuhmacher Johann Georg Haaß, Johann Philipp Dießling und der Italiener Jacob Straulini überboten sich gegenseitig. Nach einigem hin und her erhielt Straulini für das stattliche Gebot von 292 Gulden den Zuschlag.

Straulini, ein Katholik, erwirbt die Hall

Der Erwerber, der noch nicht lange Bürger in Umstadt war, war von Beruf Krämer. Er beabsichtigte, die Hall abzureißen und an der gleichen Stelle ein neues, unterkellertes Gebäude mit einem Kramladen zu errichten. Damit war der Rat ausdrücklich einverstanden. Im Kaufvertrag, den der Stadtschreiber ausfertigte, war festgehalten, dass das neue Gebäude nicht höher, breiter und länger  sein sollte als die Hall gewesen war. Auch sollte die Feuerwehrleiter dort auch in Zukunft aufbewahrt werden. Schließlich war die Treppe der benachbarten Stadtschule frei zu halten. Straulini war mit allem einverstanden. Der Stadtrat freute sich über das außerordentlich günstige Geschäft, das . Man war die Hall, die zu nichts mehr nütze war, für den stolzen Preis von 292 Gulden los.

Die Bauarbeiten beginnen  

Noch war alles friedlich, als auswärtige Maurer drei Tage nach dem Verkauf anrückten, um die Hall-Gebäude  abzureißen und den Keller auszuheben. Bald hatten sie nach dem Abriss, der rasch vonstatten ging, ein stattliches Loch in den Marktplatz gegraben. Als sie etwa 2 m  Meter tief in der Erde waren, stießen sie plötzlich auf eine Anzahl menschlicher Totengebeine. Die Toten waren dicht an dicht nebeneinander begraben in einer Reihe, insgesamt in der Länge der ausgehobenen Grube etwa zehn an der Zahl.

Die Arbeiter, die vorankommen wollten, machten nicht viel Federlesens. Sie legten die Gebeine auf einen Haufen und gruben weiter. Bald kam eine weitere Reihe von Toten zu Tage, und als sie diese ausgegraben hatten, schließlich noch eine. Insgesamt waren es etwa fünfzig Tote, die auf engstem Raum zusammenlagen.

Der Protest der Lutheraner und Reformierten

Die Neuigkeit verbreitete sich in der Stadt in Windeseile. Eine Anzahl von Bürgern lief an Ort und Stelle zusammen. Sie protestierten, als die fremden Arbeiter »mit schimpflichen Worten«  die Gebeine zusammenwarfen und sich anschickten, sie auf einem Karren vor die Stadt zu fahren, um sie dort »in einem Haufen« zu begraben. Der Ruf nach der Obrigkeit wurde laut. Unglücklicherweise war der Hessen-darmstädtische Amtsverweser Homberg gerade nicht in Umstadt. Er war nach Darmstadt gefahren, um dort über die städtischen Finanzen Rechnung zu legen. Der pfälzische Beamte Dickhaud, der in der Bevölkerung nicht besonders beliebt war, bequemte sich auf Bitten des reformierten Kirchenältesten  Johann Henrich Seyfried an die Baustelle. Er  ließ den Bürgermeister Joachim Bopp hinzurufen, der gerade in der »Krone« seinen Schoppen trank. Die Amtspersonen sahen jedoch —    im Gegensatz zum weit überwiegenden Teil der aufgeregten Bevölkerung — keinen Grund zum Eingreifen.  Dickhaud zeigt sich nicht besonders beeindruckt, als der Kirchenälteste Seyfried klagte, die Gebeine würden durcheinander geworfen, „ohne auf die geistlichen Verhältnisse zu achten“., womit er meinte, dass Lutherische und Reformierte nicht auseinandergehalten wurden. Diese Unterscheidung kümmerte allerdings Dickhaud wenig, der als pfälzischer Amtsverweser die Dinge aus katholischer Sicht sah. Überhaupt hielt er alles Klagen für übertrieben und befahl den Leuten, nach Hause zu gehen. Der Stadtrat habe das Gelände rechtmäßig verkauft und dem Erwerber Straulini gestattet, dort zu bauen. Die Toten seien ordentlich auf dem Kirchhof zu bestatten. Also gebe es nichts, worüber man sich aufzuregen habe.

