Umstadt wird hessisch

Das vergessene Jubiläum im Jahr 2004

Ist Umstadt eigentlich hessisch? Ja, selbstverständliche wird jeder antworten und die Antwort ist auch nicht falsch. Und doch hat es mit dem Hessischen für unsere Stadt eine besondere Bedeutung. Denn es ist nicht – wie etwa Darmstadt und Umgebung – auf gütliche Art zu Hessen gekommen, sondern durch Krieg um pfälzisches Erbe. Die Hessen rühmten sich, sie hätten Umstadt „mit dem Schwert erobert“. Als sich dies im Jahr 2004 zum 500sten Mal jährte, dachte niemand (oder doch sehr wenige) an dieses Jubiläum. Mit dieser kleinen Abhandlung sollte daran erinnert werden. Doch eines nach dem andern.

Alles fing mit einem freudigen Ereignis an: mit einer Fürstenhochzeit, die so berühmt war, dass sie noch heute – alle vier Jahre – gefeiert wird. Es ist das größte historische Fest in Deutschland und findet in Landshut statt.

Die Landshuter Fürstenhochzeit

Herzog Georg der Reiche Landshut

Herzog Georg der Reiche

Jadwiga Jagiellonka

Im Jahr  1475 heiratete der Landshuter Herzog Georg der Reichein einem prächtigen Fest die polnische Königstocher Jadwiga.Über 10.000 Gäste kamen nach Landhut, jubelten, tanzten und feierten. Kaiser Friedrich III führte die Braut zum Altar.  Die Ehe des Herzogs stand allerdings unter keinem guten Stern: sie blieb ohne männlichen Nachkommen. Georg der Reiche setzte daher seine Tochter Elisabeth als seine Erbin ein, die mit Ruprecht von der Pfalz verheiratet war. Damit verstieß er allerdings gegen Wittelsbacher Hausverträge, die der männlichen Erbfolge den Vorrang gaben. Das Ergebnis war vorprogrammiert: es kam zum Erbfolgekrieg, als Georg der Reiche am 01.12.1503 verstarb.

Veste Otzberg bei Umstadt
Veste Otzberg
Schloss, von Kurpfalz erbaut
Pfälzer Schloss am „Neuen Weg“

Kurpfalz traf hektische Kriegsvorbereitungen für das Amt Otzberg, zu dem es Umstadt kurzerhand dazu zählte. Die Bilanz war kläglich. Es standen für diesen Bereich gerade einmal 86 Mann in Waffen zur Verfügung, davon 40 Spießer mit 4 Spießwagen und 24 Büchsenschützen. Auf dem Otzberg gab es 15 kupferne „Hakenbussen“  (kleine Handkanonen mit Haken, die man auf die Schießscharte legte), im Pfälzer Schloss in Umstadt gerade einmal 3 Stück dieser Waffen, allerdings „kein Pulver“. Ersatz war nicht in Sicht. In aller Eile sollten auf Kosten der Herrschaft Zinnen auf der Stadtmauer (jeweils drei, davon eine offen) und weitere Bollwerke geschaffen werden, beispielsweise am „Newen Thurm“(wohl der neue Turm am Bachtor) und am Dieburger Tor.  Die herrschaftlichen Häuser sollten mit starken Riegeln versehen werden.

Weitere ähnliche Maßnahmen, die in einem „Reißbuch“ von 1504 aufgeführt sind, sollten die Sicherheit erhöhen, wobei zweifelhaft ist, ob dies alles in der Kürze der Zeit durchführbar war.

Landgraf Wiolhelm II von Hessen (1469-1509)

Landgraf Wilhelm II von Hessen  

Nach dem Tod Georgs des Reichen sprach Kaiser Maximilian das Landshuter Erbe der Münchener Linie zu und belegte Ruprecht mit der Reichsacht.Mit deren Vollzug beauftragte er u.a. den hessischen Landgrafen Wilhelm II., der – anders als sein Vater – habsburgisch-kaiserlich eingestellt war.Der Krieg nahm – jedenfalls in der hiesigen Gegend – einen raschen Verlauf.Wilhelm II. zog mit ca. 30.000 Mann von Marburg aus in das Gebiet des heutigen Südhessen. Am 05.06.1504 fiel Umstadt ohne große Gegenwehr in seine Hand. Der lichtenbergische Amtmann Reinhard von Boineburg fand vor denToren der Stadt den Tod. Viele der umliegenden Dörfer wurden verwüstet. Huppelnheimund Wächtersbach gingen völlig unter. Die überlebenden Einwohner von Wächtersbach (darunter die Familie Emmerich) bildeten in den folgenden Jahrhunderten eine besondere Gemeinde in Umstadt. Noch während des Krieges im August 1504 sprach Kaiser Maximilian den Hessen die Stadt Umstadt – damals mit ungefähr 1100 Einwohnern etwa so groß wie Darmstadt – als Schadensersatz zu.
Aber der Besitz der Stadt war noch nicht gefestigt. Zwar entfiel der Anlass des Krieges, als Pfalzgraf Ruprecht und seine Ehefrau Elisabeth bereits 1504 verstarben. Der Kaiser und die Pfälzer versöhnten sich wieder, waren sich aber nicht einig, was mit Otzberg und Umstadt geschehen sollte. Die neue hessische Herrschaft hatte deshalb ihre Mühe, sich in den Ämtern Umstadt und Otzberg durchzusetzen. Als die Lengfelder 1506 sich pfälzisch-widerborstig zeigten und nicht zum festgesetzten Tag des Centgerichts erschienen, fiel der Landgraf mit Ross und Reiter dort ein. Seine Soldaten plünderten den Ort,stahlen das Vieh und rissen sogar „etlichen weibern und döchtern den Schleier und die Kleider vom Leibe.“

Die Einigung – Umstadt verliert

Erst auf dem Reichstag zu Worms 1521 kam es zu einer Einigung. Kurpfalz trat wieder in seine alten Rechte in Umstadtein.Die Orte des Amts Otzberg schieden aus dem Centverband aus, demfortan Hessen und Kurpfalz in ungeteilter Herrschaft vorstanden. Hanau verlor gegen Zahlung von 12.000 Gulden seine alten Umstädter Herrschaftsrechte und nahm zusätzlich Kleestadt, Langstadt, Schlierbach, Harpertshausen und Schaafheim ins hanauische Babenhausen mit. Diese vertraglichen Regelungen, die Umstadt und seine Cent empfindlich schwächten, hatten ihren Hintergrund in der Bedrohung der Stadt und ihres Umlands durch den Reichsritter Franz von Sickingen. Sie zwang die vorher verfeindeten Hessen und Pfälzer zu einem Bündnis. Philipp der Großmütige, der Landgraf von Hessen, wäre sonst wohl kaum bereit gewesen, das von seinem Vater „mit dem Schwert“ eroberte Umstadt teilweise wieder heraus zu geben.
1803 kam Umstadt im Rahmen der napoleonischen Neuordnung vollends zu Hessen und blieb es bis zum heutigen Tag. Dass seine Herrschaft am 05.06.2004 ein halbes Jahrtausend alt ist, sollte mit dieser kleinen Abhandlung in Erinnerung gerufen werden.