Die Bürger gingen nur widerwillig auseinander. Sie getrauten sich (noch) nicht, Dickhaud zu widersprechen. Der Konflikt schwelte jedoch weiter. Am nächsten Morgen rief Johann Henrich Seyfried den lutherischen Pfarrer Georg August May an die Baustelle. Dazu kamen noch Johannes Fliess, Johann David Emrich und einige andere. Der Pfarrer war entsetzt, als er die Totengebeine herumliegen sah. Zum Teil hatte man angefangen, Löcher im Kirchhof an der Kirche zu graben. Dabei waren die Totengräber auf den Sarg der Ehefrau eines Ratsmitglieds gestoßen, den sie zerstört hatten, um Platz für die „neuen“ Totengebeine zu schaffen. Der Pfarrer befahl den Arbeitern, sofort aufzuhören. Johann David Emrich schimpfte, es wäre besser, wenn man die Maurer im Loch mit ihren Schippen totschlage, die Erde darauf schmeiße und sie zudecke. Nun war den Arbeitern die Sache nicht mehr geheuer. Sie entfernten sich von der Baustelle, um sich weitere Instruktionen zu holen.

Die Position des pfälzischen Amtsverwesers 

Seyfried, der nicht nur Kirchenältester, sondern auch Mitglied des Stadtrates war, eilte zu Dickhaud und brachte die dringliche Bitte vor, die Einstellung der Arbeiten sofort zu verfügen. Der dachte aber nach wie vor  nicht daran. Er war im Gegenteil darüber entrüstet, dass Pfarrer May sich unterstanden habe, an Ort und Stelle ohne Rückfrage Anweisungen zu geben. Seit wann denn die Geistlichen in Umstadt zu befehlen hätten, fuhr er den verblüfften Seyfried an. Ob er – Seyfried – denn richt selbst im Stadtrat für den Verkauf der Hall gewesen sei?

Immerhin versprach Dickhaud,  die Angelegenheit mit Homberg, dem hessischen Kollegen, zu beraten, wenn er aus Darmstadt zurückgekehrt sei. Mehr konnte Seyfried an diesem Tag nicht erreichen.

Sehnsüchtig warteten nun die Umstädter auf die Ankunft von Homberg, die am nächsten oder übernächsten Tag anstand. Zwischenzeitlich wurde allerdings die Stimmung in der Bevölkerung immer hitziger. Wilde Gerüchte und Vermutungen kursierten. Zu deren Hintergrund muss man wissen, dass der überwiegende Teil der Umstädter Bürgerschaft lutherisch, ein kleiner Teil reformiert war. Dazu kam eine kleine katholische Minderheit, die unter dem Schutz der pfälzischen Landesherren stand. Seit 1700 hatten die Katholiken es nach und nach gegen den erbitterten Widerstand der Lutheraner durchgesetzt, dass sie im Pfälzer Schloss ihren Gottesdienst halten konnten. Jetzt kam in der Bevölkerung der ganze Unwille wieder hoch. Wie kam es überhaupt, so hieß es, dass der Katholik Straulini Bürger in Umstadt habe werden können? Wenn dies so weitergehe „würden sich noch mehr Katholiken einnisten„. Überhaupt sei es unerhört, dass der Krämer Straulini unmittelbar neben dem Eingang zur Kirche ein „Kauff- und Branntweinhaus“ errichten wolle und damit den Gottesdienst störe. Die Gerüchte verstiegen sich sogar zu der Behauptung, der katholische Pfarrer habe sich von den Arbeitern Totenschädel geben lassen und sie seinen Hunden zum Kugeln gegeben, auch hätten die Arbeiter ausgegrabene Schädel genommen und sie mit den Worten gegen die Kirchhofsmauer geworfen: „dies ein Lutherischer, dies ein Reformierter!“ und was noch alles mehr. Diese emotionsgeladende Stimmung fand der   Homberg vor, als er von Darmstadt zurückkehrte.

Die Deputierten der Stadt

Aus der Bürgerschaft hatte sich inzwischen eine Gruppe gebildet, die „Deputierte“ genannt wurden. Dabei handelte es sich um einen Personenkreis angesehener Bürger außerhalb des Stadtrats, der für sich in Anspruch nahm, die wahren Interessen der Bevölkerung (oder auch, was er dafür hielt) gegenüber der Obrigkeit zu vertreten. Deputierte waren: Johann Adolph Fließ, Johann Ludwig Henrich, Gg. Adam May, Balthasar Brenner, Balthasar Ludovici, Peter Deschner, Niclas Stuckert, Christian Weygandt, Caspar Umstädter, Peter Dittrich und Peter Aydtmann. Die Wortführer bedrängten Homberg, Ordnung auf dem Markt zu schaffen und alle weiteren Bauarbeiten zu unterbinden. Dies war jedoch leichter gesagt als getan. Wegen der geteilten Landesherrschaft konnte Homberg eine Entscheidung nicht alleine, sondern nur zusammen mit seinem Amtskollegen Dickhaud treffen. Ein Trost blieb: Bereits am nächsten Tag, dem 22.April 1712, war Amtstag. Dann sollte so oder so entschieden werden.

Der Amtstag vom 22. April 1712 

Rathaus um 1900. Hier fand – im ersten Stock – der Amtstag statt.

Die Positionen der Amtsleute waren konträr.  Dickhaud  verteidigte entschlossen den Beschluss des Gemeinderats. Zum Ärger seines Gegners spielte er sich – anders als bei früherer Gelegenheit – plötzlich als ein Verteidiger gemeindlicher Freiheitsrechte auf. Er argumentierte, die Stadt könne doch nach Belieben Grundstücke verkaufen und Bauten genehmigen. Die Herrschaft habe sich da nicht einzumischen. Die Bürgerschaft, vertreten durch den Unterrat, sei gehört worden. Niemand habe widersprochen, wenn man einmal von den eigennützigen Motiven zweier Nutznießer absehe. Diejenigen, die jetzt am lautesten schrieen, nämlich Johannes Fließ und Johann Martin Mohr, seien nur deshalb dagegen, weil sie selbst ein  Kramladen in Bauplatznähe hätten und die Konkurrenz des Italieners fürchteten.

Homberg, der die Sache aus hessischer (und damit aus lutherischer) Sicht sah, machte sich für einen sofortigen Baustopp stark. Er erklärte, das Gelände gehöre praktisch zum Kirchhof, weil dort Totengebeine gefunden worden seien. Deshalb habe sich auch Pfarrer May zu Recht eingemischt. Es könne auch nicht angehen, so wetterte Homberg, dass neben dem Eingang der Kirche ein „gottloses Sauf- und Spielhaus“ entstehe. Der Beschluss des Stadtrats sei mehr auf „Fressen und Saufen beruhend“ als auf Erhaltung „der gemeynen policey“.

Dickhaud war von diesen starken Worten wenig beeindruckt. Der Bau eines neuen Hauses sei ein „Zierrat für die Stadt“. Im übrigen habe auch der Jude Joseph in der Nähe der Kirche einen Kramladen, ohne dass sich jemand darüber besonders aufrege. Es seien auch bei anderen Bauarbeiten am Markt und in der Stadt immer wieder Totengebeine gefunden worden. Da habe man nicht einen solchen Lärm gemacht. Dann legte Dickhaud den Finger auf die Wunde: Der einzige Grund für den Widerstand gegen den Neubau sei, dass ein Katholik das Hallgelände erworben habe. Jetzt ärgerten sich die Lutheraner nur darüber, dass sie bei der Versteigerung überboten worden seien.

Es darf weiter gebaut werden

Die Verhandlungen endeten wie das Hornberger Schießen. Die Beamten gingen auseinander, ohne eine Entscheidung getroffen zu haben. Mit anderen Worten: Es konnte weitergebaut werden. Mit dieser Hiobsbotschaft lief der Stadtschreiber in das Darmstädter Schloss,  wo Johann Fließ mit einigen anderen gespannt auf den Ausgang des Amtstages wartete. Jetzt stieg die Stimmung zum Siedepunkt. Die Nachricht, dass Homberg nichts erreicht habe, verbreitete sich in Windeseile in ganz Umstadt. Wer die „Regie“ für die nachfolgenden Ereignisse übernommen hatte, ließ sich nie ganz klären. Nach allem, was man weiß, muss es wohl Fliess gewesen sein, der „durch conspiration eine Rotte von Bürgern zusammengeführt habe“, wie man ihm später vorwarf.

Die Rebellion der Umstädter 

Doch davon wusste Dickhaud noch nichts, als er am späten Nachmittag zufrieden über das Ergebnis seiner Verhandlungen in seine Wohnung im Pfälzer Schloss ging. Er dachte sich auch noch nichts Böses, als die Glocken der Stadtkirche eine Stunde früher als gewöhnlich läuteten. Er wurde erst aufgestört, als der katholische Kirchendiener aufgeregt gelaufen kam und rief, einige Umstädter hätten damit begonnen, die Baugrube auf dem Markt wieder zuzuschippen. Dickhaud, der ein jähzorniger Mann gewesen sein muss, packte kurz entschlossen seinen Degen und rannte schnurstracks zum Markt. Er sah zu seiner Erleichterung, dass nur wenige „Buben und Knechte“ damit beschäftigt waren, Erde in das Loch zu schippen. Mit „entblößtem Degen“ sprang er in die Grube, um den „despectierlichen Aufruhr“ zu beenden. Dies gelang auch leicht. Die Aufrührer ergriffen erschreckt die Flucht.

Jedoch hatte Dickhaud die Rechnung ohne den Wirt gemacht: plötzlich tauchte Johannes Fließ auf, der in der Nähe gewartet hatte. Er sprang in die Grube, zog dem verdutzten Dickhaud den Hut ins Gesicht und rief: „Herbei, oh ihr Bürger!“. Wie auf Kommando strömten nun aus allen Ecken die empörten Umstädter auf die Baugrube zu, „bewaffnet mit Hauen und Schippen“. Manche schrieen: „Schlagt den Hund tot!“ und ähnliches. Auf dem Markt war „Jubel und Mordgeschrei“. Um die 1000 Leute – also praktisch ganz Umstadt – waren nach späteren Schilderungen auf den Beinen. Auch die „Bürgerweiber“ waren mit dabei. Sie hatten Laternen dabei, die den Spuk beleuchteten, und kreischten um die Wette. Dickhaud, der um sein Leben fürchtete, sah sich genötigt, schleunigst „zu retirieren und von allen weiteren protestationen abzusehen.“ Er kletterte aus der Grube und lief, begleitet von „Scheltworten und Steinwürfen“, zurück zum Schloss. Vergebens schickte er von dort aus seinen Schreiber ins Darmstädter Schloss zu Homberg, „um die rebellion anzuhalten“. Es nützte nichts. Am nächsten Tag war von der Baugrube nichts mehr zu sehen. Die Umstädter hatten sie zugeschippt.

Die Untersuchungskommision

Dickhaud und Homberg schickten sofort aufgeregte Berichte an ihre Herrschaften in Heidelberg und Darmstadt. Der Pfälzer Amtsverweser, der sich immerhin mit dem stolzen Titel „Cammerrath“ zierte, klagte, er wäre von den „Umstädter Rebellen“ mit Sicherheit totgeschlagen worden, wenn er es gewagt hätte, nochmals zum Markt zurückzukehren. Er bat den Kurfürsten dringlich, ein „exempel zu statuieren gegen die Rädelsführer samt den pflicht- und treulosen Unterthanen“. Der Hesse Homberg, der ganz andere Sorgen hatte, schlug dem Landgrafen Ernst-Ludwig vor, Straulini das Gelände wieder wegzunehmen und die Hall wieder aufzubauen. Die beiden Herrschaften waren sich schnell darin einig, dass etwas gegen die Rebellion getan werden musste. Sie handelten wie heutige Politiker, wenn sie nicht weiter wissen: Sie entschlossen sich zur Einsetzung einer Untersuchungskommission, die aus je einem Beamten aus Heidelberg und Darmstadt bestehen sollte. Von Kurpfälzer Seite war dies Regierungsrat Fleck, dem das Schicksal beschieden war, sich noch jahrelang mit Umstädter Querelen herumschlagen zu müssen.

Fleck und sein Darmstädter Kollege leiteten am 12.5.1712 ihre Untersuchungen ein; Sie versuchten, durch Zeugenvernehmungen den Sachverhalt zu klären, so wie wir dies auch von heutigen Untersuchungskommissionen im politischen Bereich kennen. Die Interessen der Bürgerschaft vertrat nicht etwa der Stadtrat, der völlig unter der Fuchtel der Herrschaften stand, sondern die bereits früher genannten Deputierten. Sie forderten, die Toten an der ursprünglichen Stelle wieder zu begraben und die Hall wieder zu errichten. Doch davon wollte auch die Darmstädter Herrschaft nichts mehr wissen, um nicht noch mehr Unfrieden zu stiften. Auch das Begehren Dickhauds, die „Aufrührer ohne Gnad an leib, hab und gut exemplarisch zu bestrafen“, stieß auf wenig Gegenliebe. Straulini, der ein „Bauwerk gern befördert“​ haben wollte,  weil er schon alles Notwendige angeschafft habe,  blieb ungehört.  Mit der Beseitigung der Baugrube hatten die Bürger, mochte man es sehen wie man wollte, vollendete Tatsachen geschaffen. Um hier eine Abänderung zu erreichen, war wiederum eine Einigung beider Herrschaften nötig. So, wie die Umstädter Verhältnisse seinerzeit im Allgemeinen, und in diesem Fall im Besonderen lagen, blieb im Zweifel alles beim Alten.

Das Ergebnis nach Umstädter Art

Die   Untersuchungskommission   ging   ohne greifbares Ergebnis auseinander. Fleck, der ein kluger Kopf war, hatte zwar den wahren Kern der Affäre erkannt. „Es ist sehr glaublich“, so schrieb er an seinen Herrn, „dass die Bürgerschaft nit so stark dagegengesetzt habe, wenn nit des Käufers catholische Religion ihnen zuwider gewesen sei, und er als Bürger daselbst (also in Umstadt) verbleiben wolle“. In einem waren sich die Herrschaften aber einig: Es war eine unerhörte Anmaßung, dass praktisch alle Umstädter Einwohner eigenmächtig einer herrschaftlichen Anordnung zuwidergehandelt hatten. Es musste ein Exempel statuiert werden, wobei allerdings nicht so drastische Maßnahmen in Betracht kamen, wie sie Dickhaud vorschwebten.  Das Problem war nur: wen sollte man bestrafen?“ Die zuständigen Beamten kamen nach langwierigen Überlegungen und Verhandlungen, die sich fast zwei Jahre hinzogen, auf die unglückselige Idee, zweimal 67 Reichstaler als Strafe gegen die gesamte Bürgerschaft zu verhängen,  dazu  sollten  120 Gulden Kommissonskosten bezahlt werden.  Anfang 1714 verkündete Dickhaud im Rathaus  zum Haingerichtstag mit Genugtuung den Strafbeschluss. Die Strafe war nicht etwa aus dem Stadtsäckel, sondern von allen Bürgern zu bezahlen. Damit war aus herrschaftlicher Sicht ein Schlussstrich unter die Affäre gezogen, was sich allerdings als Irrtum herausstellen sollte. Denn gleich nach der Verkündigung stand der Deputierte Leonhard Lengfelder „vor versammelter Bürgerschaft“ auf und rief die unerhörten Worte: „Diese Strafe nehmen wir nicht an!“.

Damit war nichts anderes als ein erneuter Akt der Rebellion in der Welt, der nicht folgenlos bleiben konnte, wollte die Herrschaft nicht das Gesicht verlieren. Jedoch ist dies eine andere! Geschichte, die vielleicht ein andermal erzählt werden kann.

Peter Füßler

Vermerk: Abgedruckt in drei Teilen im OB 1990